Zuwanderer über die hiesige Alltagskultur: Olivier Giraud erklärt, wie es um die berühmte Streiklust der Franzosen steht, die sogar die Nationalelf erfasste. Und welches Potential er in Deutschland sieht
Im Oktober 1986 studiere ich im ersten Semester am Sciences-Po in Grenoble. Das Institut wird bestreikt. Im Februar 2010 bin ich als Dozent am Otto-Suhr-Institut an der Freien Universität Berlin. Das Institut wird bestreikt. Andere Zeiten? Andere Welten? Ich bin mir nicht so sicher. Damals wie heute passiert Ähnliches. Der Streik wird als ein Kurzschluss zwischen der sonst so fremden Politik und den alltäglichen Erlebnissen der Menschen wahrgenommen.
Vielen Deutschen erscheint der Streik wie ein satanisches Geschöpf und die Streikenden wie unverantwortliche, ja fast dämonische Wesen, die nonchalant dazu bereit sind, ganze Volkswirtschaften zu zerstören. Wenn es um Massenproteste in Nachbarländern geht – in Frankreich oder in Ländern Südeuro
#252;deuropas finden sie ja quasi im Minutentakt statt – schüttelt man am Stammtisch verständnislos den Kopf, seufzt zum Bier in der Stuttgarter Eckkneipe oder beim feinen Chianti in den diskreten Restaurants von Kronenberg: „Ist das schlimm da unten!“ Wenn in Deutschland einmal Krankenhäuser, Unis, oder, noch grauenhafter, die Bahn oder die Lufthansa bestreikt werden, empört man sich hingegen und wartet mit erfrischenden Lagebeschreibungen auf: In Deutschland herrschen nun „französische Verhältnisse“. Schließlich weiß jedermann, dass „französisch“ in Deutschland für chaotisch steht!In harten Zeiten wie diesen, in denen sich Sozialpolitik, Löhne und Solidarität in Deutschland in prekärer Lage befinden, bin ich öfters Menschen begegnet, die mir sagten: „Ach, Sie sind Franzose? Bei Ihnen lassen sich die Leute nicht von Politikern auf die Füße treten! Unsere deutschen Füße sind hingegen schon ganz grün und blau von den harten Schuhsohlen der Politiker. Bei Ihnen wehren sich die Leute ... und das ist gut so! Aber hier – wir werden es nie lernen.“ Ehrlich gesagt, weiß ich nie, was ich darauf erwidern soll.Helden der ArbeitEines steht fest. In Frankreich sind die Streikenden fast immer populär. Mögen sie den Bahnverkehr wochenlang lahm legen, Kitas für ganze Tage schließen, Straßen blockieren, die Benzinversorgung des Landes gefährden: Die Streikenden sind Helden der Arbeit! Denn in Frankreich gibt es das Konzept der sogenannten „grève par procuration“: Viele teilen den Zorn der Streikenden und wollen durch sie vertreten werden, ohne sich dafür selbst auf die Straße bemühen zu müssen. Die meisten Franzosen sind nämlich nicht an spektakulären Blockaden beteiligt und nehmen die schlechten Arbeitsbedingungen vieler französischen Firmen einfach hin. Sie sitzen mit den Händen im Schoß da, und sind auf die schwächelnde Verhandlungsposition der nationalen Gewerkschaften angewiesen. Wenn man nicht für die Bahn arbeitet, und auch nicht bei lebens- oder wirtschaftswichtigen Betrieben tätig ist, kommt man in Perpignan, Colmar oder Reims kaum auf den Gedanken, die Arbeit niederzulegen. Ausgerechnet die Bürger, die wohl nie während ihres Arbeitslebens streiken werden, empfinden eine große Sympathie für diejenigen, die sich genötigt sehen, alle Räder still stehen zu lassen. „Im Grunde genommen streiken die auch für uns!“ In Deutschland ist die Beziehung zur Arbeit eher rational. Franzosen gehen damit viel emotionaler um: Sie möchten anerkannt und selbstständig werden! In die Arbeitsbeziehung investiert man schließlich seine eigene Identität und Würde – während eines Streiks lässt man da gern den Teufel raus!Neuerdings scheint man sich auch in Deutschland für die Unterstützung von Streiks zu interessieren. Nämlich dann, wenn man von den Arbeitsniederlegungen in der Berliner S-Bahn oder bei der Lufthansa dabei behindert werden könnte, rechtzeitig die Stechuhr des eigenen Betriebes zu erreichen. „Haben Sie Verständnis für den Streik der Piloten, der Krankenhäuser, der Erzieher ... ?“, wollen Meinungsforscher und Journalisten wissen. Vielleicht sind diese Umfragen populistisch – aber die Antworten, die ich auf diese Frage gelesen habe, stürzen einen nicht gleich in eine Depression. Viele der befragten Deutschen verstehen die Streikenden oder unterstützen sie sogar. Was?! In Deutschland auch? Sympathie für den Deiwel? Quel malheur!Der Streik wird meiner Meinung nach unterstützt, weil die Leute immer häufiger denken, dass man sich gegen krasse Ungerechtigkeiten doch wehren sollte. Aber was haben die streikenden Piloten, Studenten, Lokführer oder Metaller gemeinsam? Jeder streikt für eine bessere Zukunft – vor allem die eigene. Im letzten Winter waren die Diskussionen an der FU mit den Studenten zu dem Streik eher pragmatisch: Sie haben zu großen Stress, spüren zu viel Druck und die Rationalisierung des Studiums entzaubert auch diese schöne Zeit des Lebens. Ist der Streik also der letzte Ausdruck deutscher Romantik? Ist das eigentliche Ziel des Streiks im 21. Jahrhundert, sich gegen die Rationalisierung der Arbeit und der ganzen Lebensgestaltung zu wenden? Zumindest darin, dass sie sich diese Fragen stellen, sind sich Deutsche und Franzosen sehr ähnlich geworden.Protokoll: Hanna EngelmeierStreik und öffentliche OrdnungDas Stichwort Streik erinnert an den Schauder, den der monatelange Müllstreik in Neapel auf uns wohlduftende Fernsehgemüter auslöste … Typisch, dass nach Beendigung jenes Desasters norddeutsche Müllverbrennungsanlagen einsprangen, um die Schiffsladungen voll Unrat zu beseitigen. Da loben wir doch unseren Joseph Beuys, der schon vor Jahrzehnten nach einer Berliner Demo den Müll zusammenfegte – eigenhändig! Und heute können wir Besen und Demo-Müll, keimfrei im Glascontainer im Museum bewundern. Sympathie für den Deiwel? Irgendwie hängen Streik, Müll und Teufel doch zusammen? Denn der Teufel stammt vom Diabolos, dem „Durcheinanderwerfer“. Ja, die Ordnungen müssen im Streik durcheinandergebracht werden, da darf auch Dreck anfallen. Die Engländer kennen den „lightning strike“, den Blitzstreik. Wenn in Deutschland gestreikt wird, dann ordentlich organisiert, schiedlich-friedlich, mit Würstchenbude, Flugblättern und Streikkasse. Ja, ist das nicht das Mindeste in unseren Zeiten?Hartmut Böhme lehrt Kulturtheorie am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität Berlin. Er begleitet die Serie mit kurzen, theoretischen Einordnungen.