"Wir praktizieren einen internen Sozialismus": In Genossenschaften arbeiten Menschen zusammen, für die Zufriedenheit wichtiger als Profit ist. Drei Beispiele
Auf der Brachfläche hinterm Haus liegt neben anderem Müll ein alter Kühlschrank. Das Büro im dritten Stock ist dagegen frisch renoviert – die Wände weiß, Tische und Boden kiefernholzfarben. Hier sitzt Blas Urioste von Vive Berlín. Seine eigentliche Arbeit beginnt zwei Fußminuten entfernt am Potsdamer Platz in Berlin. Der 36-jährige Bolivianer ist Stadtführer und Genosse bei Vive Berlín. Zu acht haben sie – fast alle Lateinamerikaner und Spanier – im Herbst 2010 hier die Genossenschaft gegründet. Sie bieten vor allem Stadtführungen auf Spanisch an.
Die Vereinten Nationen haben 2012 zum „Internationalen Jahr der Genossenschaften“ ausgerufen. Gemeint sind damit Unternehmen, in denen die selbststä
bstständige Existenz gewahrt werde, wie es beim Genossenschaftsverband heißt. In Deutschland gibt es rund 5.500 eingetragene Genossenschaften, jedes Jahr kommen 300 hinzu. Drei Personen können bereits eine Genossenschaft gründen.Die Stadtführer von Vive Berlín (Erlebe Berlin) haben sich zusammengeschlossen, um sich besser auf dem Markt durchsetzen zu können. Sie wollten selbst bestimmen, welche Führungen sie anbieten – beispielsweise keine Kneipentouren. Die GmbH als Unternehmensform verlangte für sie ein zu hohes Startkapital, die Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) war Vive Berlín zu unflexibel: „Aus der Genossenschaft kann jeder jederzeit wieder austreten“, sagt Urioste. Außerdem haftet man bei einer GbR mit persönlichem Vermögen, bei einer Genossenschaft nicht.Gleicher Lohn für alleBei Vive Berlín arbeiten alle freiberuflich und kommen für ihre Sozialabgaben selbst auf. Die Genossenschaft ermöglicht ein Mindestauskommen und selbst dann genügend Geld, wenn zu einer Führung bei Regen nur zwei Leute auftauchen. Jeder gibt 60 Prozent seiner Einnahmen in einen Pool, aus dem jedem der gleiche Stundenlohn gezahlt wird. Die übrigen 40 Prozent fließen in Büromiete und Werbung. Die Verteilung wurde in einem basisdemokratischen Prozess beschlossen, erzählt Urioste. Seit Gründung der Genossenschaft hat sich der Stundenlohn bereits verdoppelt. Und: „Wenn wir uns schon ausbeuten lassen, dann wenigstens von uns selbst.“Bei Genossenschaften gehe es „nicht um Profitmaximierung, sondern um die Zufriedenheit der Mitglieder“, sagt Andreas Eisen, der für den Genossenschaftsverband Neugründungen begleitet. Weil das Geld rechtlich gebunden ist, seien Genossenschaften spekulationssicher und weniger krisenanfällig. Während der Finanzkrise seien daher viele Kunden zu Genossenschaftsbanken gewechselt.Aber der Boom begann schon früher. 2006 wurde das Genossenschaftsgesetz reformiert und die Gründung vereinfacht. „Das Thema war in der Öffentlichkeit präsent, und die Leute merkten, dass sich gemeinschaftliches Handeln auszahlt“, sagt Eisen. Und zwar ideell und materiell. Katja Grabert vom Netzwerk Selbsthilfe berät Kollektive, die „in einem gleichberechtigten hierarchiefreien Rahmen“ arbeiten wollen, bei der Wahl ihrer Struktur. Wer sich in einem Kollektiv zusammenschließt, möchte seine Arbeitsverhältnisse selbst bestimmen: weder feste Arbeitszeiten noch einen Chef – aber in einer Gruppe sein. „Im Kapitalismus sind Kollektive nicht gefragt“, sagt Grabert. Wirtschaft beruhe in der Regel auf Hierarchien. „Menschen, die sich zu Kollektiven zusammenschließen, wollen keinen besseren Kapitalismus machen, sondern sich solidarisch organisieren.“Das Praxiskollektiv in der Reichenberger Straße in Berlin-Kreuzberg ist formell ein normales Unternehmen. „Wir praktizieren einen internen Sozialismus“, sagt Claudius Loga, einer der drei Allgemeinärzte. Auf dem Papier gehört die Praxis den Ärzten, intern ist vertraglich festgelegt, dass alle zu gleichen Teilen beteiligt sind, auch die fünf Arzthelfer. „Wir sind alle auf Augenhöhe.“ Arbeitszeiten werden gemeinsam ausgehandelt, Personalentscheidungen auf dem wöchentlichen Plenum getroffen. Auch den Lohn legen sie gemeinsam fest. Die Ärzte verdienen weit untertariflich, und ihre Struktur macht es schwierig, neue Mitarbeiter zu gewinnen: Arzthelfer, die Verantwortung übernehmen wollen, und Ärzte, die für so wenig Geld arbeiten. Der Lohn ist nicht nur wegen der Umverteilung niedrig. Man nehme sich auch mehr Zeit für die Menschen, habe vergleichsweise wenige Patienten, erklärt Loga.Was kommt auf den Tisch?Ein Hinterhof in Berlin-Kreuzberg. Die Tür mit der Aufschrift „Sortierkeller“ erreicht man über einen Berg aus Pappverpackungen. An den Wänden stehen Metallregale, auf dem Boden grüne Kisten mit Tomaten, Bananen, Zucker, Marmelade. Foodcoop Schinke, eine Food Cooperation – eine Lebensmittel-Genossenschaft.Die FC Schinke 09 ist ein loser Zusammenschluss. Die Mitglieder kaufen gemeinsam ökologische oder fair gehandelte Produkte ein. Das ist günstiger als im Bioladen, weil sie direkt vom Erzeuger oder vom Großhändler beziehen und größere Mengen abnehmen. Bei Foodcoop wollen die Mitglieder Einfluss darauf nehmen, was auf den Tisch kommt, und kleine Bauern aus der Region unterstützen. „Ich möchte Kontakt zu den Menschen haben, von denen mein Essen kommt, und wissen, ob sie von ihrer Arbeit leben können“, sagt Johannes. „Die Bauern sollen Äpfel nicht wegwerfen müssen, nur weil der Verbraucher sie unverformt haben will.“ Anfangs stimmten die etwa 40 Genossenschaftler wöchentlich per Handzeichen ab, wie viele Möhren oder Äpfel sie haben wollen. Das erledigt nun eine Software, man trifft sich nur noch alle zwei Monate zum Plenum. Weil niemand fest für die Foodcoop arbeitet, kann es ein halbes Jahr dauern, bis man sich auf einen neuen Lieferanten geeinigt hat.Die Foodcoop hat es noch nicht geschafft, ganz vom Großhändler loszukommen – Trockenprodukte wie Mehl oder Haferflocken sind kaum von anderen Lieferanten zu bekommen. Jeder übernimmt Aufgaben, vom Bestellen übers Sortieren bis zum Abrechnen, aber niemand sollte mehr als eine Stunde pro Monat arbeiten. Ob wirklich alle was tun, überprüft aber niemand.