Die Eckkneipe, auch Stüberl genannt, stemmt sich als Symbol der Arbeiterkultur noch der urbanen Traditionszerstörung entgegen. Was geht verloren, wenn sie verdrängt wird?
Inge stieg auf einen Hocker, als ich zum ersten Mal ihre Kneipe betrat, denn Inge ist sehr klein. Sie sagte: "Lass mich mal deine Visage anschauen, damit ich weiß, wie du aussiehst."
Inge ist die Wirtin der Baldeschänke, des Stüberls in meinem Nachbarhaus. Was in Berlin eine Quartierskneipe ist und auch Eck- oder Arbeiterkneipe heißt, das nennt man in München ein Stüberl. Betritt man ein Stüberl, in dem man noch nie war, wird man erst einmal kollektiv begutachtet, nicht nur vom jeweiligen Wirt, sondern von allen, bevor man vereinzelt begrüßt wird. Ein neues Gesicht? Ganz was Neues.
Ein unverwechselbares Geruchsamalgam von Zigaretten- und Bierrückständen schlägt mir entgegen und verbindet sich bis auf weiteres mit meiner Kleidung. Di
iner Kleidung. Die Tische haben dicke kurze Beine, und die Theke der Baldeschänke ist eine ganz ansehnliche Planke. Fünf Leute sitzen daran, und drei von ihnen haben die klassische Bier-Schnaps-Kombination vor sich. Inge ist mit Jürgen, einem Stammgast, verheiratet. Sagt sie. Aber natürlich nur zum Spaß. Sie verbrächten so viel Zeit in der Kneipe, scherzen sie, dass sie auch gleich wirklich heiraten könnten.Das Stüberl ist für seine Stammgäste eine Insel mit privatem Charakter; ein öffentlicher Ort zwar, aber einer, an denen sie gemeinsam den Alltag aufarbeiten können. Es geht an der Theke um Fußball, den neuen Vergaser oder die Ehefrau, die natürlich nicht dabei ist. Denn das Stüberl ist eine Männerdomäne. Um Streit zu vermeiden, redet man nie über Politik oder Religion. Für alle ist es eine Art Wohnzimmer, und für manche sogar das schönere Zuhause. Man sei Kneipengänger oder eben nicht, sagt einer mit Schnauzbart, und wenn die Frauen nicht kapierten, warum man in die Kneipe gehe, dann stimme es auch auf anderen Ebenen nicht.Die meisten Stüberl findet man in den alten Handwerker- und Arbeitervierteln oder um die ehemaligen Dorfkerne herum. Breite Straßen, die die Stadtviertel voneinander trennen, begrenzen auch das Kneipenvorkommen. Auf der einen Seite der Straße gibt es viele Stüberl – auf der anderen nicht. In großbürgerlichen Stadtvierteln sucht man vergeblich nach diesen weithin sichtbaren Symbolen des way of life des Arbeiters. Eckkneipen konservierten bisher ein Stück Arbeiterkultur, auch wenn viele Gäste dort nicht mehr von ihrem Lohn, sondern vom Arbeitslosengeld das Bier bezahlten.Kneipen wie die Baldeschänke sind Orte, an denen Stadtteilkultur gelebt wird. Es sind jedermann zugängliche Orte, an denen das Geschichtsbewusstsein des Stadtteils und seiner Bewohner kommuniziert und überliefert wird. Das Stüberl macht Moden und Trends nur schwerfällig mit und verpasst gerne den Anschluss an eine jeweils aufs Neue eingeläutete neue Gegenwart der sogenannten Szene.Ein schrumpfendes MilieuDas Stüberl stemmt sich lieber der großstädtischen Traditionszerstörung entgegen, als sich selbst zu verändern. Es bietet vielen Besuchern in Zeiten explodierenden Wissens, sich überschlagender Bilder, gesprengter Dimensionen, rasenden Fortschritts oder der üblichen Stressfaktoren des Lebens einen Ruhepol. Es geht langsam und gemütlich zu, und beides – Langsamkeit und Gemütlichkeit – wird auch verteidigt. "Hier kann man wieder ganz Mensch sein und seine Ruhe finden", sagt der Fonse, mein Thekennachbar. Es ist ein Ort, an dem Zeit- und Stilvorstellungen, auch traditionelle Welt- und Rollenbilder, bewahrt werden. Es bietet dadurch Identität und eine Intimität – man kennt sich lange, man weiß viel voneinander –, die man in der Anonymität einer Großraumdisco durchaus vermissen kann.Doch die Welt der Eckkneipen ist ein schrumpfendes Milieu. Der Altersdurchschnitt der Gäste ist relativ hoch, die Arbeitsverhältnisse und Freizeitvorlieben ändern sich, das Handwerk schwindet. Neben Inges Kneipe im Münchner Glockenbachviertel befindet sich eine Autowerkstätte, auch aus ihr rekrutiert sich die Kundschaft. Aber es ist eine der letzten Autowerkstätten der ganzen Münchner Altstadt. Die nachwachsende Generation verachtet das Umsatz bringende Glücksspiel, er scheut den Muff, das Altmodische, die Rückwärtsgewandtheit, das Höhlenhafte und die suspekte, glanzlose Patina des Stüberls. Kurz, die Gentrifizierung vieler alter Arbeiterviertel bedeutet auch die Verdrängung der Eckkneipe.Diese Kneipen sind trotz allen Eigenkolorits über ihr äußeres, ländliches Erscheinungsbild typologisierbar. Das Dorf reicht an dieser Stelle bis in die Stadt hinein: Im Stüberl wird das Ländliche