Wer es hier gerade nicht packt, der haut ab - nicht wie früher in die Toskana oder an die Côte d' Azur, sondern nach Amerika. Gelingt diese Wiedergeburt bei allen?
Jetzt also auch er: Karl-Theodor zu Guttenberg hat in den USA ein Haus gekauft, das war die Nachricht der letzten Tage! Nicht etwa in Malibu, das wäre einem (Ex)-Doktor nicht würdig, wer intellektuell noch was auf sich hält, der geht an die Ostküste. Genauer: Connecticut.
Der 39-Jährige ist in Deutschland keine Nummer mehr, seit seinem Rücktritt als Verteidigungsminister und der Affäre um seine Doktorarbeit (der Titel ist weg, aber es läuft noch ein Ermittlungsverfahren wegen Urheberrechtsverletzung), wirkt seine Lässigkeit nicht mehr ganz so lässig, in München oder Berlin. Last exit Amerika.
Guttenberg zeigte sein Talent für den großen Auftritt schon früher, er posierte in New York, Washington oder in den afghanischen Ber
Washington oder in den afghanischen Bergen und konnte in weltmännischer Manier das globale Geschehen zusammenfassen, ohne, dass ihm dabei ein englisches Wort oder seine Kampfweste verrutschte. Aber dann immer wieder diese provinziellen, unadligen Germans und deren Petitessen: Vorbei. Zeit, ein Buch zu schreiben (wird klappen, ist ja im Moment der einzige Job) und Vorträge zu halten. Sabbatical nennen Politiker, die mal an der Spitze standen, so etwas. Hauptsache, das Honorar stimmt. Von wegen Toskana oder Côte d' Azur. Wer heute die Flucht nach vorn ergreift, den zieht es nicht mehr in den alteuropäischen Süden, der zieht nach Washington, New York, Malibu. Aber funktioniert dieser Reinkarnationsversuch wirklich bei allen?Cem Özdemir, 2003, Washington Der Schwabe war innenpolitischer Sprecher der Grünen, bevor er im Sommer 2002 mit sofortiger Wirkung seine Ämter niederlegte: Er hatte von einem PR-Berater einen Privatkredit bekommen und bei dienstlichen Flügen erworbene Bonus-Meilen für Privatflüge genutzt. Punkte-Cem war unten durch, bei Partei und Volk. Er verschwand erstmal. Auf seiner Webseite klingt das so: Im Jahr 2003 war er als 'Transatlantic Fellow' beim US-Think Tank 'German Marshall Fund of the US' in Washington DC und Brüssel. Er hielt Vorträge an der University of Wisconsin zur Rolle der Türkei in Europa und unterzeichnete den von einer neokonservativen amerikanischen Denkfabrik veröffentlichten Offenen Brief gegen die Politik von Wladimir Putin. Cem machte Punkte, auch inländisch. Als er wiederkam, folgte ein rasanter Aufstieg, und er endete erst an der Spitze: Özdemir wurde 2008 Bundesvorsitzender der Grünen.Margot Käßmann, 2010, AtlantaSie nannte es: Auszeit von Deutschland. Man könnte auch sagen, es war eine Flucht vor den Medien. Nachdem die ehemalige Bischöfin Ende Februar 2010 wegen Trunkenheit am Steuer von ihrem Amt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) zurück getreten war, ging Margot Käßmann für vier Monate an die Emory University in Atlanta. Im Südstaat Georgia hat die 51-jährige Theologin ein Semester verbracht, und? Gastvorträge gehalten. Na klar. Sie betrieb von dort einen Blog: Post aus den USA, indem sie über das riesige Campusgelände, Mädchen in Short und Top oder die vielen Fernsehgottesdienste staunt, so als entdecke sie das alles zum ersten Mal. Doch Käßmann war schon als Schülerin in den USA. Das Leben des Bürgerrechtlers Martin Luther King habe sie damals besonders beeindruckt.Käßmann kam geläutert wieder, sie treibt sich längst wieder unter deutschen Evangelen und in Talkshows herum. Sie hat auch einen neuen Job: Käßmann ist Martin Luther-Repräsentantin für das Reformationsjubiläum im Jahr 2017. Christa Wolf, 1992, Santa MonicaAls sie im Jahr 1992 ihre Stasi-Akten einsehen konnte, ging daraus hervor, dass die eigensinnige Schriftstellerin jahrelang observiert wurde – das war kaum überraschend. Christa Wolf fand aber auch ein vorhandenes Dossier, indem sie selber bis 1962 als IM geführt wurde. Es traf sie unerwartet, wie sie damals sagte, sie hatte diesen Vorgang längst vergessen. Man empörte sich, die mediatisierte deutsche Öffentlichkeit lärmte – Christa Wolf aber wollte in sich gehen. Sie musste ihr Verhältnis zur DDR hinterfragen. Das konnte sie nur aus der Distanz. Also