Jeder könne es schaffen, heißt es, warum nicht auch Carsten Maschmeyer, der ein Buch darüber geschrieben hat? In unserem Lexikon der Woche geht's ans selbst Eingemachte
Das Grimm-Märchen ist die wohl bekannteste Zu-Bett-Geh-Propaganda der protestantischen Leistungsideologie. Auf dem Sterbelager rät die siechende Mutter dem Kind, stets fromm, fleißig und brav zu sein, dann klappt’s auch mit dem Herrgott. Und fürwahr, als mit der bösen Stiefmutter ein straffes Regime einzieht – „wer Brot essen will, muss verdienen“ – schickt der hilfreiche Tiere. Ein bisschen Duldsamkeit muss Aschenputtel noch an den Tag legen, dann kommt der Prinz mit Traumschloss, und die fiesen Schwestern werden bestraft.
Vom Mauerblümchen zum ➝ It-Girl: Die Disney-Studios motzten diese Opium-fürs-Volk-Story mit der Cinderella-Version optisch zum Karrierevorbild-Kitsch für ganze Generationen auf. In Deutsch
isch zum Karrierevorbild-Kitsch für ganze Generationen auf. In Deutschland fand dieser reimportierte Mythos seinen vorläufigen Höhepunkt in Cindy aus Marzahn – und der Name ist ganz und gar kein Zufall. Tobias PrüwerGiga-Milliardär Warren Buffets Methode: Arbeiten Sie Ihre tägliche To-Do-Liste von oben angefangen ab. MKBusinesspunkDer gute alte Do-it-Yourself-Imperativ (➝ D.I.Y.) kommt seit ein paar Jahren turbokapitalistisch gewendet daher. Im Typ Business-Punk findet der Ausverkauf der Anarcho-Attitüde seine Vollendung. „Work hard. Play hard“, so appellieren die selbsternannten Alphatiere der Wirtschaft zum Hyper-Hedonismus. Seit 2009 gibt’s ein gleichnamiges Lifestylemagazin. Punks und harte Arbeit? Mit Subkultur hat das oberflächlich gesehen nichts zu tun. Schaut man sich aber die Investmentbranche an, die sich als Business-Punk-Avantgarde geriert, werden Parallelen klar. „Haste mal ’nen Euro?“: Auch hier findet sich eine ausgeprägte Schnorrermentalität, die das Geld fremder Leute zwar nicht für Bier und Kippen, aber ebenso kurzfristig verbrennt. Wer sonst verkörpert heute so glaubhaft die alte Punk-Haltung: „No Future“? TPD.I.Y.Früher hatten die Leute Hobbies, man strickte, baute Möbel oder nähte seine Sommerkleider selbst, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Heute ist man D.I.Y.(Do It Yourself)-Designer und hat sein eigenes Startup, ein Ladenlokal im Szenekiez oder zumindest einen Online-Shop. Das Kürzel entstand in der alternativen Rock/Punk Szene der USA und bezeichnete ursprünglich Kommunikationsmedien, die als Gegenentwurf zum Mainstream gedacht waren, wie Radiostationen oder Magazine. Die Bedeutung hat sich ganz schön gewandelt in den vergangenen 20 Jahren. Aus „Selber basteln“ ist „Selfmade-Unternehmen“ geworden.D.I.Y. ist quasi die Legitimation für Autodidakten ohne Fachausbildung. Natürlich funktioniert das nur, wenn die Nachfrage gegeben ist. Der Erfolg von Online-Shops wie Etsy oder DaWanda lässt daran keine Zweifel. Natürlich bleiben da auch unzählige „Künstler“ nicht aus, mit deren abscheulichen Werken sich der Satire-Blog „Regretsy“ tagtäglich prima füllen lässt. Was schon wieder nach einer Gegenbewegung riecht... Sophia HoffmannWas es bei meinen Kindergarten- und Schulfreunden von Zentis oder Albi gab, das wurde bei uns zuhause selbstgemacht. Im Keller lagerten eingemachte Mirabellen, Zwetschgen, Birnen und Ringlotten, ein Kanister voll Apfelsaft und in Flaschen, die lange vor meiner Zeit einmal bei Albi gekauft worden sein mussten, schwarzer Johannisbeersaft. Das Anschaffungsdatum unserer Marmeladengläser wiederum konnte ich ziemlich genau auf mein erstes Lebensjahr datieren, denn das Gsälz, wie