Da ist Rozanov. Seine Vita scheint von Skandalen und Regelverletzungen markiert zu sein: Er polemisiert gegen die atheistische fortschrittliche Intelligenz und überbietet sie doch zugleich in einer zweibändigen soziologischen Studie über unehelich geborene Kinder - was ihm schärfste Verweise seitens der Kirche einbringt; er schreibt im konservativen Novoe vremja und im liberalen Russkoe Slovo - oft gleichzeitig mit unterschiedlichen Positionen; er verspottet die revolutionäre Intelligenz und verfasst selbst eine Studie über den Zusammenbruch der Monarchie; er versteht sich als Anhänger des Alten Testaments und als Philosemit, und doch stammen von ihm Rechtfertigungen antisemitischer Pogrome ..."
Der Vasilij Rozanov, den Karl Schlögel in seinem Buch
46;gel in seinem Buch über St. Petersburg als Laboratorium der Moderne beschreibt, war ein Exemplar, wie es diese Stadt am Ende des 19. Jahrhunderts waschechter nicht hervorbringen konnte; seine Charakteristik umreißt die lebhaften, auf dem Humus der Großstadtkultur wuchernden Debatten, also ein Klima, wie man es für diese Zeit mit Paris, Wien oder Berlin verbindet. Dass auch St. Petersburg damals im Ensemble der Metropolen mitspielte, dass hier die Diskussionen der jungen Moderne auf ihre eigene, russische Weise geführt wurden, in diesem Stadium geistiger Üppigkeit, als noch nicht alles auf zwei Ideologien zusammengeschnurrt war - das war lange vergessen.Einige Monumente dieses Petersburger "fin de siècle" gehören für die Besucher zwar zum Sightseeing-Plansoll - die großartigen Hotels und ihre teuren Lobbys, das basarartige Passagenkaufhaus Gostinij Dwor, wo heute die internationalen Filialisten für Langeweile sorgen -, aber die Stadt sucht vor allem ihr herrlich-einheitliches klassizistisches Erscheinungsbild zu präsentieren und touristisch zu verwerten, das Gesicht also, das die Zaren des 18. und frühen 19. Jahrhunderts ihr gaben.Wo sonst in der Welt findet man schon ein derart reiches und stimmiges Ensemble höchster Baukultur einer Epoche, durchzogen von freundlichen Wasserwegen, die dem gerasterten Grundriss Charme geben, gesäumt von unerhört reichen Palästen? In die gewaltigen Vorstädte, die Kernstadt umringenden Hochhaussiedlungen, verirrt sich hingegen kein Geburtstagsgast; es reicht, sie auf der Fahrt vom Flughafen aus dem Busfenster heraus zu sehen. St. Petersburg will, sehr verständlich, hinein in den Kreis der alten europäischen Großstädte, die heute ihr historisches Erscheinungsbild erfolgreich vermarkten, es darf wieder den Zaren huldigen, die es gestalteten, allen voran dem zwiespältigen Gründer-Herrscher, Peter dem Großen, der vor 300 Jahren auf einer Insel in der Newa den Grundstein zur Peter- und Paul-Festung legte. Es folgte bald die Werft, aus der später die Admiralität wurde, mit ihrem unverkennbaren Nadelturm ein wesentliches Petersburger Wahrzeichen. Hier also lag der Nucleus der Stadt, geboren noch im Großen Nordischen Krieg gegen die Schweden, denen Zar Peter das sumpfige Ufergebiet abgekämpft hatte. Ein Versuch, dasselbe mit den Türken zu machen, war ein paar Jahre zuvor fehlgeschlagen - sonst läge St. Petersburg heute am Schwarzen Meer, und seine Bürger müssten an den wenigen warmen Tagen nicht die angewärmten Mauern der Peter- und-Paul-Festung stürmen, um dort verzweifelte Sonnenbäder im Stehen zu nehmen. Andererseits gäbe es keine weißen Nächte, keinen Schnee, und kein Joseph Roth hätte im Winter 1928 geschrieben: "Nach Leningrad kam ich an einem eisigen Sonntagmorgen. Die Luft war aus Glas. Es klirrte. Die Straße war Schnee; weißbesonnter Schnee auf der einen Seite, auf der anderen beschatteter Schnee."Hier, unter dem kalten Ostseewind, in den Sümpfen des Newa-Flusses musste die Kulturleistung vollbracht werden, für die ein Zeitgenosse Peters