Lakshmi Menon gilt als Indiens erstes Supermodel. Sie arbeitet mit den Großen der internationalen Modeszene, darunter Jean Paul Gaultier und Hermès, vertreten wird sie durch die Agentur Storm, bei der auch Kate Moss und Lily Cole unter Vertrag stehen. Im vergangenen Jahr wurde sie durch eine 12-seitige Titelgeschichte in der amerikanischen Vogue geadelt – eine seltene Ehre, die Chefredakteurin Anna Wintour nur ihren liebsten Musen erweist.
Doch Menons beeindruckende Erfolgsgeschichte begann erst, als die Schöne aus Bangalore 2007 im Alter von 24 Jahren ihr Heimatland verließ. Menons Karriere war bis dahin auf eine unsichtbare Barriere gestoßen – eine, mit der „dunkelhäutige“ Inder Tag für Tag zu kämpfen haben. „Zuhause wo
Übersetzung: Christine Käppeler
. „Zuhause wollten mich nur wenige buchen. Mir wurde klar, dass meine Hautfarbe nicht gefragt war“, erinnert sich Menon, deren Haut den für Bangalore typischen tiefbraunen Farbton hat. „Meine Karriere kam nicht richtig in Gang, abgesehen von gelegentlichen Fotostrecken und ein paar wenigen Anzeigen. Tatsache ist, dass hellhäutigere Models in Indien erfolgreicher sind“, sagt sie.Das Vorurteil, dem Menon ausgesetzt war, ist nichts Neues auf dem Subkontinent. Der Irrglaube, dunkelhäutigere Inder seien minderwertiger und weniger begehrenswert als ihre hellhäutigeren Mitbürger, besteht seit Jahrhunderten. „In den alten Schriften, Epen und Volkssagen wird die gute Person immer mit heller Haut dargestellt, was suggeriert, dass Hellhäutige redlich handeln, während die Dunkelhäutigen böse Absichten hegen“, erklärt Shyamala Bhatia, die am Bharati College der Universität Delhi Geschichte lehrt.Den Einheimischen überlegenZieht man dann noch in Betracht, dass die Geschichte Indiens von der Kolonialisierung durch hellhäutigere Invasoren aus dem Westen geprägt ist, dass Ungleichheiten durch das Kastensystem bestehen und Indien 200 Jahre unter britischer Herrschaft stand, dann verwundert es kaum, dass die Vorstellung, der Hellhäutige sei überlegen, fest in der indischen Psyche verwurzelt ist.„Während der Zeit des British Raj war diese Vorstellung Teil des Gesamtpakets. Man sprach nicht darüber und es gab keine Propaganda-Kampagnen – es verstand sich von selbst. Allein die Tatsache, dass man von Hellhäutigen regiert wurde, bedeutete, dass sie den Einheimischen überlegen waren – man sah zu dem weißen Mann auf“, erklärt Dr. Premen Addy, der am Kellogg College in Oxford asiatische und internationale Geschichte lehrt. Doch selbst nachdem die ausländischen Herrscher Indien längst verlassen hatten, blieb das Land ein Sklave dieses Irrglaubens. Von einer Reihe milchhäutiger Bollywoodstars bis hin zu einem florierenden Markt für Aufhellungs-Cremes – der Gedanke verlor sich nie ganz.Doch im Indien von heute – eine führende Wirtschaftsmacht mit einer unaufhaltsam wachsenden Mittelschicht, die stolz auf ihre indische Identität ist – bekommt man den Eindruck, dass diese Einstellung sich ändert. Im April machte die indische Vogue ein mutiges Statement, als sie fünf „dunkelhäutige“ Models auf dem Cover zeigte. In dem zugehörigen Text ging es um die Notwenigkeit, die „wahre Farbe“ der indischen Frau zu feiern. Das Cover stieß in den indischen Medien auf großen Beifall und wurde von Journalisten als ein Indikator für den Wandel der allgemeinen Einstellung gedeutet. „Die Inder haben eine internationalere Vorstellung von Schönheit und wir stimmen nun mehr mit globalen Ansichten und Werten überein“, meint Nonita Kalra, Chefredakteurin der indischen Elle.Mehr