Die Volkswirtin Friederike Habermann hat alternative Projekte zur bestehenden Wirtschaftsform untersucht. Ihr Fazit: Wer zeigt, dass es anders geht, kann etwas verändern
Frau Habermann, der Untertitel Ihres gerade erscheinenden Buchs Halbinseln gegen den Strom lautet Anders leben und wirtschaften im Alltag. Warum sprechen Sie nicht von „solidarischer Ökonomie“?
Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen damit bereits ein sehr festes Bild verbinden: Wenn der Kapitalismus global und großangelegt ist, muss solidarische Ökonomie lokal und kleinteilig sein. Wenn Kapitalismus individualisiert ist, muss solidarische Ökonomie in eine starke Gemeinschaft eingebunden sein. Mir geht es darum zu analysieren, was uns am Kapitalismus leiden macht – und das ist mehr als nur wenig Geld zu haben. Aber zugleich ist es wichtig, Phantasien nicht zu binden, wie anderes Leben und Wirtschaften aussehen kann.
Und warum Halbinseln?
Viele, die
ussehen kann.Und warum Halbinseln? Viele, die sich mit einem anderen Leben und Wirtschaften im Hier und Jetzt beschäftigen, werden mit dem Vorwurf konfrontiert: Es gibt keine Inseln im Falschen! Der Titel soll deutlich machen, dass das niemand behauptet – aber dass halb-autonome Räume dennoch wesentlich sind für gesellschaftliche Veränderungen. Denn darin herrschen andere Selbstverständlichkeiten, die es uns erlauben, uns anders zu entwickeln. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir als Menschen ebenso Produkt unserer Umwelt sind wie unsere Umwelt unser Produkt. Verändern lässt sich nur beides zusammen.Jetzt sprechen alle von der Krise des Kapitalismus. Ist das auch eine Chance, Alltagspraktiken zu verändern?Die Krise beginnt ja erst, von der Finanzwelt auf die reale Wirtschaft durchzuschlagen. Aber ich merke schon, dass die Frage 'wovon lebe ich wie?' auch in sozialen Bewegungen wieder eine größere Rolle spielt. In den Achtzigern und Neunzigern wurde Ökonomie als Thema sehr vernachlässigt.In einem früheren Buch haben Sie nach dem Finanzcrash in Argentinien 2001 die daraus entstehenden Ansätze solidarischen Wirtschaftens untersucht. Lassen sich diese Erfahrungen übertragen?Die Armut dort war natürlich ganz anders, sie war lebensbedrohlich. Bei näherem Hinschauen haben sich die ökonomischen Strategien in Argentinien auch teilweise als reine Armutsökonomie entpuppt, als notgedrungene Verwaltung des Mangels. Oder sie sind dem Klientelismus verfangen geblieben, der dort traditionell stark ist. Nicht von der Größe, aber von den Prinzipien her haben wir vielleicht nun sogar die spannenderen Ansätze bei uns im Norden.Weil sie eher aus politischen Einsichten als aus der Not entstehen?Nein. Weil sie noch radikaler mit den Prinzipien des Kapitalismus brechen.Zum Beispiel?Die fünfzig Umsonstläden in Deutschland, wo man hinbringen und mitnehmen kann, was man möchte. Die nicht-kommerzielle Landwirtschaft, die ihre Produkte unentgeltlich und ohne Tausch, aber in einem Verbund der Gegenseitigkeit abgibt. Offene Plätze, die den Grundsatz praktizieren, dass Boden niemandem gehören sollte. Nutzungsgemeinschaften, die ihre Ressourcen ohne Tausch zu Verfügung stellen. Für mich sind all dies Module, die von anderen als Anregungen aufgegriffen werden können. Die wenigsten bedeuten eine vollkommene Lebensveränderung. Mir geht es auch darum zu zeigen, wie wir in einzelnen Bereichen beginnen können, etwas zu verändern.Gibt es hierfür nicht bereits zahlreiche Ratgeber, wie beispielsweise ethischer Konsum zu einer besseren Welt beitragen kann? Sicherlich. Aber zum einen drückt der ethische Konsum, der aktuell so in Mode ist, auch einen neuen Mittelklasse-Chic aus. Ich erinnere mich an einen Artikel im Magazin der Deutschen Bahn, wo eine Designerbank aus alten Bahnschwellen und Designermode aus alter Kleidung als die ökologische Alternative präsentiert wurden – sie kosteten aber jeweils mehrere hundert Euro das Stück! Zum anderen ändert auch ein ethischer Konsum nichts am Wachstumszwang des Kapitalismus und seinem Widerspruch zur Endlichkeit unserer Welt. Und nichts daran, dass im Spiel