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In Potsdam hat ein Public-Viewing-Veranstalter ein Flaggen-Verbot verhängt. Das Ziel: Eine WM ganz ohne nationale Untertöne

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Sonntagabend, die deutsche Mannschaft... nein, Deutschland spielt gegen Australien. Wer an diesem Abend durch die Straßen Potsdams geht, kann den Eindruck gewinnen, dass es wahr ist: Heute tritt nicht nur ein Fußallteam, sondern eine ganze Nation an, um zu beweisen, wie entspannt sie über andere triumphieren kann. Deutschland ist wieder im Schwarz-Rot-Gold-Rausch.

Fast ganz Deutschland.

Am Eingang der Public-Viewing-Area an der Friedrich-Engels-Straße 22 bittet ein Aufpasser die Besucher höflich, aber bestimmt: "Bitte die Fahnen hier abparken". Wer hier Fußball gucken will, darf das nur ohne Hoheitssymbole. Auf dem Potsdamer "Freiland"-Gelände haben die Veranstalter ein Flaggenverbot verhängt. Einige Gäste murren, sehen nicht ein, warum sie überhaupt etwas abgeben sollen. Andere drehen um und fahren lieber dorthin, wo sie unbeschwert ihre Fahnen schwingen dürfen. Die meisten schreiben ihre Namen jedoch auf die kleinen gelben Haftzettel, die der Ordner austeilt, und peppen sie auf ihre mitgebrachten Flaggen. Jutta, Nele, Detlev, Tom, Steffen – mit der Zeit verwandelt sich der Fahnen-Ablageplatz in einen kleinen See aus schwarz-rot-goldenen Wellen. Ein Tümpel von Stoffbahnen, akribisch sortiert nach seinen deutschen Besitzern.

Offenbar hatten einige der Besucher von dem Flaggenverbot zuvor nichts mitbekommen. Dabei hatte sich die Junge Union Ende Mai öffentlich empört und den Veranstaltern „Intoleranz“, „Ausgrenzung“ und ein „nicht entspanntes Verhältnis“ zur Nation vorgeworfen. Achim Trautvetter, einer der Veranstalter, entgegnet: „Wir wollten einfach eine Diskussion über den Umgang mit nationalen Symbolen in Gang bringen und ein Public Viewing ohne diesen ganzen Deutschlandmist machen. Dieser ganze nationale Rausch kann auch in eine rechtsnationale Richtung führen. Gegen diese Tendenzen wollten wir ein Zeichen setzen.“

Das Spiel beginnt. Etwa 200 Kinder, Jugendliche und Ältere halten ihre Augen auf die Großleinwand gerichtet. Die Mannschaften betreten das Stadion, bei den Deutschen singen viele der Spieler ohne Migrationshintergund die Nationalhymne mit. In Potsdam tut das keiner der Besucher. Die Leute essen Bratwurst, trinken Bier und beim Anpfiff klatschen alle. Als Podolski in der achten Minute das 1:0 schießt, gibt es Jubel und Beifall. Das Angenehme dabei: Niemand grölt besoffen „Deutschland, Deutschland...“ Die Atmosphäre gleicht das gesamte Spiel über einem entspannten Picknickausflug mit Freunden. Auch nach dem 2:0, 3:0 und 4:0 hört man keine dummdreisten „Wir sind die Größten-Sprüche“, keine Schlachtgesänge und man wird beim Torjubel nicht mit Bier überschüttet - man hat ja auch keine Fahne, die man jetzt zusammen mit der Bierflasche überschwänglich in die Höhe reißen müsste.

Die Dämmerung setzt ein. Fiepsend durchkämmen Schwalben die Luft, später werden sie von Fledermäusen abgelöst. Das Spiel endet. Die deutsche Mannschaft hat gewonnen. Die Zuschauer lächeln sich an, freuen sich über einen gelungenen Fußballabend. Die Veranstalter, die Fangruppen des Fußballvereins Babelsberg 03 und das Netzwerk "Kulturcamper", sind rundum zufrieden.

Später in der S-Bahn von Potsdam nach Berlin dann mal wieder das übliche Geschrei, Gepöbele und Gekreische der Deutschland-Fans. Besoffene Mädchen schwenken die Fahne, eine Gruppe Männer mit Trillerpfeifen, Vuvuzelas, Bierflaschen und Bierbäuchen singt die erste Strophe des Deutschlandlieds, zwei Typen mit filzigen Deutschlandhüten schreien sich lauthals an und ein anderer mit Deutschlandtrikot übergibt sich auf dem Bahnsteig. Allerorts Gegröle, Geschubse und Gehupe. Gelassenheit fühlt sich irgendwie anders an.

Alle WM-Spiele werden auf dem Freiland-Gelände in der Friedrich-Engels-Straße 22 (Potsdam) gezeigt. Der Eintritt ist kostenlos.

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