Umsatz als mit Coca-ColaDoch auch wenn sich in der Modeindustrie etwas zu bewegen scheint, werden die indischen Werte und Einstellungen doch vor allem über Bollywood definiert. Die bestbezahlten Schauspieler sind in der Regel einige Stufen heller als der durchschnittliche Zuschauer. Der bekannte indische Filmkritiker Saibal Chatterjee ist deshalb der Ansicht, dass die Industrie schuld daran ist, dass sich die alten Einstellungen wieder verfestigen: „Zwar hat auch Bollywood Fortschritte gemacht, einigen dunkelhäutigeren Schauspielerinnen wie Bipasha Basu und Deepika Padukone ist der Durchbruch gelungen, aber das Sagen haben immer noch die hellhäutigen Stars wie Kareena Kapoor und Katrina Kaif. Das Wort „gori“, das wortwörtlich „hell“ bedeutet und als Synonym für schöne Frauen gebraucht wird, gehört immer noch fest zum Vokabular des Hindi-Films. Eine helle Hautfarbe wird nach wie vor mit Schönheit gleichgesetzt. Selbst Bollywood-Stars befürworten Aufhellungs-Cremes – die Filmindustrie ist Teil des Problems.“Wie fragwürdig die Akte Bollywoods in dieser Sache ist, wurde vor kurzem wieder deutlich, als Shah Rukh Khan, der Star des Films My Name Is Khan, für eine hautaufhellende Creme für Männer warb. Auch Schauspielerinnen aus der ersten Reihe werben nach wie vor für die entsprechenden Produkte – Sonam Kapoor wirbt für L’Oreal White Perfect, Katrina Kaif für Olays Natural-White-Produktpalette. Und so wird in Indien mit hautaufhellender Creme inzwischen mehr Umsatz als mit Coca-Cola erzielt. Auch in Großbritannien lebt die Fetischisierung heller Haut fort und Aufhellungscremes, die womöglich die Haut schädigen, sind ein einträgliches Geschäft. Marken wie Lightenex, Fade Out und Fair Lovely füllen die Regale in den Läden, die vorwiegend von Asiaten besucht werden, und werden in asiatischen Hochglanzmagazinen und auf den entsprechenden Fernsehsendern beworben. Noch bedrohlicher ist ein florierender Schwarzmarkt für Cremes, die nur unter der Ladentheke gehandelt werden und voll von verbotenen Bleichmitteln wie Quecksilber und Hydrochinon sind.Dem Dermatologen Dr. Aamer Khan, dessen Praxis auf der Londoner Harley Street liegt, ist das Ausmaß des Problems vertraut. Er konnte beobachten, dass die Zahl der Frauen, deren Haut in Folge von Bleich-Versuchen in einem kritischen Zustand ist, zugenommen hat. „Ich habe Patientinnen, die unter Hypopigmentierung und Hyperpigmentierung leiden, was zu weißen und dunkleren Flecken auf der Haut führt. Beides wird durch Aufhellungsmittel verursacht. Die Leute kaufen diese Cremes, weil sie falsche Hoffnungen wecken. Tatsache ist jedoch, dass es keine sichere Methode gibt, um die Haut aufzuhellen.“Leben die Briten asiatischer Herkunft etwa heute in ihrem eigenen, modernen Raj? „Viele Briten, die vom Subkontinent stammen, sehnen sich noch immer nach heller Haut, da sie vielleicht glauben, dadurch in ihrer Wahlheimat besser akzeptiert zu werden“, meint die Historikerin Bhatia. Und auch Addy meint: „Sehen Sie sich nur das Kabinett an – dort sitzen lauter weiße Einheimische. So wie die Inder im British Raj zu den Weißen aufgesehen haben, so sehen wir vielleicht auch hier zu den Weißen auf, weil sie an der Macht sind. Doch heutzutage haben Inder in allen Bereichen prestigeträchtige Positionen inne – sei es nun in der Medizin, der Pharmazie, der Wissenschaft, als Lehrer oder im Fernsehen zur besten Sendezeit. Wir sehen täglich indische Nachrichtenmoderatoren. Ich verstehe deshalb nicht, weshalb irgendjemand noch seine Hautfarbe ändern wollen sollte.“