Er muss das nicht tun. Er muss nicht samstags oder sonntags mit seiner Pfeife und einem Stapel Trikots in der Tasche in die Außenbezirke Berlins tingeln. Um eine Stunde vor Spielstart Papiere auszufüllen und sich aufzuwärmen. Um bei Regen oder Schnee die Fußballspiele der achten Liga zu pfeifen, die manchmal mehr an Rauferei und Getrete erinnern als an Ballartistik und Strategiespiel. Um manchmal 90 Minuten vom Spielfeldrand oder vom Platz aus beschimpft zu werden oder mitzubekommen, wie Spieler mit schwarzer Hautfarbe übel gegängelt werden. 20 Euro bekommt er als Schiedsrichter vom Berliner Fußballverband als Aufwandsentschädigung gezahlt. Severin Fischer arbeitet bei einem Berliner Forschungsinstitut, fliegt zu Konferenzen nach Belgien, Polen oder
Kultur : Wo die Spieler die Bälle noch selbst holen
In der Bezirksliga geht es nicht um Geld – hier, sagen manche, findet daher der echte Fußball statt. Ein Abstecher auf den Platz nach dem „Hartplatzhelden-Urteil“ des BGH
er Indien; es ist also nicht so, dass er zu viel Zeit hätte.Doch der 27-Jährige geht gerne zu den Bezirksligaspielen, auch wenn er lieber in der höheren Berlin-Liga pfeifen würde: Wenn er weiß, dass er ein Spiel richtig gelenkt hat, wenn Trainer und Spieler ein gutes Wort über seine Entscheidungen verlieren, wenn er von einer Mannschaft zum Essen eingeladen wird oder kurz vor Schluss noch das Siegtor fällt und die Bezirksliga-Kicker sich freuen, als wäre Weihnachten. Die Spieler, die mehrmals pro Woche trainieren und ihr Bestes geben, hätten es verdient, dass anständig gepfiffen werde, sagt Fischer. Er pfeift seit 14 Jahren.Wem gehört der Fußball?Um die Helden auf dem Hartplatz ist vor einigen Jahren ein Streit entbrannt, der bis zum Bundesgerichtshof ging. Der Württembergische Fußballverband hatte gegen die Internetplattform hartplatzhelden.de geklagt, weil die Videoaufnahmen von Amateurspielen veröffentlicht. Es ging um die Frage, ob der Fußball dem Verband gehört, der die Spiele organisiert und daher bis in die Amateurligen hinein darüber bestimmen wollte, wer welche Spielausschnitte im Netz zeigt. Oder denen, die ihn spielen. Ob Fußball ein wirklich öffentlicher Sport ist, auch wenn er ein Verbandssport ist. Der Bundesgerichtshof wies die Klage des Verbands in letzter Instanz ab.Doch was macht überhaupt den Reiz aus, sich Filmchen aus der achten Liga anzuschauen, Dribblings, Fallrückzieher, schlimme Patzer, Eigentore und auch üble Tritte? Manche sagen: Das sei der echte Fußball, schon weil es nicht um Übertragungsrechte und große Summen geht. Weil weniger Interessen im Spiel sind – und die Emotionen ausschließlich Ausdruck der Fußball-Leidenschaft selbst.An diesem Tag spielt der SFC Friedrichshain gegen den SV Hellas-Nordwest. Sonntagnachmittag, die Sonne scheint auf den Hartplatz. Etwa 40 Zuschauer sind gekommen. 