Michael Muhammad Knights Erfahrungen mit Religion wirken auf den ersten Blick sehr widersprüchlich. Er ist in einer katholischen Familie aufgewachsen und konvertierte im Teenager-Alter zum Islam. Mit 16 Jahren wollte er in den Djihad ziehen. Doch dem Fanatismus folgten die Zweifel. Er fing an zu schreiben und erfand etwas Neues: muslimische Punks. The Taqwacores hieß sein erstes Buch, das 2004 von einem kleinen US-Verlag veröffentlicht wurde. Taqwa heißt Gottesehrfurcht, cores leitet sich ab von der Musikgattung Hardcore. Bald entstand, inspiriert von dem Buch, tatsächlich eine kleine Muslim-Punk-Szene in den USA.
Der Freitag: Herr Knight, wie bringen Sie Ihren Glauben mit Punk in Einklang? Punk ist ja eher areligiös, oft sogar explizit anti-religiös
r areligiös, oft sogar explizit anti-religiös.Michael Muhammad Knight: Ich muss sie nicht miteinander in Einklang bringen. Ich habe ein paar gute Dinge in der Religion gefunden, ich habe ein paar gute Dinge im Punk gefunden. Und ich frage niemanden um Erlaubnis, beides zugleich zu benutzen. Aber warum haben Sie sich für Ich kam zu Punk, als ich von der organisierten Religion desillusioniert war. Ich sah mich als gescheiterten Muslim. Die Punk-Rock-Kids gaben mir das Gefühl, mich nicht dafür entschuldigen zu müssen, wer ich bin oder was in mir vorgeht. Sie gaben mir die Kraft, der Welt stolz mitzuteilen: So bin ich! Ich wollte nach dieser Erfahrung, wenn überhaupt, einen Islam mit dieser individualistischen Geisteshaltung.Was hatte Sie desillusioniert?Viele Dinge gleichzeitig. Wenn man einmal anfängt, kritische Fragen zu stellen, werden sie immer mehr und irgendwann überschwemmen sie einen richtig.The Taqwacores sollte eigentlich Ihr Abschied vom Islam sein.Ja, denn ich hatte eine sehr enge Definition davon, was der Islam wäre. Das war wie ein kleines Kästchen: Entweder bist du drinnen oder draußen, dazwischen gibt es nichts. Ich hatte das Gefühl, draußen zu sein, also dachte ich: „Okay, das war’s“. Durch den Schreibprozess und die Reaktionen auf das Buch merkte ich aber: Es gibt doch einen Platz dazwischen. Und dass es in diesem Zwischenraum okay ist, verwirrt zu sein und nicht auf alles Antworten zu haben."In dem sogenannten Krieg der Zivilisationen zeigen wir beiden Seiten den Mittelfinger", haben Sie gesagt. Was meinen Sie?Wenn Taqwacores andere Muslime kritisieren, heißt das nicht, dass sie dadurch zu Maskottchen des Westens werden. Es geht darum, beide Seiten mit der Wahrheit zu konfrontieren.Ihr Buch haben Sie zuerst Ihrer Mutter, erst an zweiter Stelle Allah gewidmet. Eine bewusste Provokation?Nein, aber was meine Mutter alles für mich getan hat, ist offensichtlich. Ich weiß einen Scheiß über die Absichten von Gott. Daher fühle ich mich sicherer dabei, meiner Mutter zu danken als Gott. Sie habe ich konkret vor Augen.Das könnte vielen Gläubigen ketzerisch vorkommen. Sehen Sie sich überhaupt noch als Muslim?Ja, nur ich bin nicht abergläubisch.Viele religiöse Menschen argumentieren, dass Religion auch bedeute, Gebote einzuhalten. Ja, sie glauben, dass ihre Gebote ewig gültig sind. Dass das, was ihre Religion heute von ihnen fordert, schon immer im Namen der Religion gefordert wurde. Aber die Geschichte zeigt, dass Religion nicht so funktioniert.Sie sind in einer katholischen Familie aufgewachsen. Haben Sie mal daran gedacht, zum Christentum zurückzukehren? Nein. Der Islam ist für mich inzwischen auch zu einer symbolischen Sprache geworden. Ich beziehe mich auf das Leben in islamischen Begriffen. Weil ich diese Sprache spreche, habe ich keinen Bedarf, aus dem Islam heraus zu konvertieren. Aber ich betrachte die verschiedenen Religionen nicht wirklich als voneinander getrennt. Aus der Geschichte weiß ich von jüdischen Sufis oder muslimischen Hindus, Menschen, die auf einem schmalen Grat zwischen den