von Angebot und Nachfrage immer diejenigen übrig bleiben, die sich den Gleichgewichtspreis nicht leisten können.Sie betonen bei den Alternativen mehrfach, diese funktionierten nicht nur 'ohne Geld', sondern auch 'ohne Tausch'. Was ist so schlimm am Tauschen?Es gibt auch Beispiele in meinem Buch, die mit Tausch funktionieren – nach außen teilweise auch mit Geld. Aber ich selbst teile die Einstellung, dass es bereits zur Entfremdung beiträgt, wenn ich meine Fähigkeiten nur ausübe, um sie gegen ein Äquivalent tauschen zu können. Es ist dann letztlich immer noch der Zwang zu Verwertung, der mich tätig werden lässt. Nicht die Lust am Tun.Das klingt sehr idealistisch.Ja. Aber das Schöne ist, dass meine Beispiele weniger von Menschen geprägt sind, die sich darüber abstrakt den Kopf zerbrechen, was alles nicht geht, als vielmehr von Menschen, die Erfahrungen sammeln, was geht. Und hier zeigen sich im Vergleich zu früher neue Tendenzen.Welche sind das?Zunächst das Prinzip, beizutragen statt zu tauschen. Dazu gehört, dass man eher vertraut als kontrolliert. Auch das Prinzip der Offenheit ist wichtig: Man muss nicht Teil einer festen Gemeinschaft sein, um etwas nutzen zu können. Und das Prinzip der freien Kooperation: dass es relativ leicht möglich ist, aus einem Zusammenhang in einen anderen zu wechseln. Dann spielt der Begriff Commons eine wichtige Rolle, damit wird die gemeinschaftliche Nutzung statt des Privateigentums betont. Das ist natürlich nicht bei allem gleichzeitig möglich. Es kann aber auch bedeuten, etwas nacheinander zu nutzen. Schließlich der Grundsatz des 'Teile, was du kannst': Das bedeutet auch, meine Fähigkeiten zu teilen.Kommt es dabei nicht zu Problemen?Sicher. Um diese zu reflektieren, habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die solche Ansätze leben. Es gibt aber meist weniger Probleme als erwartet. Beispielsweise teilt eine Ärztin seit zehn Jahren ihr Einkommen mit sieben weiteren Menschen in einer Finanz-Coop. Sie sagt, die Angst, dabei ausgenutzt zu werden, sei genauso unbegründet wie nicht in eine Wohngemeinschaft zu ziehen aus Furcht, es könne einem ständig der Käse weggegessen werden. Deutlich wurde mir allerdings, wie unterschiedlich die Menschen in den verschiedenen Ansätzen sind. Zu jedem Projekt hätte ich auch eine ausgestiegene Person finden können, die darauf schimpft. Aber wozu, wenn sie sich stattdessen ein anderes Projekt suchen kann, das besser zu ihr passt?Kann solch alternatives Wirtschaften auch negative Effekte haben – zum Beispiel, indem Arbeitsplätze gefährdet werden?Noch nie habe ich gehört, dass den EntwicklerInnen freier Software dieser Vorwurf gemacht wird. Arbeitsplätze sind ja nicht an eine absolute Menge von Reichtumsproduktion gebunden. Und wenn ich Getreide aus nicht-kommerzieller Landwirtschaft esse, dann gefährde ich vielleicht Arbeitsplätze in der hiesigen Landwirtschaft. Doch gerade diese wird derart für den Weltmarkt subventioniert, dass der Preis für Getreide in Äthiopien bei unter einem Drittel des Erzeugerpreises liegt – was dort fast sämtliche Arbeitsplätze in der Landwirtschaft zerstört hat, so dass die Menschen entweder verhungern oder zu Piraten werden.Erreichen diese alternativen Projekte auch Menschen jenseits eines linken Grundverständnisses?So manches dieser Projekte ist von Menschen gegründet worden, die sich selbst als ganz unpolitisch verstehen – teilweise auch, ohne dass sie von gleichartigen Versuchen wussten. Fast scheint es, als lägen diese Grundgedanken in der Luft, als sei ihre Zeit einfach gekommen.Sie sprechen von dem "utopischen Überschuss" in den Projekten. Worin liegt dieser?Genau darin: Die scheinbare Natürlichkeit der kapitalistischen Logik allein durch die Erfahrung aufzubrechen, dass es auch anders geht. Wenn wir es als Selbstverständlichkeit leben, beizutragen statt zu tauschen, zu teilen statt zu kaufen, wird uns niemand mehr erzählen können, dass die Tatsache, dass 100.000 Menschen am Tag verhungern, leider nicht zu ändern wäre. Oder dass wir nur etwas Wert sind, wenn wir imstande sind, uns zu verwerten.