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Kultur : 1+1=gleichberechtigt

Wenn zwei Menschen als Duo auftreten, handelt es sich erstaunlich oft um Frau und Mann. Die klassische Rollenverteilung aber – der Mann als Macher – gilt nicht mehr

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Zwischen Solokunst und Bandgemeinschaft gibt es noch eine andere Form musikalischer Performance: das Duo. Besonders beliebt und gerade in jüngerer Zeit auffällig oft vertreten ist es in der Kombination von Frau und Mann. Klar, das ist nicht neu, schon Serge Gainsbourg schrieb seiner Brigitte Bardot das skandalöse „Je t’aime“ auf den Leib, um es wenig später genüsslich mit Jane Birkin in vollem Körpereinsatz zu entfalten, während Sonny Cher sich zwar ohne Stöhneinsatz, aber dennoch ähnlich schmachtend „I got you, babe“ versicherten.



Weniger harmonisch ging es bei Ike und Tina Turner zu. Zwar hatte das Ehepaar auch so seine Liebesbekundungen im Programm, aber hinter den Kulissen flogen die Fetzen – vor allem zuungunsten Tina Turners, die Ike später mehrfacher Prügel und Vergewaltigung bezichtigte. Und ähnlich wie Cher und Jane Birkin gelang es Tina Turner, erst dann als selbständige Künstlerin wahrgenommen zu werden, nachdem sie „Nutbush City“ und ihren gewalttätigen Ehemann verlassen hatte.

Liebe scheint also keine gute Idee für musikalische Zusammenarbeit zu sein. Irrtum sagt die intro, die vor einiger Zeit ein Girl/Boy-Special veröffentlichte. Demnach ist die Mehrheit gegenwärtig musizierender Paare auch intim verbandelt. Wie zum Beispiel dieses Duo:



Der Selbständigkeit von Sängerin Tracey Thorn hat die Zusammenarbeit mit Gatte Ben Watt keinen Abbruch getan. Erst dieses Jahr hat die 48-Jährige ihr drittes Soloalbum „Love and its opposite“ veröffentlicht.

Die klassische Rollenverteilung, der Mann als Macher und die Frau als hübsches Gesicht hinterm Mikro, gilt also schon länger nicht mehr. Auch dieses schwedische Duo hat sich bereits Anfang der 1990er den Platz vorne auf der Motorhaube geteilt – sogar ohne ein Liebespaar zu sein.



Dieser Trend hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt. Nicht nur fallen Duos auf, in denen beide Geschlechter gleichberechtigt kreativ auftreten, oft ist es sogar die Frau, die sich für Songwriting und Produktion verantwortlich zeichnet. So wie bei Isobel Campbell und Mark Lanegan, die als eine zeitgemäße Verkörperung von Lee Hazlewood und Nancy Sinatra gelten, nur eben mit umgekehrten Rollen. Den Hit „These Boots are made for walking“ muss Campbell, auch Sängerin bei Belle and Sebastian, wohl wörtlich genommen haben, als sie beschloss, in eigener musikalischer Mission loszumarschieren. Stimmlich begleitet von Ex-Screaming Trees-Sänger Mark Lanegan, dessen Sandpapier-Stimme den düsteren Americana des Duos entsprechend aufraut.



Ein anderes Beispiel ist das kalifornische Duo Best Coast, in dem sich Bethany Consentino in erster Linie um die Songs kümmert und dann mit Bandpartner Bobb Bruno die Feinheiten bespricht. Aber auch in zahlreichen anderen Musikrichtungen, vom aufbrausenden britischen Indiepop, über krachenden Elektropunk hin zum akustisch-idyllischen Folk, scheint in den modernen Frau/Mann Duos Gleichberechtigung aktiv gelebt zu werden. Auch dort, wo die Frau die Frontrolle besetzt und der Mann an den Reglern schraubt, wie es sowohl beim kanadischen Elektro-Duo Crystal Castles als auch den Franzosen von Kap Bambino der Fall ist.



Und wenn die Radaufähigkeit von der Bühne sich hinter den Kulissen mal in Streitigkeiten Bahn bricht, wird sich wenigstens im gegenseitigen Einverständnis geprügelt. So wie bei den Blood Red Shoes, zu deren zweiten Album „Fire like this“ es beinahe nicht gekommen wäre. Zu groß schienen die Differenzen zwischen Laura-Mary Carter und Steven Ansell. Weniger Blut dürfte bei Angus and Julia Stone fließen – zu harmonisch klingt der Folk des australischen Geschwisterpaares.



Wenn weder Liebe noch Freundschaft im Spiel sind, dann zumindest Verwandtschaft. Nicht nur bei den besagten Stones, sondern auch bei dem Hamburger Duo Hundreds. Eva Milner erklärte just im Interview mit dem Internetradio byte.fm, das Geheimnis der Bandharmonie liege darin, dass Bruder Philipp einerseits ihr bester Freund sei und andererseits eben auch die Person, der man alles an den Kopf werfen könne. Sie beherrschten die Kunst des „Es reicht, wir reden jetzt mal zwei Stunden nicht miteinander“. Nun, es reicht ja auch, wenn sie singen. Zum Beispiel kommenden Donnerstag, den 23. September beim Hamburger Reeperbahnfestival, von dem in zwei Wochen an dieser Stelle berichtet wird.


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