Olaf Forner verkauft in Kneipen Zeitungen. Das ist schwierig, auch auf dem Handy gibt es ja Nachrichten. Doch Forner kämpft. Für sich – und für eine gefährdete Kultur
Die Tür schwingt auf, Olaf Forner tritt in das gelbe Licht. Acht Köpfe an der Theke der Szenebar drehen sich ihm zu. Sie starren ihn an, als sei er ein Alien. Forner hat einen bunten Fächer aus Zeitungen und Magazinen im Arm, dann poltert er los: "Na, ist denn hier auch irgendwer, der lesen kann?" Die Gäste wenden sich ab und starren in ihre Gläser. Nur ein Mann mit Kurzhaarfrisur fragt: "Watt haste denn da?" Forner zeigt die Auslage: taz, Freitag, Zeit, 11 Freunde, Titanic, zwei Stadtmagazine und das Ost-Comic-Heft Mosaik. Nichts dabei für den Cocktailtrinker in Leselaune. Forner zieht ab.
Wenn man Olaf Forner einen Abend bei seiner Tour durch die Kneipen, Bars und Restaurants Berlins begleitet, erfährt man viel über seine Liebe zu Zeitungen –
rfährt man viel über seine Liebe zu Zeitungen – und warum diese Liebe gefährdet ist.Die deutschen Zeitungen haben in den vergangenen zehn Jahren rund ein Fünftel ihrer Leser verloren, dazu kamen dramatische Umsatzeinbrüche bei den Anzeigenerlösen. Jetzt steigen die Einnahmen wieder, aber die Unternehmen werben zunehmend im Netz. Denn dort ist die Zielgruppe: Laut einer aktuellen Allensbach-Studie lassen Deutsche mit Abitur zwischen 20 und 39 Jahren Zeitungen immer öfter links liegen – und bevorzugen das Internet als Nachrichtenquelle. Diese Altersgruppe gilt als Trendsetter. Zeitungsleser hingegen werden immer älter, den sogenannten Holzmedien droht die Vergreisung. Menschen wie Olaf Forner kämpfen dagegen an. Sie geben der guten alten Zeitung auf der Straße ein Gesicht. Weil sie Geld mit ihr verdienen müssen. Aber auch, weil sie an das Produkt glauben.Forner sieht sich als Mittler, als Botschafter auf Kneipentour. Wenn er abends loszieht, immer so gegen acht, dann hat er sich vorbereitet. Er hat Inforadio und Deutschlandfunk gehört und die Zeitungen gelesen. Er will den Leuten antworten können, wenn sie ihn etwas fragen. Seine Meinung packt er oben drauf. "Das ist mein Konzept: Ich bin ich selbst, die Leute kennen mich. Ich verkaufe mit viel Ironie und Distanz. Aber wenn mich jemand fragt, dann kriegt er von mir das, was ich am liebsten lese." Im Regelfall ist das der Freitag oder die taz. In die linke Tageszeitung hat Forner sogar investiert, 500 Euro. Dafür darf er sich Genosse nennen.Die Zeitungen beschützen ihnForners Revier ist der Prenzlauer Berg. Fünf Abende in der Woche klappert Forner die Kneipen zwischen Bötzowviertel und Kollwitzplatz ab, die zwischen dem hippen Stadtteil Mitte und dem wenig hippen Wedding liegen. Der kräftige Mann mit den aschblonden Zauselhaaren lenkt ein schweres Stadtrad, an dessen Seiten große Plastiktaschen hängen. Darin liegt Forners Welt. "Ich bin den Zeitungen zutiefst dankbar. Sie waren für mich der Sprung in die intellektuelle Selbstständigkeit." Und er sagt: "Zeitungen können Menschen verändern. Ich weiß es, denn ich bin durch sie ein anderer Mensch geworden."Forner, gelernter Elektriker aus Berlin-Mahlsdorf, ist auf einer Mission. Seine Botschaft wird jeden Tag neu gedruckt. Und