Die Energiewende könnte unser Konsumverhalten nachhaltig verändern. Die Anhänger der Prosumer-Idee sehen ihre Zeit gekommen. Aber wie könnte diese Prosumer-Welt aussehen?
Vielleicht geht mit der Energiewende ja tatsächlich ein größerer gesellschaftlicher Wandel einher, als viele denken. Vielleicht verhilft der Abschied von Atomkraftwerken und zentralisierter Energieproduktion einer Idee zum Durchbruch, die bisher ein Nischendasein führt. Die Verfechter der Prosumer-Idee sehen jedenfalls ihre große Zeit gekommen.
Die Hoffnung: Nach dem Ausstiegsbeschluss bauen sich immer mehr Hausbesitzer Solaranlagen aufs Dach, stellen ein Minikraftwerk in den Keller und ein Elektroauto in die Garage. Bauern errichten Biogasanlagen auf ihren Höfen, Energiebewusste investieren in Windräder. Kurz: Die Bürger nehmen die Energiewende selbst in die Hand. Im nächsten Schritt könnte die Welle dann auf andere Wirtschaftsbereiche
eiche überschwappen – die Verbraucher ihre Lebensmittel, Kleidung oder Möbel selbst herstellen. Und am Ende wird wahr, was der Zukunftsforscher und Prosuming-Vordenker Alvin Toffler 1980 in seinem Buch Die dritte Welle prognostizierte: Der Konsument, wie wir ihn kennen, stirbt aus.Zumindest der Konsument, der in einen Supermarkt oder Schuhladen geht, sich bedienen lässt, ein Fertigprodukt entgegennimmt und es verbraucht. An seine Stelle tritt der Prosumer: Der konsumiert und produziert zugleich. Die Ware bekommt er unfertig oder nur als Rohstoff und veredelt sie selbst. Die Folge: Der Konsument wird aus seiner Passivität herausgerissen. Er emanzipiert sich vom Wirtschaftssystem, das bis dahin auf Massenproduktion und Standardprodukte ausgelegt war. Er handelt, übernimmt Verantwortung und übt Einfluss aus.Ohne dass wir es bewusst im Alltag wahrnehmen, werden wir bereits jetzt immer mehr zu Prosumern: Wir überweisen online, ziehen Fahrkarten aus dem Automaten. Die Möbel von Ikea holen wir selbst aus dem Regal im Lager, fahren sie nach Hause und schrauben sie zusammen. Indem wir einen Teil der Arbeit übernehmen, entlasten wir die Unternehmen – und werden zu unbezahlten Mitarbeitern. Den Kunden wird das als Zugewinn verkauft. Und sie empfinden das häufig nicht als negativ: weniger Schlange stehen und mehr Zeit, sich zu entscheiden. "Problematisch wird es, wenn der Markt keine Alternativen für Kunden bietet, die nicht arbeiten wollen", schreiben Thomas Ramge und Holm Friebe in ihrem Buch Marke Eigenbau.In der Regel lassen sich Kunden aber für Eigenarbeit gewinnen, wenn ihnen der dadurch gewonnene Spielraum nützt. So werben etliche Firmen mit Produkten, die individualisiert werden können: Schokolade, Romane, Autos. Oder Turnschuhe, deren Form, Farbe und Material der Kunde selbst bestimmt, samt Gravur des eigenen Namens. "Den Maßschneider gab es zwar schon früher, nur konnten sich den wenige leisten", sagt Frank Piller, Leiter des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre an der RWTH Aachen. "Heute ist das dank Internet und neuer Produktionstechniken anders."Dass wir in Zukunft jedes Produkt verfeinern werden, ist allerdings eher unwahrscheinlich. "Ich glaube aber, dass wir für ein paar Produkte, die uns wichtig sind, aktiver werden", sagt Piller. Unternehmen haben gelernt, die kreative Energie der Konsumenten zu kanalisieren. Damit wollen sie verhindern, dass enttäuschte Kunden Produkte einfach selbst entwickeln. Laut Piller gehen 60 Prozent aller Sportartikel nicht auf den Hersteller zurück, sondern auf Nutzer, die unzufrieden mit den bisherigen Produkten waren.Oft ist die Motivation für den Wandel vom Kon- zum Prosumenten jedoch weniger Eigeninteresse als eine Weltverbesserer-Haltung. Wenn immer mehr Menschen Strom und Wärme selbst produzieren, machen sie das vor allem, um dem Klima etwas Gutes zu tun – und somit auch das eigene Gewissen zu entlasten. Das Nachsehen haben die großen Energiekonzerne.Überhaupt werden Großunternehmen weniger gebraucht: Über Plattformen im Internet können Autoren ihre Bücher veröffentlichen, Tüftler ihre Möbel selbst entwerfen, Künstler selbstkreierten Schmuck vertreiben. "Ich kann zum Modeunternehmer werden und brauche keine klassischen Vertriebsstrukturen mehr", sagt Piller.Noch werden die Möglichkeiten, die es bereits gibt, meist nur von einer kleinen Minderheit digitaler Bohemiens genutzt, von einigen BWL-Studenten und Computernerds. Doch das könnte sich ändern: Denn es wächst eine Generation von net natives heran, die von klein auf gewohnt ist, ein interaktives Internet zu nutzen. Das verändert auch ihren Konsum. "Sie akzeptieren immer weniger standardisierte Produkte, weil sie in ihrem Kommunikationsverhalten anders sozialisiert wurden", sagt Piller. "Wenn das kommt, ist es wirklich eine industrielle Revolution", ist