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Unser Kolumnist teilt seine Gedanken zur Occupy-Bewegung mit. Außerdem gibt er establishment-kritische Literaturtipps.

Ich habe den Kapitalismus schon kritisiert, da gab es den Kapitalismus noch gar nicht. Ein Veteran bin ich, mit weißem Bart und zerfurchtem Gesicht.

Druckerzeugnisse und Sendeanstalten haben mich informiert, dass nun ganz viele Menschen zu Kapitalismuskritikern geworden sind. Auch solche, die vorher sehr für den Kapitalismus waren. Weil er sich nun aber gegen sie wendet, gehen sie auf die Straße und schließen sich der Occupy-Bewegung an. In allen großen Städten der westlichen Welt.

Ich wünschte, sie blieben zuhause. Sie werden sonst nicht glücklich, auch wenn sie gerade denken, ihnen gehöre die ganze Welt. Sie sollten es machen wie ich. Sie sollten Salonlinker werden.

Wer auf die Straße geht, schadet sich nur selbst. Er wird von der Polizei gefilmt, vielleicht bekommt er Pfefferspray ab, vielleicht wird er festgenommen, weil neben ihm jemand Steine geworfen hat. Auf jeden Fall verpasst er die Sportschau. Und in den Medien sagen sie über die Occupy-Anhänger: Sie gehen protestieren, aber was sind überhaupt ihre Ziele und wie wollen sie diese Ziele erreichen? Das geht nur über die Politiker, aber in die haben sie ja ihr Vertrauen verloren. Widerspruch, ha ha. Widerspruch, ha ha. Die wollen ja sowieso nur dagegen sein, Hauptsache dagegen.

Ich möchte nicht, dass so über mich geschrieben wird, also bleibe ich zuhause. Ich habe noch nie an einer Demonstration teilgenommen.

Worum geht es einem beim Protestieren überhaupt, beim Kapitalismus kritisieren? Doch nicht wirklich darum, etwas zu verändern. Das wird ohnehin nicht passieren. Nein, es geht doch darum, sich überlegen zu fühlen, es besser zu wissen. „Ich weiß, wie es laufen müsste.“ Und es ist nur eine Bestätigung, wenn andere das für Unsinn halten. Ach, ich liebe es.

Für dieses Gefühl muss ich nicht auf die Straße gehen, das bekomme ich auch in meinem Salon. Bücher lesen (von Proudhon bis Chomsky), Dokus (The Corporation etc.) gucken und ab und zu in trauter Runde kritische Dinge über den Kapitalismus sagen. Zum Beispiel: Wie will der Kapitalismus das Problem lösen, dass die Supermärkte am Ende des Tages Nahrungsmittel wegschmeißen, anstatt sie vorher zu verschenken? Denn wenn sie das machen, würde dort niemand mehr etwas kaufen, sondern es sich nach Ladenschluss schenken lassen. Ökonomisch ist das Verhalten der Supermärkte logisch, ökologisch völlig bescheuert.

So in der Art. Gedankengänge einfach der Gedankengänge wegen.

Und wenn dann die Proteste wieder abnehmen und die Leute enttäuscht nach Hause schleichen, sitze ich in meinem Salon und sage ihnen: „Ich habe es euch doch gleich gesagt.“

Nicht Schöneres kann ich mir vorstellen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.