trotzdem werden die Jünger weniger.Forners zweite Leidenschaft ist der Fußball. Er ist Mitglied bei Union Berlin und beim Hamburger FC St. Pauli. Das Fan-Dasein hat ihm auch ein Alleinstellungsmerkmal unter den Zeitungsverkäufern verschafft: Forner verkauft in Fußballkluft – im Trikot, mit Hosen und Stutzen an. Im Sommer sieht er aus, als sei er gerade ausgewechselt worden. Aber jetzt ist der Herbst da, und Forner trägt über der Funktionskleidung ein schwarzes Union-Berlin-Trikot. Es spannt etwas über seinem Bauch."Die Trikots sind meine Uniform, das bin ich. Und sie sind ein Transportmittel, um an die Leute heranzukommen", sagt Forner. Fußball verbinde oder trenne Menschen, in jedem Fall bringe er sie ins Gespräch. Ärger habe es wegen der Kluft noch nie gegeben, die Zeitungen beschützten ihn. "Dieser Job ist eine Insel. Du wirst zum Neutrum, weil du für die Leute die Zeitung bist. Ich kann sogar mit einem Pauli-Shirt in eine Nazi-Kneipe gehen, ohne aufs Maul zu bekommen", behauptet Forner.Er stellt sein Rad vor dem "Chez Maurice" ab. Nazis gibt es hier nicht. Das kleine französische Restaurant liegt in einer Gegend, in der Ostberlin an Düsseldorf erinnert. Von den Altbaufassaden wurden die Graffitis mit dem Sandstrahler geblasen, auf dem Kopfsteinpflaster parken Gelände-Volvos, alte Saabs und neue Mini Cooper. "Das ist das Lieblingsrestaurant von Andrea Nahles", sagt Forner, während er vor der Tür seinen Buchstabenfächer in den Arm legt.Journalisten wollen alles umsonstEr habe schon vielen Promis eine Zeitung verkauft, erzählt er. "Trittin, Gysi, Lafontaine, Grönemeyer, Illner. Letztens habe ich sogar Daniel Brühl eine angedreht." Generell seien Schauspieler aber schwierige Kunden, schwer zu erreichen. Journalisten seien interessiert, wollten aber immer alles umsonst. Bücherfreunde blieben lieber bei Büchern, Studenten gebe es in der Gegend ja keine mehr, und Arbeiter kauften meist nur Boulevardblätter. Es ist nicht klar, an wen Forner überhaupt etwas verkauft.Im "Chez Maurice" laufen leise Chansons. Es gibt schwere Rotweine in großen Gläsern, die Hirschkeule kostet 25 Euro. Forner dreht seine Runde, ein Gast will den Tagesspiegel, den hat Forner heute nicht dabei. Da geht die Tür auf, ein Kollege im Schimanski-Anorak kommt rein, mit dem Tagesspiegel, gutes Timing. Für ihn, nicht für Forner. Dann stehen die beiden an der Theke, die Kellnerin hat ihnen Selters eingeschenkt. Konkurrenz? Nein, Konkurrenz gebe es eigentlich nicht, sagt Forner. "Erstens gibt es Gebietsschutz. Und zweitens kenne ich ja auch jeden, der in meinem Kiez eine Tour läuft." Der Kollege schaut rüber zu Forner, wie ein Lehrling zu seinem Meister. Dann geht’s für beide weiter.Rund 80 Männer und Frauen ziehen in Berlin Abend für Abend los, um in Kneipen Zeitungen zu verkaufen. Da nicht jeder jeden Tag unterwegs ist, dürften etwa 150 Leute im Geschäft sein, schätzt Forner. Ein elitärer Kreis. Verwalter der Neuigkeit. Boulevard- und Qualitätszeitungsverkäufer halten sich ungefähr die Waage, genau wie die Verteilung nach Ost und West. Zeitungen werden überall in Berlin verkauft, selbst in den grünen Vororten. Weil die Stadt kein richtiges Zentrum hat, gibt es