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Kultur : Ein Puzzlestück mehr

Mit dem Facebook-Dienst "Places" kann jeder seinen Freunden ständig mitteilen, wo er sich befindet. Datenschützer sind entsetzt. Aber warum es nicht erstmal ausprobieren?

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Der Branchen-Primus unter den sozialen Netzwerken hat bekanntgegeben, sein Angebot um ein weiteres Feature zu erweitern. Places heißt die neue Wunderpille aus Palo Alto, mit der Facebook den sagenumwobenen Zukunftsmarkt der Location Based Services aufmischen möchte. Wer den neuen Dienst benutzen möchte, kann sich und seine gegebenenfalls anwesenden Freunde zukünftig via Smartphone mit den GPS-Daten seines gegenwärtigen Standorts einchecken und diese Information mit dem restlichen Freundeskreis teilen. Ebenfalls abrufen lassen sollen sich Informationen darüber, wer sich neben der eigenen Person am aktuellen Ort befindet. So weit die simplen Fakten.

Im Segment des Local Sharing hatten bisher vor allem Startups wie Foursquare auf sich aufmerksam gemacht und bei hiesigen Datenschützern für Magenverstimmungen gesorgt, die vor den Missbrauchsmöglichkeiten warnten, die durch das öffentliche Verorten der eigenen Person entstehen könnten. Erste Anzeichen einer irritierten Darmflora ließen dementsprechend auch beim Launch von Places nicht lange auf sich warten, denn allein die Größe von Facebook hebt das Phänomen auf ein völlig neues Level.

Datenschützern schwillt der Kamm

So schwoll Thilo Weichert, dem Datenschutzbeauftragten des Landes Schleswig-Holstein, beim Gedanken an Places und die geplanten Kooperationen mit alteingesessen Diensten wie etwa Foursqaure, die sich nahtlos mit dem neuen Service synchronisieren lassen sollen, in der taz erst einmal der Kamm. Facebook stehe als Datensammler und bezüglich Ignoranz in Sachen Datenschutz Google in nichts nach. Außerdem ginge es niemanden etwas an, wo man sich aufhalte, außer man sei ausdrücklich gewillt, diese Information Preis zu geben.

Auch bei Spiegel Online reibt man sich am Umstand, dass der neue Dienst standardmäßig aktiviert ist und erst gezielt ausgestellt werden muss, gesteht Facebook aber genau wie der Guardian einen minimalen Lernprozess im Umgang mit den persönlichen Daten der Plattformnutzer ein, da voreingestellte Verortungen – immerhin – nur mit den eigenen Freunden und nicht dem gesamten Netzwerk geteilt werden würden.

Deutscher Liebling: die Opt-Out-Funktion

Eine Anleitung zum Abschalten des Services bietet die zuverlässige Quelle ReadWriteWeb, die aber darauf hinweist, dass es wohl am sinnvollsten wäre, sich zunächst erst einmal mit der Neuerung auseinanderzusetzen. Dem liegt der Gedanke zugrunde, seine Privatsphäre den persönlichen Bedürfnissen anzupassen und eine maßgeschneiderte Sensibilität für die eigenen Daten zu entwickeln, anstatt hysterisch der Deutschen Liebling, dem Opt-Out, zu huldigen, der aktuell ebenfalls versucht, Google Street View postalisch den Gar aus zu machen.

Ein gut gemeinter Rat, denn Places ist die konsequente Weiterentwicklung dessen, was unter anderem mit dem deutschen Startup Plazes begann und nicht erst seit heute als Next Big Thing in der Entwicklung des Netzes gesehen wird: die soziale Vermessung der Welt. Nicht jeder wird darauf gewartet haben. So ist davon auszugehen, dass noch lange Geschichten von fremdorganisierten Saufgelagen in der vom Besitzer gerade verlassenen Wohnung, von Einbrechern mit Social-Media-Expertise und stalkenden Hobby-Groupies an der Käsetheke kursieren werden, während anderswo schon längst ganz selbstverständlich die Wertschätzung einer Lokalität – ähnlich wie es Flattr oder der Like-Button bereits bei Artikeln und Blogs tun – anhand ihrer sozial vernetzten Besucher bemessen wird. Wer würde beides verpassen wollen?

Es scheint absehbar, dass der teilweise pathologisch anmutende Antrieb zur digitalen Rudelbildung gepaart mit dem Drang nach virtueller Anerkennung dem neuen Service einen Siegeszug par Excellence bescheren wird. Der Mensch ist des Menschen Öffentlichkeit. Und das in der Regel gern. Dieser Entwicklung mag man teils zu Recht kritisch gegenüber stehen. Aufhalten lassen wird sie sich dennoch nicht, darf man Google-Gründer Eric Schmidt glauben schenken, der kürzlich ein Ende der Anonymität prophezeite. Ganz so schlimm wird es vermutlich nicht kommen. Trotzdem dürfen wir gespannt sein: auf ein weiteres Puzzlestück unserer ganz eigenen schönen neuen Welt.

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