Wenn aus Hass plötzlich Liebe werden muss: Die niederländische Regierung forciert die Fusion von zwei verfeindeten Fußballclubs. Eine absurde Provinz-Posse
Kein einziges Spiel, aber eine Flut von Rücktritten. Keine Mannschaft, doch hochtrabende Pläne auf europäischer Ebene. Und erst recht keine Fans, dafür um so mehr Polizeieinheiten, um die Gegner des Retortenprojekts in Schach zu halten. Selten hat ein Verein, den es eigentlich gar nicht gab, so viel Staub aufgewirbelt wie Sporting Limburg.
Anfang April schien es beschlossene Sache: Roda JC Kerkrade, Ehrendivisionär mit Abstiegssorgen und Liquiditätsproblemen, und der benachbarte Zweitligist Fortuna Sittard, mit massiven Schulden und Lizenzsorgen, sollen fortan zum fußballerischen Aushängeschild Limburgs verschmelzen. Eine Expertenkommission, die seit dem Herbst die Chancen dieses Projekts eruiert hatte, präsentierte Namen, Logo und Geschäfts
tierte Namen, Logo und Geschäftsplan und jubilierte: "Schwere Geburt, schönes Kind!" Beim folgenden Heimspiel von Roda JC Kerkrade gratulierten deren Fans, indem sie ihre Sitze demontierten und aufs Spielfeld beförderten. Aufregung bei der KonkurrenzEine Woche später wurde in Limburg das plötzliche Ende der Fusionspläne verkündet. Die Provinzregierung zog ihre Zusage zurück, dem neuen Club mit sechseinhalb Millionen Euro unter die Arme zu greifen. Ihre Bedingung, dass erst die Schuldenlast der Clubs getilgt sein muss, sei nicht erfüllt worden. In Kerkrade sprang die Gemeinde in die Bresche. Die Stadt Sittard jedoch wollte ihrer Fortuna, aus deren Talentschmiede einst auch Bayernkapitän Van Bommel hervor ging, partout nicht unter die Arme greifen. Der neue Verein Limburg Sporting hätte somit Verbindlichkeiten in Höhe von fünf Millionen Euro geerbt.Doch es gibt noch einen weiteren Grund: Die saftige Finanzspritze aus dem öffentlichen Haushalt, notdürftig getarnt als Subvention für gesellschaftliches Engagement, sorgte für Aufregung bei der Konkurrenz. Im fußballverrückten Limburg gibt es mit dem Zweitligisten MVV Maastricht und VV Venlo, frisch gebackener Aufsteiger in die Ehrendivision, zwei weitere Proficlubs, die umgehend protestierten. "Damit könnten sie unsere besten Spieler kaufen", fürchtete Venlos Vorsitzender Hai Berden. "Jeder in Limburg hat dafür bezahlt, auch wir. Also kann man nicht einen Club unterstützen und den anderen nicht." Der Verdacht der Wettbewerbsverzerrung ist unter diesen Vorzeichen kaum aus der Welt zu räumen.Die jüngsten Ereignisse waren indes nur das fulminante Finale einer ungenierten Annäherung zwischen Sport, Politik und Wirtschaft, die das zwischen Deutschland und Belgien eingekeilte Limburg seit einem Jahr in Aufruhr versetzte. Anfang 2008 regte Gouverneur Leon Frissen das damals noch FC Limburg genannte Prestigeprojekt an, um das Image der ärmsten Provinz der Niederlande aufzubessern und Investoren zu ködern. Das alte Bergbaurevier hat sich von der Schließung der Steinkohleminen in den 1970ern bis heute nicht erholt. Unter der Vorgabe "Topfußball in Limburg" sollte die Fusion mit Unterstützung der regionalen Wirtschaft ein kollektives Aufbruchsignal ausstrahlen. Unterstützung erhielt der Plan vom niederländischen Fußballverband. Der KNVB will mit einer Reduzierung der Clubs wiederum die Qualität der Profiligen steigern. Im Rahmen dieser Agenda hat die Lizenzkommission hoch verschuldete Krisenfälle wie Sittard seit Jahren im Visier. Gerüchten zufolge hätte der KNVB Fortunas Lizenz schon in der laufenden Saison eingezogen, hätte die Vereinsleitung nicht den Fusionsgesprächen zugestimmt.Der Druck aus Politik und Verband schien damit zu bewirken, was die reine wirtschaftliche Not nicht vermochte. Das Gespenst der Fusion spukte in den letzten Monaten nämlich keinesfalls zum ersten Mal durch das idyllische Hügelland, das in den großen Stäüber einen Zusammenschluss zu verhandeln. Die Gespräche scheiterten an Eitelkeiten wie der Frage des Spielorts. Den Maastrichtern gilt der Rest von Limburg als Bauern. Das Stadion des neuen Vereins konnte daher nur in der Provinzhauptstadt liegen. Diese wiederum ist in Sittard und Kerkrade als arrogant verschrieen. An beiden Orten pflegt man eine Fußballkultur und auch Fortuna Sittard steht in der Tradition des Bergbaus. Nicht, dass es den folgenden Versuch einer Fusion einfacher machte, dass die Maastrichter 2002 nicht mehr mit im Boot waren: just zwischen Fortuna und Roda ist der Hass am leidenschaftlichsten. Gegen den Widerstand der Basis kamen die Vorstände nicht an.Proteste erinnern an FolkloreWut und Herzblut der Fans waren machtlos gegenüber den mächtigen Fusionsbefürwortern. Die verzweifelten und teils gewaltsamen Proteste muteten wie Folklore an, während am Reißbrett die Beinah-Konkursmasse ihrer Clubs auf konkurrenzfähig gepimpt wurde. "Lieber krepieren als fusionieren" klang wie ein letzter trotziger Aufschrei. Eingeworfene Scheiben in der Fortuna-Geschäftsstelle, der Rücktritt des Kerkader Vorsitzenden Servé Kuijer wegen der Bedrohung seiner Familie, Sittardfans, die auf dem Marktplatz von Kerkrade Feuerwerk zündeten. "Ich will keinen Top-Fußball, ich will Fortuna", brachte es Mathijs Beckers, Mitglied eines Fanclubs in Sittard, auf den Punkt. Es ist eine hollywoodreife Wendung dieser Provinz-Posse, dass am Ende nur noch die Anhänger lachen. Die Fusionisten verlassen dagegen allmählich die Bühne. Fortuna-Direktor Hans Erkens trat Mitte April ebenso zurück wie der Aufsichtsrat von Roda JC Kerkrade. Dessen Vorsitzender Olaf Van Eijndhoven bekannte: "Man kann nicht von einem Tag auf den anderen die Farbe verändern wie ein Chamäleon".