Es fing alles damit an, dass mein Sohn Will wütend wurde und sagte, er wolle keine Mädchen zu seinem sechsten Geburtstag einladen. Die seien langweilig, erklärte er. Zur selben Zeit erwischte ich meine dreijährige Tochter Vera mit einer Handtasche und Lippenstift. Will wollte seine erste Fußballausrüstung haben und Vera wurde beim Anblick von Prinzessinnen-Zubehör ohnmächtig. Mir wurde klar, dass es an der Zeit war, mit ihnen über Geschlechterrollen-Klischees zu reden.
Kinder wissen schon sehr früh, was man von ihnen erwartet. Mädchen sollen Prinzessinnen, Ballett, Märchen und Partys gut finden, Jungs Abenteuer, Weltraumreisen, Feuerwehrautos und Piraten. Bislang waren meine beiden noch klein genug, ihr eigenes Ding zu machen ̵
Übersetzung: Holger Hutt/Christine Käppeler
chen – Will liebte es, Kuchen zu backen, Vera spielte Luke Skywalker. Aber je älter sie werden, desto schwieriger wird es, Geschlechterklischees zu umgehen.Girls Are Not ChicksKönnen Bücher da Abhilfe leisten? Oft lesen wir Captain Pugwash und Asterix, nur leider kommen da keine Mädchen drin vor. Ich fand Babar gut, bis Celeste mit Drillingen schwanger wurde und sich von da an nur noch um die Säuglinge kümmerte und in Peepo ist die Mutter die ganze Zeit am Bügeln. Aber natürlich gibt es auch Bücher, in denen es Erfolge für Jungs wie für Mädchen gibt.Ludwig Bemelmans Madeline ist eine wunderbare Geschichte über Heldentaten im Mädcheninternat, in der auch viele männliche Charaktere vorkommen. Die Bücher von Julia Donaldson (Der Grüffelo, Riese Rick macht sich schick) bereiten ein Riesenvergnügen, sind aber auch nicht gerade politisch inspirierend. Ich wollte etwas Feministisch-Subversives. Etwas wie Der weibliche Eunuch für Fünfjährige.Da wäre zum Beispiel Jacinta Bunnells Malbuch Girls Are Not Chicks. Der in New York lebenden Autorin kam die Idee für feministische Kinderbücher, als sie als Babysitterin Gute-Nacht-Geschichten vorlas. „Ich musste ständig Dinge umformulieren, um keine sexistischen Botschaften zu vermitteln. In den meisten Kinderbüchern haben Mädchen hübsche Röcke an und Spangen im Haar, also habe ich alles umgedreht und den Jungen Mädchen- und den Mädchen Jungennamen gegeben.“Pippi ist ein guter AnfangIn den USA waren die Internetseiten Mommytracked.com und Bitchmagazine.org die ersten, die mit "anti-princess reading lists" ("Leselisten für die Antiprinzessin") aufwarteten. Inzwischen gibt es Bücher für Drei- bis Achtjährige, die ein feministisches Anliegen verfolgen: Call Me Madame President, Girls Think of Everything, Girls Will Be Boys Will Be Girls.Die feministische Autorin Natasha Walter ist neugierig und vorsichtig zugleich. „Meine Mutter wollte mir keine Bücher von Enid Blyton kaufen, weil sie meinte, die seien zu rassistisch und sexistisch. Aber ich glaube nicht, dass man feministische Texte lesen muss, um zur Feministin zu werden.“ Mit ihrer eigenen Tochter liest sie Catherine Storrs Polly und der dumme Wolf und Roald Dahls Matilda. Walter und ihre Schriftstellerkollegin Susie Orbach empfehlen mir Pippi Langstrumpf als eines der besten Vorlesebücher für Kinder.Pippi scheint mir ein guter Anfang zu sein. Aber können eine Dreijährige, die ihren Vater heiraten will und ein Sechsjähriger, der die Farbe Rosa hasst, wirklich mit fünf unterhaltsamen Büchern radikalisiert werden? Es ist an der Zeit, dies herauszufinden....Pippi Langstrumpf von Astrid LindgrenPippis Mutter stirbt bereits auf der ersten Seite und ihr Vater ist auf dem Meer verschollen. Auf sich allein gestellt, geht Pippi auf Abenteuerreise, erfindet haarsträubende Geschichten und hat übernatürliche Kräfte. Äußerst magisch und phantasievoll, aber ein wenig zu anspruchsvoll für meine beiden. Die Geschichte ist lang und es gibt nur sehr wenige Bilder.Will: "Das war Schrott. Es ist blöd. Ich mag Herrn Nilsson (Pippis Affen) und den Vater, der über Bord gegangen ist und die Mutter im Himmel. Nein, es ist doch nicht blöd. Es ist wirklich lustig."Vera: "Ich glaube, es hat mir sehr gut gefallen. Es war schön. Pippi ist