Die Autorin Jasna Zajček wurde zu Recherchezwecken Soldatin. Sie wollte wissen: Wie verändern Frauen die Armee? Und räumte im Schießsimulator erstmal so richtig ab
Frau Zajček, Sie haben für Ihr Buch mehrere Jahre in Armeen recherchiert. Woher kommt Ihr Interesse?
Jasna Zajček:
Nachdem ich vor ein paar Jahren einen Monat lang undercover in einem Afghanistan-Trainingslager der US-Armee recherchiert hatte, beschloss ich, mich für ein menschenwürdigeres Militär zu engagieren und genauer hinzuschauen.
Weshalb?
Es war total abstoßend, was in diesem Camp passierte. Die US-Soldaten werden in staatlichem Auftrag auf Aggressivität gedrillt. Sie haben nur drei Stunden Schlaf, nur kaltes Wasser zum Duschen, dann wieder Drill. Da stumpfst du automatisch ab. Zehn Tage lang lebten wir in einer permanenten Kriegssimulation. Ich bin mit einem leichten psychischen Schaden davongekommen. Und nahm mir dann vor zu schauen
du automatisch ab. Zehn Tage lang lebten wir in einer permanenten Kriegssimulation. Ich bin mit einem leichten psychischen Schaden davongekommen. Und nahm mir dann vor zu schauen, wie es bei der Bundeswehr abläuft. Seit neun Jahren stehen Frauen dort alle Karrieren offen, neun Prozent der Soldaten sind heute Frauen. Wie akzeptiert sind sie dort mittlerweile?Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Ich dachte, es kämen mehr frauenfeindliche Sprüche. In der Bundeswehr geht es fairer zu als in jedem Sportverein. Noch die kleinste Beschwerde wird ernst genommen. Geschlechterdiskriminierendes Verhalten habe ich persönlich nie erlebt. Wie hat diese Öffnung die Armee geprägt?Sie geben sich Mühe, ein ganz normaler Arbeitgeber zu sein. Sie wissen, sie müssen mit der freien Wirtschaft konkurrieren. Sie haben Nachwuchssorgen. Die Familienbetreuung wird daher ausgebaut, Kindergärten gibt es auch. Bei Soldaten hält sich laut Umfragen hartnäckig die Einstellung, Frauen seien dem harten Leben im Feld nicht gewachsen. Haben Sie diese Vorurteile auch mitbekommen?Natürlich laufen die Mädels die freiwillige Extrarunde von fünf Kilometern, um zu zeigen, dass sie es können. Es gibt zwei Kategorien: Wer hübsch ist, gilt als Tussi und muss mehr leisten, um sich zu beweisen. Die maskulineren, kurzhaarigen werden von vornherein als tapferer eingeschätzt. Aber ich vermute, wenn Kinder im Spiel sind, sind Frauen auf Dauer wirklich schlechtere Soldaten: Eine vermisste ihr Kind ganz fürchterlich, weinte im Einsatz täglich.Sie absolvierten einen Monat Grundausbildung. War es hart?Naja, es gab junge Männer, die keine Liegestütze schafften – genauso wie Frauen, die wie kleine Mädchen rannten. Und das waren die 210 besten von 6.000 Bewerbern. Ich bin selten an meine Grenzen gestoßen. Interessanterweise entstand aber schnell eine Frauensolidarität: Wenn eine im Feld ihre Tage bekommt, versteht das kein Mann. Ist das die weibliche Form der Kameradschaft?Nein. Kameradschaft ist etwas anderes, das gilt für alle. Kameradschaft ist wie zwangsverheiratet sein. Letztlich die Methode der Bundeswehr, alle bei der Stange zu halten: Wenn man etwas verbockt, geraten alle Stubenkameraden dafür in Sippenhaft. Da gab es Momente, in denen ich morgens liegenbleiben hätte können, meine 18-jährige Kameradin stand aber schon in voller Montur im Zimmer. Und ich wusste, sie würde angeschnauzt werden, weil sie mich nicht aus dem Bett bekommen hat. Da steht man dann halt im Morgengrauen auf. Man kümmert sich um einander.Die Fürsorge hat etwas Mütterliches. Wird das thematisiert?Nein, die Logik ist eher: Wenn du zur Waffe greifst, weißt du, du musst das Leben deiner Kameraden verteidigen, nicht in erster Linie dein eigenes.Nein, überhaupt nicht. Auch wenn ich damit erfahreneren Soldaten unrecht tue, ich denke nur: Die armen Jungs sind in jugendlichem Überschwang oder um der Arbeitslosigkeit zu entgehen in diese Situation gerasselt.Hat die Bundeswehr eigentlich ein Selbstverständnisproblem?Scheint so. Die Bundeswehr ist von einer liebenswerten Naivität und sieht sich immer noch als Ausbildungsarmee, nicht als Kampftruppe.Ziemlich spät realisierte die Bundeswehr, dass ihre Soldaten nach der Rückkehr aus Einsätzen psychologische Hilfe brauchen, um mit posttraumatischem Stress umzugehen. Wie weit ist man damit, Schwächen einzugestehen? Welcher Soldat gibt schon gerne Ängste zu? Tapfer sein ist Teil des Jobs, psychische Probleme will keiner in seiner Beurteilung stehen haben. Laut internationalen Studien sind Frauen dafür allerdings anfälliger.Oder sie reden nur häufiger als Männer darüber. Es gibt keine getrennte deutsche Statistik für Männer und Frauen. Ärzte sagen, ein einziges Gefecht reiche schon für ein solches Trauma aus. Klar ist, dass der Afghanistaneinsatz hart machen soll, eventuell die Karriere beflügeln: Da will keiner als psychisches Wrack zurückkehren.Was hat Ihnen die Zeit beim Militär persönlich gebracht?Auf alle Fälle einen besseren Draht zu Soldaten. Und ich weiß, dass mir das Schießtraining auch zur Selbstverteidigung bei Recherchen dienlich sein könnte. Schießen Sie gerne?Ja, absurderweise. Im Simulator erreichte ich mal 49 von 50 Punkten, das hatte noch keiner in meinem Zug geschafft. Ab da hieß ich „Rambo“. Vom Prinzip her bin ich komplett antimilitaristisch eingestellt. Dass es mir Spaß gemacht hat, erschreckt mich im Nachhinein selbst. Haben Sie noch andere Überraschungen erlebt?Ja, ich konnte mir nicht vorstellen, keine Widerworte zu geben. Nach drei, vier Tagen aber war ich Teil des Systems. Es schockte mich, wie schnell sie es schaffen, eine kritische, freie Journalistin auf Linie zu bringen. War es bei Ihrer Recherche auch mal von Vorteil, eine Frau zu sein?Um etwas abseits der öffentlichen Wege zu erfahren, bin ich auch mal tief dékolletiert und hübsch zurecht gemacht in eine Marinekneipe gegangen. Das funktioniert immer.Das Gespräch führte Anne Haeming