er überzeugt. Aber wie könnte eine Prosuming-Gesellschaft konkret aussehen? Drei Beispiele:Städtische FischzuchtBurçak Sevilgen macht wie jeden Tag ihre Runde. Sie sperrt die Tür des weißen Containers auf, der auf dem Gelände der Berliner Malzfabrik in der Sonne steht, betritt den abgedunkelten Kasten, wo sie nach dem Fischfutter auf dem Tisch greift und geht hinüber zum Karpfenbecken, das einem Whirlpool gleicht. Sie füttert die 40 Karpfen, entnimmt Wasserproben, und steigt dann die paar Stufen in die zweite Etage ins Gewächshäuschen, wo sie den Kopfsalat, die Cherry- und Datteltomaten betastet.Rostlaube, so nennt sich dieser moderne Schrebergarten: Ein ausrangierter Container, in dem Fische gezüchtet und Gemüse angebaut wird. Das Wasser mit dem Fischkot düngt die Pflanzen, wird durch diese wieder gereinigt und in den Karpfenteich zurückgeleitet. Die Idee dahinter: Die Natur soll zurück in die Stadt gebracht werden, die Städter sollen wieder wissen, was sie essen. Mit einem Container könne der Fischbedarf einer Familie vollständig gedeckt werden, der Gemüsebedarf zu zwei Dritteln, sagt Sevilgen.Kleine HeimfabrikEs klingt unmöglich: Ein Drucker, der nicht Papier ausdruckt, sondern jeden beliebigen Gegenstand – Tische, Stühle, Vasen. Nur die Modelldaten in den Computer eingeben oder ein Objekt einscannen und auf "Drucken" klicken. Aber es funktioniert. Und wird langsam auch für den Privatgebrauch erschwinglich: Kostete ein 3-D-Drucker vor ein paar Jahren mindestens 100.000 Euro, so bietet HP inzwischen einen für etwa 15.000 Euro an. "In den nächsten Jahren ist ein weiterer Preisverfall zu erwarten", sagt Andreas Neef, Geschäftsführer der Z-Punkt GmbH in Essen und Mitautor des Buches Vom Personal Computer zum Personal Fabricator. Schon bald könnte jeder selbst Dinge fabrizieren, seien es Ersatzteile, Einrichtungsgegenstände oder Miniaturmodelle.Noch eignen sich die Drucker vor allem für die Automobil-, Luft- und Raumfahrtindustrie oder die Medizin. Immer dann, wenn etwas maßgefertigt werden muss. Das Grundverfahren: Der Drucker trägt einen Block ab, wie ein Bildhauer, bis das Wunschobjekt entsteht. Oder umgekehrt: Der HP-Drucker trägt Schicht um Schicht flüssiges Thermoplastic auf und spuckt am Ende ein Objekt aus, das so groß wie ein halber Schuhkarton werden kann. Neef kann sich vorstellen, dass sich in den nächsten Jahren zunächst Jugendliche 3-D-Drucker kaufen, um Spielzeug herzustellen – wenn zum Beispiel Lego oder Apple einen "Mini-Fabber" zu erschwinglichen Preisen herausbringt.Wer sich selbst keinen kaufen will, kann einen Dienstleister beauftragen: Wer etwa seinen Objektivdeckel verloren hat, schickt den 3-D-Datensatz an shapeways.com oder i.materialise.com – und die schicken für ein paar Euro einen neuen Deckel zurück. Wenn sich erst einmal eine Bastler-Szene entwickelt habe, kann sich Neef vorstellen, dass statt Massenfabriken am Stadtrand lauter kleine 3-D-Kopierläden in der Stadt entstehen, vielleicht ganze Ketten.Politische LimonadeIm Dezember 2008 beschloss Paul Bethke, seinen gut bezahlten Job bei der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) zu kündigen und eine Limonadenfirma aufzumachen. Seinem Schulfreund Jakob Berndt erzählte er von der Idee – und auch er kündigte seine Stelle bei einer Werbeagentur, um mitzumachen. Bethke war damals gerade als Entwicklungshelfer in Sri Lanka unterwegs. Doch die Aufbauarbeit nach dem Tsunami nahm ihm alle Illusionen: Die Gelder, die zur Verfügung standen, mussten bis Ende des Jahres ausgegeben werden und so kam es, dass die Mitarbeiter in teuren Jeeps herumfuhren und in Fünf-Sterne-Hotels lange Treffen abhielten.An jeder Straßenecke in Sri Lanka konnte man aber auch frische Limonande kaufen. Und so kam Bethke auf "LemonAide": eine Zitronenlimonade ohne Sirupgepansche und Zusatzstoffe, biologisch angebaut, fair gehandelt – und ein Mittel, um soziale Projekte zu fördern.Auf dem Hamburger Fischmarkt kauften Bethke und Berndt Limetten ein und experimentierten an der Rezeptur. Im Juni 2009 gründeten sie die LemonAid GmbH. Sie fanden einen Abfüller in Nordbayern und einen Designer in Schweden, der die grüne Flasche mit weißem Schriftzug entwarf. Am wichtigsten aber: Sie fanden Bauernkooperativen in Südamerika und im Süden Afrikas, die auf fairen Handel setzen.Mit jeder verkauften Flasche fließen nun fünf Cent in soziale Projekte: Noch macht Lemonaid Minus. "Wir wollen das nicht gewinnabhängig machen", sagt Bethke. "Meinen Limettenpflücker muss ich ja auch bezahlen." Nach einiger Anlaufzeit werde der Laden schon florieren. Die Nachfrage ist jedenfalls da. In 700 Läden wird Lemonaid mittlerweile verkauft. Und ein Ziel ist schon erreicht: "Heute bin ich zehn mal zufriedener als früher", sagt Bethke.