Traditionen stehen. Den Katholizismus meiner Kindheit etwa fand ich wieder im Schiitentum. In der Geschichte des ermordeten Imam Hussein, dem Enkel des Propheten, habe ich sehr viel Christliches und Katholisches wiederentdeckt.Sie machen einen so rationalen Eindruck: Wieso halten Sie überhaupt an der Religion fest? Durch die Religion kann ich menschlich sein. Sie bringt mich mit anderen Menschen zusammen. Und es ist eine Sprache, durch die ich ausdrücken kann, dass die gesamte Existenz einfach nur verdammt irre ist. Ich habe all das übernatürliche Zeug verworfen. Mit herumfliegenden Engeln oder so habe ich nichts am Hut. Glauben Sie, dass Menschen Religion brauchen?Ich glaube, dass selbst Menschen, die glauben, Religion spiele in ihrem Leben keine Rolle, diese Lücke mit etwas schließen – sei es Fußball, Patriotismus oder sonst was. Religion lässt sich an Stellen finden, von denen wir nicht denken würden, dass sie religiös sind.Bekommen Sie wegen Ihrer Ansichten nicht eine Menge Ärger mit muslimischen Gemeinden?Nicht wirklich. Aber ich weiß, dass im Internet viel Müll über mich geschrieben wird. Ich habe einen schlechten Ruf. Andererseits stelle ich fest, wenn die Menschen meine Bücher wirklich lesen, dass sie auch eine gewisse Sympathie für mich entwickeln.Sie schreiben, dass es einer gewissen Islamophobie zum Trotz für Muslime kein besseres Land gibt als die USA. Wieso das? Weil ich hier einfach der Muslim sein kann, der ich sein will. Als Schiite in Saudi-Arabien, Sunnite im Iran oder Ahmadi in Pakistan bekommst du Probleme. Dort musst du dich für eine Seite entscheiden. Meine Erfahrung mit dem Islam in Amerika ist die, dass ich mich in verschiedenen Communities bewegen kann, ohne dass man mich je zwingen wollte, mich für eine zu entscheiden. Das ist eine großartige Sache.Vor Kurzem war der 10. Jahrestag der Anschläge vom 11. September. Was hat sich in den USA für Muslime seitdem verändert?Zurzeit ist es so, dass der Islam als unamerikanische Religion gesehen wird. Dabei ist der Islam in Amerika durch und durch amerikanisch. Aber es ist akzeptabel geworden, allen möglichen Scheiß über Muslime zu verbreiten.Wie wirkt sich das auf das Leben eines Muslims aus?Ich lebe in einer Großstadt und dadurch, dass ich weiß bin, bin ich auf gewisse Weise getarnt. Ich glaube, dass ein Hindu oder Sikh wohl besser erklären könnte, wie das Leben als Muslim in diesem Land ist. Denn ein Sikh mit Turban und Bart wird von vielen als Muslim gesehen. Man behandelt ihn entsprechend. Ich dagegen bewege mich in dieser Gesellschaft mit Privilegien. Deshalb erfahre ich Islamophobie nicht so wie ein brauner Mann, der noch nicht mal Muslim ist.Eine These, die in ihren Büchern immer wieder auftaucht, ist, dass der Islam gerettet werden müsse. Ich weiß nicht, ob "retten" das richtige Wort ist. Was ich mir, nicht für den Islam, aber für die Muslime wünschen würde: dass sie entdecken, wie reich, vielseitig und offen diese Tradition ist und was der Islam schon alles war und noch sein könnte.In Ich glaube, die Verrückten tun jeder Tradition gut. Weil sie diejenigen sind, die die Grenzen der Tradition wirklich erweitern. Etablierte Leute, die institutionelle Unterstützung haben und politisch anerkannt sind, werden nicht groß was verändern. Dafür braucht man Verrückte, die die Extreme suchen. Damit meine ich keine Verrückten à la Al-Qaida. Ganz im Gegenteil. Ich meine diejenigen, die komplett destabilisierend wirken, die Tradition analysieren und verrückte Gespräche forcieren.In Anbetracht der Wirkung Ihrer Bücher sind Sie wohl auch ein wenig verrückt?Ja, aber ich lerne, meine Verrücktheit in meiner Dissertation in eine akademische Sprache zu kleiden.Das Gespräch führte . Beim Lesen von "Taqwacores"lernte er, dass man den Islam viel vielfältiger verstehen kann, als er bisher dachte.