die Worte fand: "Er hat ein hölzernes Russland vorgefunden und ein goldenes geschaffen." Für das "hölzerne Russland" blieb Moskau zuständig, es wurde noch gebraucht: Im Dienst dieser Dialektik verbrachte zum Beispiel Katharina die Große Monate ihres Lebens auf der Landstraße zwischen den beiden Städten. Petersburg stand, wie Karl Schlögel schreibt, "für Aufklärung, Glanz, Disziplin, bürokratisches Reglement und den Geist des Okzidents; Moskau stand für das alte Rußland, für Schläfrigkeit, Rechtgläubigkeit, und mit seinen goldenen Kuppeln war es Orient an der westlichen Grenze Eurasiens. Aber genausogut könnten die Pole vertauscht werden. Dann war Petersburg nur das Duplikat, das Geliehene und Fremde, während Moskau die Kraft des Originären, der Tradition und eben des wahren Rußland verkörperte."Das "wahre Russland", das der Mythen und Leiderfahrung, machte erst 1883 einen architektonischen Vorstoß in den Fremdkörper an der Ostsee: Ein veritabler Ausreißer aus dem klassizistischen und frühmodernen Erscheinungsbild St. Petersburgs, wie es gerade im nahegelegenen Newski-Prospekt kumuliert, ist die russisch-orthodoxe Auferstehungs- oder Bluterlöserkirche: im neorussischen Stil, opulent, zwiebelbetürmt wie das Moskau, das Zar Peter knapp zwei Jahrhunderte zuvor so energisch hinter sich gelassen hatte. An seine Schöpfung ließ Peter keinen russischen Architekten heran: Seine Leute hießen Domenico Tresini oder Andreas Schlüter, viele folgten ihnen aus Italien, Deutschland, Frankreich und trugen bei zur eindeutig unanständigen Prachtfülle der fürstlichen Paläste, aber auch zu dem menschengemäßen Stadtbild, das hier trotz allem heranwuchs. Nichts war zu teuer für Russlands Fenster zum fortschrittlichen Westeuropa, das Peter als wissbegieriger, technikbegeisterter junger Mensch - und als erster Zar der Geschichte - bereist hatte. Holland, England, Frankreich: Nur heraus aus der engen, dunklen Welt des Kreml, wo der zehnjährige Zarewitsch Peter die grauenhaften Massaker der Strelizen hatte ansehen müssen, Szenen jener ewigen Machtkämpfe am Zarenhof, die ihn schließlich selbst zum Herrscher machten. Die Stadt an der Ostsee sollte nicht eng und dunkel, sondern, im Geist der frühen Neuzeit, "klar und lichtvoll wie eine Regel" sein. Es war die Zeit, als Peters fürstliche Kollegen überall in Europa die Geometrie als irdische Entsprechung göttlicher, nunmehr naturwissenschaftlich erforschter Gesetze zum Motiv ihrer Stadtgründungen machten: Absolutismus mit noch einer leichten Verbeugung zum Weltenschöpfer, zur kosmischen Ordnung hin. Zar Peter war kundig genug, um Grundrisse, Gebäude, Straßen selbst zu entwerfen und über Traufhöhen und Giebelformen für sein zweites Amsterdam nachzudenken. Aber dieser absolutistische Fortschrittler, der eben so sehr Gewalttäter wie Reformator war - seine Besuche in den Folterkellern waren keine Pflichtveranstaltungen -, baute buchstäblich auf den Knochen der Untertanen. Um hier auf völlig ungeeignetem Baugrund eine barocke Idealstadt aus Stein zu schaffen - "die erdachteste Stadt der Welt", sagte Dostojewski -, wurden nicht nur alle Bauprojekte im Reich gestoppt und damit Fachkräfte von überallher an die Newa geholt. Es wurde für jeden, der nach St. Petersburg kam, verordnete Pflicht, Steine - hierorts eine Rarität - mitzubringen. Kanäle mussten gegraben, Wälder gerodet, Pfähle in die Sümpfe gesetzt werden. Mit dem dafür benötigten Menschenmaterial ging der Zar des weiten Russland großzügig um: Die Zahl der Zwangsverpflichteten, die dieser Arbeit bei schlimmsten Bedingungen erlagen, kann nur geschätzt werden - auf 30.000 oder mehr. Manche unter ihnen, heißt es, hatten nicht einmal den Trost, dafür in den Himmel zu kommen - weil sie glaubten, der sei nur für den Zaren und seine Fürsten reserviert.St. Petersburg