In Berlin wurde jetzt das erste Internat für Schulschwänzer eröffnet. Im Gespräch erzählt Initiator Michael Piekara, wie man schwierigen Jugendlichen helfen will
freitag.de: Wie landet man in Ihrem Internat? Michael Piekara: Wenn man als Schüler auffällig geworden ist, weil man die Schule nicht oder nur sehr unregelmäßig besucht hat. Und wenn deswegen das Jugendamt schon einmal eingeschaltet worden ist. Entscheidend ist aber, niemand kommt per Zwang zu uns. Die Jugendlichen und ihre Eltern haben sich dafür entschieden, diesen Weg zu gehen. Das ist eine ganz wichtige Voraussetzung.
Das Internat hat seit Beginn des Schuljahres geöffnet, also seit einem Monat. Sind schon Jugendliche eingezogen? Bisher haben wir fünf Jugendliche im Alter von 12 bis 15 Jahren aufgenommen, drei Mädchen und zwei Jungs. Wir waren selbst überrascht, dass es mehr Mädchen sind. Die meisten haben einen Migrationshintergrund. Im Mo
Mädchen sind. Die meisten haben einen Migrationshintergrund. Im Moment ist es sehr gemischt: Serbisch, Kroatisch, Türkisch und Deutsch. Zunächst sind acht Plätze vorgesehen. Mit dem Bezirk Neukölln ist aber verabredet, dass wir auf 16 erhöhen könnten.Und gehen die Jugendlichen wieder zu Schule?Bisher klappt es. Am Anfang werden sie begleitet und einzeln abgeholt. Die Schule befindet sich auch auf dem Gelände des Internats. Aber es gibt auch Höhen und Tiefen. Es waren auch schon mal welche für einen ganzen Abend verschwunden.Sie nehmen Jugendliche auf, an denen sich schon andere die Zähne ausgebissen haben. Warum schaffen Sie, woran andere gescheitert sind? Bei uns leben sie in einer kleinen Wohngruppe. Es ist vergleichbar mit einer Familie. In der Regel haben sie bei ihren Eltern die Erfahrung gemacht, dass es egal ist, was sie tun. Bei uns gibt es eine intensive Beziehung zwischen den Kindern und den Mitarbeitern. Diese Beziehung ist der Schlüssel zum Erfolg. Die Erwachsenen treten hier in ihrer eigentlichen Rolle als Erziehende auf, die wieder Ernst genommen werden. Das muss gelingen, das ist der entscheidende Punkt. Was ist das konkrete Ziel? Wann sind Sie erfolgreich?Die Jugendlichen müssen sich zunächst wieder an eine klare Tagesstruktur gewöhnen. Das verlangt ihnen schon einiges ab. Unser Ziel ist es, dass sie einen Schulabschluss erlangen. Was zum Zeitpunkt der Aufnahme völlig unmöglich ist. Und wir wollen erreichen, dass die Eltern ihre Erziehungsverantwortung wieder übernehmen können. Und die Kinder wieder in ihren Familien leben können. Wir sind kein klassischen Internat, wie es überall steht. Wir sind mehr: eine Hilfe zur Erziehung.Wie wollen Sie die Eltern erreichen?Die Eltern spielen eine wichtige Rolle. Schließlich geht es um Minderjährige. Wir wollen sie ja nicht der elterliche Sorge entziehen. Sie holen ihre Kinder am Freitagnachmittag ab und bringen sie Sonntagabend zurück. Das sind für die Eltern die ersten Schritte zurück in die Verantwortung. Sie können zudem an einem Nachmittag in der Woche zu einem Elterncafé kommen und Zeit mit ihren Kindern verbringen oder sich mit den anderen Eltern oder Mitarbeitern austauschen. Die Eltern, die sich für uns entschieden haben, die wollen noch etwas von ihren Kindern und von sich selbst. Die haben nicht aufgegeben.Haben diese Kinder überhaupt eine Chance, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden?Ich denke schon. Ohne Schulabschluss geht es auf jeden Fall nicht. Wir haben das Problem, dass in der Regel Bildung und Erziehung getrennt erfolgen. Wir wollen das verbinden. Die Lehrer und die Mitarbeiter in der Wohngruppen arbeiten sehr eng zusammen. Haben eine gemeinsame Planung für jeden Einzelfall, tauschen sich aus. Das ist das Neue an dem Modell.Kritiker sagen, man gibt relativ viel Geld – 33.000 Euro kostet ein Platz für ein Jahr – für sehr wenige Schüler aus. Was entgegen Sie diesen Kritikern?Jene, die wir nicht erreichen, werden den Staat später wesentlich mehr Geld kosten. Schuldistanz ist oft der erste Schritt zu Gewaltbereitschaft oder straffälligem Handeln. Unser Projekt setzt davor an, wir wollen nicht, dass es so weit kommt. Die Folgekosten, die für den Staat entstehen würden, etwa im Strafvollzug oder in einer pädagogischen Einrichtung, sind dreimal so hoch wie der Wohnplatz bei uns. Außerdem haben wir als Gesellschaft die Pflicht, diejenigen aufzufangen, bei denen es noch eine Chance gibt. Das hat auch mit unserem christlichen Menschenbild zu tun. Ich gebe die Menschen nicht schon vorher auf, bevor nicht alles versucht worden ist, um sie für ein eigenes selbstständiges Leben fit machen zu können.Viele der Jugendlichen in Neukölln haben einen muslimischen Hintergrund. Haben die Eltern keine Angst, ihre Kinder in eine christliche Einrichtung zu geben?Nein. Wir betreiben im Stadtbezirk gemeinsam mit elf arabischen Vereinen ein Zentrum für Bildung und Integration. Wir werden eher positiv gesehen. Aber man muss bereit sein, sich mit islamischen Traditionen auseinanderzusetzen, auch als Christen. Diesen Dialog müssen wir führen um zu einer besseren Integration zu kommen. Ansonsten überlässt man das Feld den Extremisten.Was passiert eigentlich, wenn es nicht funktioniert und einer der Jugendlichen die Regeln immer wieder bricht?Er müsste das Internat verlassen und würde durch das Jugendamt in Abstimmung mit den Eltern in einer anderen Einrichtung untergebracht, die intensiver ist und außerhalb Neuköllns, um den Rückfall in bisherige soziale Strukturen zu vermeiden.In Frankreich gibt es einen anderen Versuch, die Kinder zum Schulbesuch zu bewegen. Jede Klasse bekommt ein dort Budget von 2.000 Euro, zum Beispiel für Klassenfahrten. Wenn alle die Schule regelmäßig besuchen, wird es auf 10.000 Euro aufgestockt. Das ist ein kollektiver Ansatz, Sie gehen vom Einzelfall aus.Diejenigen, die schon die Schule schwänzen, können Sie so nicht mehr erreichen. Es scheint mir eher ein Modell zur Prävention. Geld allein reicht nicht aus. Unsere Jugendlichen haben in der Regel ein Beziehungsproblem. Das klappt nur ein kleinen Gruppen. Nicht in großen Klassen.Das Gespräch führte Marcus Engler