es in Süddeutschland heißt, gab es bei uns meistens aus dem Aleteglas.Meine Eltern verwendeten gerne die Worte „gesund“ und „aromatisch“, ich fand durchsichtigen Apfelsaft und pinke Erdbeermarmelade viel schicker. Heute schäme ich mich dafür, wenn ich an die vielen Stunden denke, die meine Mutter mit Ernten, Entkernen, Einkochen, Einwecken, Gläser spülen und Entsaften verbrachte. Und esse eigentlich nur noch Marmelade, wenn ich von ihr ein paar Gläser abbekomme. Christine KäppelerDieser Mann liebt den großen Auftritt, das wird ab Minute eins der Doku Versicherungsvertreter klar (zur Zeit in den Kinos). Zwischen Glitzerkonfetti und dramatischer Musik lässt sich Mehmet Göker, einstiger Maschmeyer-Konkurrent, feiern. Mittels Firmenvideos, Interviews mit Ex-Mitstreitern, Strafverfolgern und Stellungnahmen von Göker selbst zeichnet Regisseur Klaus Stern ein erstaunliches Porträt des Gründers der MEG AG. Die war zweitgrößter Makler für private Krankenversicherungen. Mit Motivationstrainervokabular gelang es Göker, meist junge, smart lächelnde Herren auf sich einzuschwören, die den Kunden das Geld aus der Tasche zogen. Durch Treueeide und Abhängigkeiten schuf er quasi-feudale Strukturen. Göker scheute nicht davor zurück, Menschen zu manipulieren und vor versammelter Mannschaft zu demütigen, wenn das Soll nicht erbracht wurde. Die Erfolgsmischung aus Kumpel und Kapo scheiterte am Gesetz: Wegen Steuerhinterziehung wurde Göker, der heute in der Türkei lebt, zu 720.000 Euro verurteilt. MEG ging 2009 insolvent. Die Privatschulden belaufen sich auf 21 Millionen. Verfahren wegen Untreue sind noch anhängig. TPHeimwerker-MythosReinhard Mey hat sich geirrt: Die Freiheit liegt nicht über den Wolken, sondern unterm Hammer. Im aktuellen Werbespot der Baumarktkette Hornbach wird das Einschlagen eines Nagels als übersinnliches Erlebnis verkauft. Die Natur, eine Schar Engel, ja, das ganze Universum steht Pate, wenn der Heimwerker eins wird mit seinem Schuppen, an dem er zimmert. Es liegt im natürlichen Interesse von Baumärkten, einen Mythos des Selbermachens zu propagieren. Ob „Mach dein Ding“ oder „Mach es zu deinem Projekt“ – die Slogans unterscheiden sich nur in der Wortwahl. Es geht um das konkrete Tun im Zeitalter des Digitalen, um nicht-entfremdete Arbeit im Schweiße des eigenen Angesichts, um Materialismus im besten philosophischen Sinn. Der selbst zusammengenagelte Schuppen ist das letzte Reservat für Selbstbestimmung, vornehmlich von Männern. Auch Tocotronic haben sich also geirrt, als sie sangen: „Was du auch machst / Sei bitte schlau / Meide die Marke Eigenbau.“ Mark Stöhr„Und aller Anfang ist hart, alle halten dagegen, alle sind sie am Reden, keiner will dir was geben, also musst du dir nehmen, bis sich der Schmerz legt. Das ist der Weg nach oben, das ist Selfmade“, so skizzierte Elvir Omerbegovic aka Slick One seinen Businessplan. Die Firma des Einzelkämpfers heißt Selfmade Records. 2007 rappte der Chef, ganz Arbeiter, noch höchst persönlich den Refrain. Der Boss wäre auch gerne Künstler Kollegah. Auf Bossaura inszeniert er sich als Kokain dealenden, Maybach fahrenden Fitness-Don-Juan mit „Alpha-Genen“, dessen Beuteschema zwischen den Müttern, Schwestern oder Freundinnen seiner Konkurrenten changiert. Und klingt dabei wie seine Haare – glatt, gegelt, schmierig. „Ich bin multitaskingfähig“, sagt der ➝ Selfmademan von sich. Das muss er auch, denn auf Kollegah, der im echten Leben Felix Antoine Blume heißt, wartet das Jura-Examen. Peter KnoblochIt-GirlsDurch systematische Selbstvermarktung Reichtum erlangen, das