in fast jedem Viertel eine Kneipenszene, in der Druckfrisches vertrieben wird.Gedruckte Nachrichten haben in Berlin eine lange, stolze Tradition. In der Weimarer Republik erschienen viele Blätter gleich dreimal am Tag. Noch heute kommen aus keiner deutschen Stadt mehr Tageszeitungen. Insgesamt sind es zehn – drei lokale Abonnementzeitungen, drei Boulevardblätter und vier überregionale Tageszeitungen. Doch der Verteilungskampf um die verbliebenen Leser wird immer härter.Unter den Straßenverkäufern gibt es Stars und Legenden. Forner kennt sie alle. Ein berühmter Kollege nennt sich Caruso, er ist in Kreuzberg und Neukölln unterwegs. "Der singt die Schlagzeilen des Tages als Arie. Damit verkauft der 60 bis 80 Zeitungen an einem Abend." Dann ist da noch Black, Verkäufer am Gendarmenmarkt, den alle nur den Dichter nennen. "Der Dichter macht Gedichte aus den Schlagzeilen. So Vierzeiler, immer sechs bis acht Strophen, die trägt er dann den Leuten vor. Und wenn er das Restaurant verlässt, liegen ein Dutzend verkaufte Zeitungen auf den Tischen." Bei Black kaufen viele Touristen, sagt Forner. Die brauchten keine deutsche Zeitung, die zahlten für das kulturelle Ereignis.Früher machte er BoulevardForner singt nicht, er dichtet nicht, er trägt nur ein Trikot. Aber er hat Sprüche. "Heute schon gelesen, was morgen von gestern ist?" Oder auch: "Ich weiß, heute ist ihr Feiertag, der Tag der 9,5 Millionen strukturellen Analphabeten. Gehört jemand nicht dazu?" Wenn jemand vorgibt, ein Zeitungsabonnement zu haben, dann sagt er: "Aber sie gehen ja auch ins Restaurant. Obwohl Sie eine Küche haben." Forner glaubt, das sei die richtige Ansprache für das Publikum im Prenzlauer Berg. Für die Intellektuellen beim Österreicher, die Pärchen in der Tapas-Bar. Er nennt das "subtiler vorgehen" als früher. Früher, da hat Forner mal "Boulevard gemacht".Als die Einheit kam, arbeitete Forner schon nicht mehr als Elektriker. Nach dem Mauerfall fuhr er Taxi. Er verdiente gut als ortskundiger Expeditionsleiter, der die Bewohner der Stadt mitnahm auf Beton-Safari. Danach war er beim Kundendienst eines Versandhandels – bis er den Führerschein verlor. Er verkaufte Bratwürste auf dem Alexanderplatz, mit einem heißen Bratrost vor dem Bauch latschte er durch die kalte Steinwüste. "Das war die Hölle", erinnert sich Forner. "Oben schwitzt du wie Sau, und unten frieren deine Füße ab." Am Alex lernte er die Boulevard-Zeitungsverkäufer kennen, sie brachten ihn ins Geschäft. Und erklärten ihm, dass man für die großen Buchstaben eine große Klappe braucht."Das ist eine ganz andere Welt", erinnert sich Forner. "Eine proletarische Welt, da bist du nur in Eckkneipen und Dönerbuden unterwegs." Die Ansprache der Kunden ist harsch: "Rein in die Kneipen, Maul aufreißen, Welle machen. Richtig hau drauf, auf Schlagzeile und Crash!" So laut die Zeitung ist, so laut wird sie verkauft. 200 Stück von B.Z. und Berliner Kurier, den beiden großen Berliner Boulevardzeitungen, hat Forner damals pro Abend verkaufen können. Das war schon nicht schlecht, aber an einem Abend ist sein Geschäft explodiert: "Der 11. September. Das war der Burner, mein absoluter Verkaufsrekord. 