40.000 sind es im Schnitt bei einem Bundesliga-Spiel. Eine Zuschauertribüne gibt es nicht, nur zwei Trainer-Kabinen, die mit Graffiti beschmiert sind und an Miniatur-Bushaltestellen erinnern.Fischer wartet, bis alle auf dem Spielfeld sind, schaut auf seine Uhr, hebt den Arm und pustet fest in seine Pfeife. Gleich zu Beginn steigt der Gastverein, der SV aus Charlottenburg, hart ein gegen die grün-weiß-bekleideten Spieler des SFC Friedrichshain. Fischer überlegt: Entweder er pfeift jetzt rigoros, um Ordnung ins Spiel zu bekommen, dann könnte es aber Platzverweise hageln. Oder er spart mit den Karten und lässt das Spiel laufen. Er entscheidet sich für letzteres – zum Ärger der Zuschauer. „Geht doch gar nicht, Schiri!“, schreit ein SFC-Spieler an der Seitenlinie, als mal wieder ein Hellas-Spieler seinen Gegenmann umrempelt und ohne Karte davonkommt. Drei Männer aus der Seniorenmannschaft des SFC rufen: „Da jibt‘s nich‘ mal Jelb, dat is’ Wahnsinn!“ – „Anderswo wär’ der schon dreimal runterjeflogen!“ – „Rot!“Hellas steht im Tabellenkeller – ein Sieg ist fest eingeplant. Doch auch nach 45 Minuten steht es 0:0. Ein älterer SFC-Spieler, der am Spielfeldrand zuschaut, packt die Marlboro-Schachtel aus.Die Sonne verschwindet hinter den Häuserzeilen, und es wird kühl; die Rufe der Spieler hallen noch lauter über den Platz. Es wird ruppiger, ein Hellas-Spieler tritt gegen den Unterschenkel eines SFC-Spielers, der am Boden liegen bleibt und wenig später von einem Krankenwagen abgeholt wird. Der SFC erhöht den Druck, die älteren Spieler von Hellas werden müde. Ein Ball fliegt über das Tor und das Absperrgitter dahinter auf die Straße. Doch statt einen Ersatzball zu holen, rennt ein SFC-Spieler vom Gelände. Nach einer Viertelminute ist er mit dem Ball zurück.Wie in der BundesligaKurz vor Ende der Partie klappt es: Nach einer Flanke schießt ein SFC-Spieler den Ball ins Tor, dreht sich um, reißt den Mund auf, breitet die Arme zu Flügeln aus und rennt gefolgt von Mitspielern auf den Co-Trainer zu, der ihn in den Armen empfängt. Szenen wie in der Bundesliga. „Hier wird noch mit Leidenschaft gespielt und die auf der Bank sitzen, verdienen keine drei Millionen Euro“, sagt Zuschauer Ronny Stengel. Auf der SFC-Bank sitzen vor allem die Spielerfrauen. Trainer und Spieler stehen.Die Mundwinkel des Trainers gehen nach oben, Augen blitzen. Drei Punkte. Severin Fischer verfolgt die Torszene. „Das ist Amateurfußball, ohne solche Momente wäre es für uns auch langweilig“, sagt er später.Fischer zieht die erste Rote Karte, als ein Hellas-Spieler einen SFC-Spieler rüde umtritt. Wenig später foult erneut ein Hellas-Spieler einen SFC-Mann und tritt im Vorbeigehen nach – das zweite Rot. „Sehr gut, Schiri!“, rufen die drei Grantler, die bis dahin in einer Tour am Schiedsrichter herumgemäkelt hatten. „Musst ja nicht nachtreten!“, schimpft einer von ihnen, in der Hand eine Flasche Berliner Kindl, den Hellas-Spieler, der vom Feld trottet. „Müsst ihr so viel Bier trinken?“, entgegnet der Fußballer.Severin Fischer pfeift ab und lächelt, der SFC-Co-Trainer schüttelt ihm die Hand, während ein Hellas-Spieler, ein Bär von einem Mann, sich beschwert und gar nicht mehr ablässt von ihm. Während die Mannschaft des SFC am Eingang des Vereinsheims türkische Musik hört und Bier trinkt, sitzt er in der Kabine, bis sich seine Anspannung löst. Jemand hat ihm ein Bier in die Kabine gestellt.