Gegen Monarchien helfen oft nur Revolutionen. Gegen tote Könige reichen schon ein paar Schwimmnudeln. Das zumindest hofft der Verein „Ein anderes Bayern“ – und hat deshalb ein knappes Dutzend quietschbunter Schaumstoffwürste mitgebracht.
Es ist der Todestag von König Ludwig II.; unter dem Motto „Bayern geht Baden“ hat der Verein an den Starnberger See eingeladen, an die Stelle, an der vor genau 125 Jahren der König von Bayern gestorben ist. Der „Märchenkönig“, den königstreue Bayern immer noch als ihren „Kini“ verehren.
Gegen den Ludwig-Kult wollen die Mitglieder von „Ein anderes Bayern“ heute protestieren. Etwa 30 Mitstreiter sind gekommen, die meisten um die 50, Typ Studienrat oder Kün
rat oder Künstler. Sie alle wollen sich nun endlich „freischwimmen“ von der Monarchie, deswegen die Badetiere und die Schwimmhauben. Weil es in Strömen regnet, sitzen die meisten aber erstmal unter dem Dach einer kleinen Holzbühne. Der Verein hat sie aufgebaut, später spielt eine Band, es wird Reden geben, Fernsehkameras sind da, und am Rand der Veranstaltung steht ein Pulk von Fotografen. Schnell ist klar: Es ist ein gut durchorganisiertes Happening, denn nur so kann man dem Kini-Kult etwas Gewichtiges entgegensetzen.Banker für Märchenschlösser?Eineinviertel Jahrhunderte nach seinem Tod locken Ludwigs Schlösser jedes Jahr Millionen Touristen in den Freistaat, er ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Das Leben des „Märchenkönig“ wurde in Dutzenden Büchern, mehreren Filmen und zwei Musicals verschönt, verklärt und überzuckert, längst ist Ludwig kein König mehr, sondern ein Klischee. Jetzt, zum Jubiläums-Todestag, läuft die Gedenk-Maschinerie natürlich auf Hochtouren, es gibt Fernsehsendungen, Ehrengottesdienste und auf Schloss Herrenchiemsee hat bereits vor einem Monat eine gigantische Ausstellung eröffnet. Der Titel: Götterdämmerung.Für Wolfram Kastner ist das alles „Ludwixerei“. Er ist einer der Initiatoren von „Bayern geht Baden“, darum trägt der 64-Jährige einen Schnorchel und eine große Taucherbrille. Der König, sagt er, sei ihm ja eigentlich wurscht. „Mich stört diese Vergöttlichung, als hätten wir heute keine anderen Probleme, als diesen Blödsinn zu feiern“.Der Regen hat sich mittlerweile ein wenig verflüchtigt, und bei der Bühne rätseln ein paar Schaulustige, was es wohl mit den bunten Schwimmtieren auf sich hat. „Ach, die sind gegen den Kini!“, meint ein Herr im Lodenjanker, der prompt erklärt, er hätte gern noch einen König: „Der hätte zwar viel Geld verbraucht, aber das macht die Bayerische Landesbank auch. Nur dass man davon danach dann nie mehr was sieht“.Nun könnte man fragen: Wären Banker beliebter, wenn sie Unsummen für gigantische Märchenschlösser verbraten würden? Wahrscheinlich nicht. Bei Ludwig aber ist es so: Die Schlösser, der Prunk und das wohlige Klischee des romantischen Monarchen lassen viele vergessen, dass ihr Märchenkönig ein schweres Alkoholproblem hatte und die meiste Zeit seinem Reich und seinen Untertanen vollkommen desinteressiert gegenüber stand. Statt der Cholera oder den Schulden des Reiches widmete sich Ludwig lieber neuester Technik, seinen Bauvorhaben oder seinen geliebten Wagner-Opern.„Humoristisch kritisieren“ will man das heute am Starnberger See, darum spielt eine Musikgruppe jetzt Wagner-Stücke, aber bayerisch-volksnah adaptiert mit Zither, Kontrabass und Zupfgitarre. Während sich vorne bayerische Stubenatmosphäre verbreitet, ziehen sich hinter der Bühne die Schwimmer um. „Ich bin gar nicht so gegen König Ludwig“, sagt einer von ihnen und knöpft sich die Hose auf. „Aber ich bin für einen offenen Umgang mit der Geschichte“. Ein paar japanischen Touristen ist das zu viel Zirkus, sie schauen verwirrt auf die Aufblas-Tiere und die antimonarchistischen Freischwimmer in Feinripp-Unterhosen.Angesichts von Wassertemperaturen um die 17 Grad wärmen sich ein paar ältere Damen mit Gymnastik auf. Ins Wasser geht aber noch niemand, alle warten auf „den Kini“, einen Ludwig-Imitator mit gefärbten Haaren, der als erster in den See soll.Als der falsche König endlich erscheint, gibt es spontanen Szenenapplaus – dabei wollte man ihn ja eigentlich nicht feiern. Etwas verzagt waten die Schwimmer in den See, fünf Meter, dann haben sie das Kreuz erreicht, das an der Stelle im seichten Wasser steht, an der Ludwig gestorben sein soll. Wie, das ist bis heute umstritten: Die offizielle Version sagt, er sei im Wahn ertrunken, mit seinem Arzt, der ihn retten wollte. Dann gibt es noch einen diverse Verschwörungstheorien: Ludwig soll erschossen worden sein, man habe ihn betäubt und auf jeden Fall hinterrücks ermordet.Und niemand buhtIm Moment interessiert das aber niemanden, der falsche König planscht munter im Wasser, und am Ufer haben sich zwei Dutzend Pressefotografen aufgebaut, die die Schwimmer wie Regisseure hin und her dirigieren. „Näher zum Kreuz!“; „Nein, kein Gruppenfoto! Schwimmen!“. Alle lächeln in die Kameras, dann wird es zu kalt, und nach zehn Minuten ist die Aktion vorbei. „Das Wasser ist toll, das hätte dem Kini bestimmt auch gefallen!“, ruft eine Frau und zieht ihre Luftmatratze über den Kies.Zwei Meter weiter haben Ludwig-Fans Blumen ans Ufer gelegt. „So was von pietätlos“, schimpft ein Mann mit imposantem Schnauzer. Mehr Kritik gibt es nicht, keine Buhrufe, keine Pro-Ludwig-Transparente. Die meisten Fans feiern ihren Kini in einem Bierzelt oberhalb des Sees. In den Jahren vor seinem Tod versteckte ihr König sich in abgelegenen Schlössern, in denen er tagsüber schlief und nur in der Nacht lebte. Der Rummel an seinem Todestag wäre ihm ein Graus gewesen, einige Schwimmer äußern dafür an diesem Tag sogar Verständnis: „Die Fotografen haben mich extrem gestört“, meint einer. Außerdem – so ein richtiger Gegner von Ludwig II. sei er dann auch wieder nicht: „Mir tut der König leid, denn eigentlich war der ja ein armer Hund.“