ausgestellt, das noch übriggeblieben ist, nachdem die Stadt darüber und drum herum gewachsen ist. Man findet da – innen und außen – Karrenräder, halbe Stallwände, Kuhglocken, Pferdegeschirr, landwirtschaftliches Arbeitsgerät, Hirschgeweihe, Jagdutensilien, Bergpanoramaidyllen und bei Inge, in der Baldeschänke, nicht zuletzt die personalisierte, wenn auch mittlerweile unbenutzte Reihe von Steinkrügen im Regal. Sie präsentieren eine dörfliche Kulisse, die im krassen Gegensatz zur Größe und zur klaren, offenen Linie der modernen Kneipe steht, die sich eher der Schlichtheit, der Künstlichkeit oder dem Mediterranen verschrieben hat.Dass Arbeiterunterkünfte kleine Räume sind und immer waren, spiegelt sich auch in der Raumgröße des Stüberls wider: Mit 20 Leuten ist der Laden voll. Die Gäste tragen, was der Kleiderschrank, die Lebensgeschichte oder die aktuelle Situation hergibt: Handwerker kommen im Blaumann, Müllmänner in Orange, die einen mit Holzfällerhemd, die anderen im Trainingsanzug, oft so improvisiert, spontan und frei von Etikette wie die ganze Stüberlwelt. Die Namen der Kneipen beziehen sich so gut wie immer auf Topoi des Biermythos, des Privaten oder des bäuerlich Schalkhaften. Man geht in die "Bierbatterie", ins "Promillchen" oder ins "Schluckkistl". Man ist bei "Dagmar", "Gerti" oder "Christl". Oder vielleicht im virtuellen Bauernhof des "Giesinger Heiwong" oder des "Heuboden". Oder im "Salzburger Grill" oder "Zum Wahnsinn" – an Orten, die nach Aussage mancher Besucher Irrenhäusern ähnlicher seien als Kneipen.Turbulenz und BierruheDas Kneipenleben oszilliert zwischen Turbulenz und Bierruhe: Prügel und Gerempel, Gekeife und Gebrüll. Auch insofern ist das Stüberl anders als die Szenekneipe. Eines Nachmittags durfte sich das Kneipenpublikum der Baldeschänke mit eigenen Augen – und sehr amüsiert – mit ansehen, wie sich Jürgen, um die 50, korpulent und Sicherheitsangestellter, völlig nackt auszog, nur um zu beweisen, dass er mangels Geldmittel die aktuelle Zeche nicht zahlen konnte. Solche und ähnliche Geschichten gibt es viele. Körperlichkeit kann, auch wenn sie grotesk wirkt, doch friedlich sein.Dennoch lastet auf der Münchner Arbeiterkneipe eine Hypothek, die auf jeder Randkultur lastet, die dem Ethnologen Roland Girtler zufolge von der sie umgebenden Gesellschaft als "gefährlich, unanständig oder schlichtweg böse angesehen wird". Gelegentlich fürchtet der Normalbürger sogar das Kneipenpublikum, das sich seiner Ansicht nach aus pöbelhaften, gestrandeten Existenzen zusammensetzt und dem er oft von vornherein schlichtweg Unberechenbarkeit, Übergriffigkeit, Sozialfrust, Unersättlichkeit, Vulgarität oder gar Animalität unterstellt.Die Kneipe verdankt ihren schlechten Ruf als No-Go-Area oder als ein Ort des Schreckens, des kulturellen Verfalls und der menschlichen Abgründe aber auch dem Teufelskreis aus Ignoranz und Ablehnung der sie umgebenden "besseren Gesellschaft". Hier tritt auch ein jahrhundertealter Gegensatz zwischen Körperlichkeit und Geistigkeit hervor: Das Körperliche wird dem Unterschichtigen zugeschlagen, das Geistige dem Oberschichtigen. Genau dieses Gegensatzpaar finden wir wieder im Stil der Szenekneipe auf der einen Seite und der robusten Lebensart des bäuerlichen Fress- und Saufgelages auf der anderen Seite.Je höher die ProzenteWas zudem zur Bildung düsterer Mythen über das Stüberl-Publikum beiträgt, ist eine oft hundertprozentige Sichtverhinderung: Man kann von außen nicht sehen, was innen geschieht. Vorhänge, Riesengartenzwerge, künstliches Grünzeug oder Holzwände mit kleinen Milchglasfenstern schirmen das Innenleben des Stüberls vom Blick des Straßenpassanten ab. So entzieht sich das Stüberl der sozialen Kontrolle durch den Rest der Welt, um seine innere Ruhe und sein Milieu verteidigen zu können.Im Inneren ist der Übergang vom Freundschaftsdienst zur sozialen Kontrolle fließend: Schnapsrunden vertiefen die Freundschaft und signalisieren sie zugleich – je höher die Prozente, desto tiefer die Freundschaft. Aber bevor sich hier einer zu Tode säuft, wird er vom Wirt nach Hause geschickt.Bier hat in Bayern durchaus ein Eigenleben, und nach dem Genuss dreier Gläser "Hopfentee", die – typisch – "schee hergschaugt ham", die mir also sehr verführerische Blicke zuwarfen, und einem friedlichen Abend verlasse ich das Lokal. Auf dem Heimweg schaue ich noch "Bei Christl" vorbei. Ein paar Raucher stehen vor dem Eingang. Seit in Bayern in Gaststätten nicht mehr geraucht werden darf, hängt in "Christls" Schaufenster das berühmte Bild des zurückgelehnten Che Guevara mit Zigarre. Die Bildunterschrift lautet: La lucha continua. Der Kampf geht weiter.