425 Stück bin ich da losgeworden. Damals war es ja noch nicht so, dass in jedem Imbiss ein Fernseher lief. Das war mein Vorteil." Der Angriff auf die USA hat Maßstäbe gesetzt. "Alles was danach kam, der Tsunami und so, hat nicht mehr so gut funktioniert", sagt Forner.2003 ist Forner fertig mit dem Boulevard. Die Verlage setzen auf 400-Euro-Jobber, da macht Forner nicht mit. Er will selbstständig bleiben und mehr verdienen. Er sattelt um auf Qualitätszeitungen, Stück für Stück erweitert sich sein Portfolio. Und Tag für Tag erweitert er seinen Horizont, denn Forner liest jetzt, was er verkauft. Der Schwenk kam wohl zum richtigen Zeitpunkt, denn viel von seiner alten Klientel ist im Stammgebiet Prenzlauer Berg nicht mehr übrig. "Ich weiß, was Gentrifizierung bedeutet. Ich habe es hier miterlebt. Aber was soll ich sagen? Ich habe von der Entwicklung profitiert", meint Forner. Er sagt, er verdiene gutes Geld. Gut genug für Sohn, Tochter, Ex-Frau und gelegentlichen Wanderurlaub. Wie viel genau, will er nicht in der Zeitung lesen. An diesem Donnerstagabend sind viele der schicken Kneipen halbleer. Die wenigen Gäste verlieren sich in ihren Smartphone-Displays, sie nehmen Forner kaum war. Er verkauft eine Handvoll Tageszeitungen und drei Exemplare von 11 Freunde. Um halb elf macht er Feierabend.Er hasst Abo-GeschenkeEr sitzt an einem kleinen Tisch beim Thailänder, vor ihm dampft eine Schale Zitronengrastee. Er legt die Stirn in Falten. Forner macht sich Sorgen um die Zeitungen. Er sieht sich als Teil der Verlagswelt und des journalistischen Betriebs. Er ist ab und zu beim Freitag und bei der taz zu Gast, in Themenkonferenzen und Blattkritiken, als Stimme von der Straße erzählt er, welcher Titel sich besonders gut verkauft hat, welches Thema die Menschen kalt lässt. "Journalismus macht nur Sinn, wenn er vom Leser bezahlt wird. Weil er nur dann unabhängig sein kann", sagt er. Also müsse die Zeitung den Leser davon überzeugen, mehr Geld für sie auszugeben. Das werbefinanzierte Modell hält er für mausetot."Aber was machen die Verlage? Anstatt mit der Qualität ihrer Zeitungen offensiv zu werben, führen sie ein Rückzugsgefecht!" Forner ist sauer. Er hasst die Abo-Werbung, die neue Leser mit Rabatten, Theaterkarten und anderen Geschenken locken will. Da verkaufe man ein gutes Produkt unter Wert, das sei anbiedernd, meint Forner. Dabei sei Geld doch das geringste Problem, Leser von Qualitätszeitungen hätten genug davon. "Information mit Haltung. Das ist die Chance, das macht eine gute Zeitung aus. Die Zeitung muss zu einem Freund des Lesers werden. Ein guter Freund erzählt dir Neuigkeiten und sagt dann noch seine Meinung dazu. Dafür schätzt man ihn ja, oder?" Forners Augen blitzen. Er ist vielleicht der beste Freund, den eine Zeitung haben kann.Das Internet empfindet Forner nicht als Bedrohung. Er glaubt an den Wert des Gedruckten, an die Haptik. Was soll er auch sagen? iPhone-Apps kann er sich nicht in den Arm legen.Um kurz vor zwölf schwingt er sich auf sein Rad. Es ist empfindlich kalt geworden. Forners tiefe Taschen sind kaum leichter als zum Tourstart. Aber morgen gibt es auch wieder einen Abend. Morgen kommt er wieder. Er muss es tun. Für sich und die Zeitung.