bye bye Germany. Sie zog für neun Monate nach Kalifornien, als Stipendiatin des Getty Center in Santa Monica. Wen interessierte da die Stasi. Später schrieb Wolf Stadt der Engel, ein halb autobiografisches Buch über eine Schriftstellerin, die in Los Angeles lebt und dort mit ihrem Selbstbild und ihrem Verhältnis zur Vergangenheit konfrontiert wird. Damit war alles gesagt.Joschka Fischer, 2006, PrincetonPolitik? Macht? Er wolle im Nebenfach vor allem eins sein: Privatmann. Das erklärte Joschka Fischer den Journalisten, die ihn bestürmten, da drüben. Der Schulabbrecher, Taxifahrer und Ex-Außenminister war als Gastprofessor an die amerikanische Eliteuniversität Princeton gegangen, um ein Seminar über Internationale Krisendiplomatie zu geben: „WWS 571“. Er war in dieser Zeit natürlich auch für Vorträge in New York über Foreign Relations zu haben. Fischer schrieb nun für die US-Presse eine Kolumne unter dem Namen „Der rebellische Realist.“ Von den Straßen in Frankfurt nach Princeton, ein weiter Weg. Aber die USA war noch weiter. „Entschuldigung - wer bitte? Fischer? Nie gehört“, sagten Studenten, wenn sie nach ihm gefragt wurden. Fischer aber hat sich drüben adeln lassen, er ist als Elder statesman zurückgekommen, wen hatten wir denn schon außer Helmut Schmidt. Guttenberg möchte nun auch Transatlantiker mit einem Hauch decadence werden. Das richtige Parkett hat er ja jetzt gefunden.Stefanie Graf, 2001, Las VegasBrühl? Wo war das gleich noch? Sie hieß damals noch Steffi. Dann kam André Agassi. Sie trafen sich in einer US-Bar, sie lebten beide gerade in Trennung und waren am Ende ihrer Karriere. Sie konnten stundenlang reden, über den Drill ihrer Kindheit, ihre Väter. Steffi Graf hatte die Liebe ihres Lebens gefunden und folgte dem amerikanischen Tennisstar nach Las Vegas, in seine Heimat. Sie heiraten und genießen seither das abgeschiedene Leben in der Wüste. Sie haben Kinder und der Rest der Familie Graf zog hinterher. In den USA würden Kinder früh lernen, etwas zurückzugeben, hat Steffi Graf, die sich nun Stefanie nennt, mal in einem Interview gesagt. Sie würden im Tierheim helfen und ihr Spielzeug an Bedürftige spenden, es gebe mehr Community, mehr Gemeinschaftssinn als in Deutschland. Klingt als sei sie angekommen im American Way of Life.Jürgen Klinsmann, 2005, Los AngelesSeit der ehemalige Bundestrainer in den USA lebt, fragt er sich: "Wie kann ich besser werden?“ Größer, schneller, weiter: Amerika! Als Yes, I can - geschulter Bundestrainer motivierte er später nicht nur L.A. Galaxy, sondern auch die deutsche Nationalmannschaft, und zwar mit Information, "die zu einer Haltung führt". Er selber habe das als Spieler nie erfahren, seine Trainer hätten ihm nie gesagt, warum er etwas tun soll. In Amerika dagegen habe er gelernt, „dass ich keine Angst habe, Fehler zu machen“. Fehler? Die sind ja nur der Schritt zur Wiederauferstehung, hier kriegt jeder eine zweite Chance. Klinsmann wollte seine motivation throug education nach Deutschland exportieren, dort war man etwas irrtiert, auch wegen der Entourage, die er dazu benötigte (inklusive Buddha). Die Deutschen kennen halt das Business nicht. Klinsmann war aber jetzt Businessman. Er gab alles, und wollte gernervt nur noch eins: Zurück nach Kalifornien. Er wird wohl dort bleiben - Klinsmann ist gerade US-Fußball-Nationalcoach geworden. Ein umgekehrtes Comeback. Thomas Gottschalk, 1981, MalibuEr zog mit Tom Cruise um die Häuser und konnte ins Kino gehen, ohne angestarrt oder nach Gummibärchen gefragt zu werden. In den USA war Gottschalk anonym. Und er blieb trotzdem ein deutscher Star. Als Angela Merkel im Juni diesen Jahres von Obama die Freiheitsmedaille („Medal of Freedom“) verliehen bekam, wollte sie ihn unbedingt dabei haben im Weißen Haus. Nach zwanzig Jahren freiwilligem Exil gibt der Moderator jetzt seinen Wohnsitz in L.A. auf – seine neue ARD-Show soll in Berlin produziert werden. Es wird also wieder was frei. Womöglich wollen Tokio Hotel umziehen - seit Ende 2010 wohnen Bill und Tom in L.A., sie flüchteten vor deutschen Stalkern und Einbrechern. Doch auch im Land of freedom werden sie von Paparazzi gejagt, nur ist dort womöglich die Entschädigung größer.