schön."Girls Are Not Chicks von Jacinta Bunnell und Julie NovakEinige der Bilder und Überschriften dieses Malbuchs sind lustig. Ein Frau auf einem Traktor fragt: "Wer sagt, dass Frauen nicht gerne im Dreck spielen?" Über zwei tanzenden Ballerinas steht: "Keiner möchte allein gegen das Patriarchat kämpfen. Tut euch zusammen!" Aber ich bin mir nicht sicher, ob diese Sprüche wirklich zur Unterhaltung der Kinder taugen oder ob sie nicht nur für Erwachsene lustig sind. Eine weitere Überschrift lautet: "Als sie aufhörte, der baumelnden Karotte der konventionellen Weiblichkeit hinterherzujagen, begann sie erst zu verstehen, was es heißt, eine Frau zu sein." Versuchen Sie das einmal einer Dreijährigen zu erklären.Will: "Das ist ein Buch für Mädchen."Vera: (Kritzelt konzentriert in dem Buch.)Prinzessin Pfiffigunde von Babette ColeEin unglaublich subversives Buch. „Prinzessin Pfiffigunde hatte keine Lust zu heiraten. Sie genoss es, ledig zu sein.“ Prinzessin Pfiffigunde hält sich riesige Nacktschnecken als Haustiere und fordert die nerdigen Prinzen, die um ihre Hand anhalten, auf, sich mit ihr im Rollschuh-Marathon zu messen. Als sie schließlich einer von ihnen für sich gewinnt, verwandelt sie ihn absichtlich mit einem Kuss in eine Kröte. Als die anderen Prinzen hören, was Prinz Prahlschnalle widerfahren ist, will keiner mehr Pfiffgunde heiraten. Und so lebte sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Ausgezeichnet, obwohl die Kinder so ihre Probleme mit der Vorstellung hatten, jemand könne nicht heiraten wollen.Will: "Mir hat gefallen, als sich der Prinz in eine Kröte verwandelte. Das ist meine absolute Lieblingsgeschichte aller Zeiten."Vera: "Ich will Pfiffigunde! Ich will Pfiffigunde!"Käpten Knitterbart und seine Bande von Cornelia FunkeMolly ist in ihrem Segelboot auf dem Weg zu ihrer Großmutter, als sie von Käpt`n Knitterbart und seiner teuflischen Piratenbande gefangen genommen wird. Aber da haben sie sich das falsche Mädchen ausgesucht. Mollys Mutter ist die wilde Bertha, und als sie kommt, um ihre Tochter zu retten, bringt sie ihre eigene schreckliche Bande mit. Großartig – auch wenn ich ein wenig Mitleid mit den männlichen Piraten hatte. Am Ende werden sie gezwungen, der wilden Bertha 14 Mal die Woche die Schuhe zu putzen. Die Bestrafung der Unterdrücker passt nicht ganz ins feministische Weltbild, denn im Prinzip bedeutet das nur eine Umkehrung der Rollen. Trotzdem war dieses Buch ein voller Vorleseerfolg und ich kann es jedem nur empfehlen.Will: "Das war noch besser als Prinzessin Pfiffigunde. Die beste Geschichte auf der ganzen Welt. Und schreib noch: Ich mag Boote wirklich gern."Vera: "Ich mag Molly am liebsten. Und ihre Mutter."Adventure Annie Goes to Work von Toni BuzzeoAdventure Annie zieht sich jeden Samstag ein Superheldinnenkostüm an und erlebt dann mit ihrer Mutter Abenteuer. Aber an diesem Samstag wird ihre Mutter ins Büro gerufen, weil ein wichtiges Dokument verloren gegangen ist. Also muss Adventure Annie den Tag retten, indem sie den Ordner unter einer Zimmerpflanze findet. Ähm ja, das ist die ganze Handlung. Die Kinder sind über den Mangel an Ereignissen verwirrt.Will: "Ich hasse dieses Buch. Ich hasse Locken und Adventure Annie hat Locken. Und ich mag ihren Umhang und ihre Schuhe nicht, denn die sind rosa."Vera: "Dann nehme ich eben den rosa Umhang und die rosa Schuhe. (Pause). Ich mag Molly die Piratin."Abschließendes Urteil: Kinder werden nicht an einem Tag zu Genderexperten, aber man kann einen Anfang machen. Pippi Langstrumpf und Käptn Knitterbart wollen sie immer wieder und wieder hören. Was haben sie daraus gelernt? Das neue Wort „ledig“, über das es hitzige Diskussionen gab. Dass nicht jeder glaubt, dass zu einem Happy End eine Hochzeit gehört. Und dass Frauen, die ein Entermesser schwingen, mindestens ebenso bedrohlich wie männliche Piraten sind, wenn nicht sogar noch mehr. Alles in allem denke ich, Professor Germaine Greer wäre stolz auf mich.Und Sie, was halten Sie von feministischen Kinderbüchern? Irgendwelche Empfehlungen?