ist das Erfolgsgeheimnis sogenannter It-Girls wie Verona Pooth oder Daniela Katzenberger. Während die eine einst als „Exfrau von“ auf der Bildfläche erschien und für Spinat, Marmelade und Telefonauskünfte warb, stolperte die andere durchs Reality-TV und bestach durch soviel Unterhaltungswert, dass sie erst ihre eigene Sendung und später ihre eigene Klobrillen-Kollektion bekam. Diese schrill überzeichneten Frauen verkörpern mit geschickt gespielter Naivität den ➝ Aschenputtel-Traum tausender junger Mädchen und bedienen gleichzeitig das Pin-up-Klischee der dazugehörigen Männer. Hinter diesem Erfolg steckt knallhartes Management und der Verzicht auf Privatsphäre. Daniela Katzenberger etwa klagt seit Jahren öffentlich darüber, keinen Partner zu finden und diese verzweifelte Suche wird in ihrer Sendung selbstverständlich permanent ausgeschlachtet. Armes reiches Mädchen. SHSelfmademanIhn gab es wirklich. Frederick Douglass (1818–1895) stieg vom Sklaven zum gefeierten US-Schriftsteller auf. Als lebendiges Beispiel gegen die Untermenschen-Argumente der Sklavereibefürworter wirkte er zudem als Redner und Reformer. Douglass legte gleich mehrere Autobiografien vor, in denen er seinen Weg von ganz unten nach oben beschreibt. In seiner berühmten Rede „Self-Made Man“, die er zuerst 1859 hielt, formulierte der Aufsteigerprototyp selbiges Konzept. Demzufolge ist es nicht Glück, sondern harte geistige und körperliche Arbeit, die den Selfmademan erfolgreich machen. „WORK! WORK!! WORK!!!“ lautet sein Rezept. Im Gegensatz zu späteren Vertretern seiner Gattung pochte Douglass auch auf moralische Standhaftigkeit: Täuschung und Betrug würden langfristigen Erfolg verderben. TPTellerwäscherSie alle starteten ganz unten und gingen dann durch die Decke: die Clintons, die Kennedys, viel früher schon Abraham Lincoln und noch davor Benjamin Franklin. Durch Franklin kam auch der Mythos in die Welt, jeder könne es aus der Gosse in den Geldadel schaffen – mit Willenskraft, Fleiß und einem Quäntchen Glück. Franklin wurde als 15. Kind eines Seifen- und Kerzenmachers geboren und schaffte den Aufstieg zu einer politischen Führungspersönlichkeit und zum Mitautor der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Nebenbei erfand er noch den Blitzableiter.Der Tellerwäscher-Traum (➝ Selfmademan) ist bis heute wichtiger Bestandteil der US-Identität. Und doch ist er nichts weiter als ein Mythos. Jüngere Erhebungen haben ergeben, dass der Tellerwäscher meistens Tellerwäscher bleibt. Die soziale Mobilität in den USA ist im Schnitt niedriger als in Europa, Großbritannien einmal ausgenommen, sprich: Das Einkommen der Eltern entscheidet in 50 Prozent der Fälle über das spätere Einkommen der Kinder. MSZelebrieren„Es gibt sie noch, die guten Dinge“ verspricht Manufactum seit 1988 allen kaufwilligen Öko-Hedonisten, indem es Handgefertigtes feilbietet. Als Reaktion auf die einheitliche Massenware werden Produkte wie das gusseiserne Waffeleisen aus Großmutters Dachboden geholt und mit dem Schüren von Kindheitserinnerungen zu einem teuren Vergnügen verpackt. Allüberall besinnen sich Besserverdiener zurück auf Qualitätsware. Egal ob Brandenburger Marmelade, schwedische Bademäntel oder handgeschmiedete Nagelhaken aus der Oberpfalz, es ist auch eine gehörige Portion Pseudo-Individualismus, die hier mitverkauft wird. Natürlich ist die Förderung von Kleinstunternehmen begrüßenswert, aber dass dahinter ein großes Wirtschaftsunternehmen steht, sollte man nicht außer Acht lassen. Manufactum gehört dem Versandhaus Heine, eine Tochterfirma der Otto-Gruppe. SH