blieb lange etwas, was man ein Potemkinsches Dorf nennen könnte; sein Gründer hatte den Horizont abgesteckt, hatte die Größenverhältnisse definiert und musste erst einmal so tun als ob: als stünde hier wirklich schon die neue Hauptstadt, zu der er das Gebilde im Jahr 1712 ernannte. "Petersburg wird nicht über unsere Zeit hinaus Bestand haben. Soll es doch eine Wüste werden!" maulte eine seiner Familienangehörigen, die Zarewna Maria, und nicht nur sie war überzeugt, dass es so kommen würde: Das glaubten die Schweden, die Peters himmelstürmendes Projekt ratlos verlachten, ebenso wie die zum Hofhalten in Petersburg verdonnerten murrenden Aristokraten. Sie behielten Unrecht. Während fast alle Planstädte der frühen Neuzeit an Leblosigkeit leiden, entwickelte sich Peters steingewordene Reformidee zur richtigen Stadt. Es konnte wohl nicht anders kommen an einem a priori weltoffenen, vielsprachigen Ort, der 200 Jahre lang Menschen von überallher willkommen hieß - als Gäste, Handeltreibende und Einwanderer. Eine sui generis multikulturelle Stadt, die aus vielen Ghettos in einem ganz anderen, utopischen Sinn bestand: das holländische Dorf, das schwedische, französische, deutsche ... Ohne ihre Bewohner wäre aus der Stadt an der Newa und aus dem mit ihrer Existenz verknüpften Flottenbau nichts geworden, denn was verstanden die Russen - außer Peter - vom Schiffsbau? Und "ist Ihnen aufgefallen, dass fast alle Petersburger Bäcker Müller oder Weber heißen?" fragte der russische Autor Gensler 1862 in humoristischer Absicht, aber mit gutem Grund. St. Petersburg selbst, fand Nikolaj Gogol, sei ja wie ein ordentlicher Deutscher, "ein geschäftiger und anstelliger Fremdling in seiner Heimat".Heute gibt es wieder die deutschsprachige St. Petersburger Zeitung. Aber den Bruch mit der Geschichte kann keine neue Ausländergemeinde kitten, hinter den renovierten Fassaden am Newski-Prospekt findet sich nicht eine Kaffeehauskultur von einst, sondern bloß der Allerweltsschick pflegeleichter Teppichböden und internationaler Frühstücksbuffets. Die Denkmalschützerin, die gerade 700 Industriegebäude aus Petersburgs Gründerzeitboom unter Schutz gestellt hat (aber wer soll das bezahlen? weiß sie auch nicht ), kann sich selbst keine Wohnung in einem der sanierten denkmalgeschützten Gebäude an den attraktiven Boulevards leisten. Es kommt vor, dass ausländische Wochenend-Besucher so eine 200-Quadratmeter-Wohnung am Newski-Prospekt quasi im Vorbeigehen kaufen - die Denkmalschützerin lebt im "Schlafbezirk", wie die meisten Petersburger. Dort draußen, wo heute jeder seine Wohnung umsonst in Eigentum umwandeln kann - allerdings nur einmal im Leben, das will überlegt sein -, muss sogar die Armut bewacht werden: die Bewohner modrigster Plattenbauten leisten sich mitunter eine Concierge aus Angst vor Einbruch und Raub, auf die Polizei ist kein Verlass. Aber viele organisieren sich auch, bilden Hausgemeinschaften, kümmern sich um den Rasen, die Reparaturen, erklären mit Überzeugung, dass es "aufwärts geht" - schwache, lebenswichtige Schritte im turbokapitalistischen Umfeld der doppelten Ökonomie. Was wird, nachdem der Staat als oberster Bauplaner ausgedient hat? Wie die Leute vor Investorensanierung und Mietenexplosion schützen? Behutsame Stadterneuerung? Müßige Fragen, solange alte Frauen an der Ecke drei Möhren und einen Schneebesen feilbieten, während Neue Russen in den überteuerten Fummeln sämtlicher in St. Petersburg vertretener Weltdesigner vorbeikommen.Für St. Petersburg sind einstweilen die bewährten Beispiele des Städtetourismus Vorbild: Nur die täuschend echt konservierte Altstadt, hier gemixt mit einem betäubenden Ausmaß an Zaren-Reanimation, gewährt das Lebensgefühl, das sich Besucher westlicher Gesellschaften als Identitätsoption leisten. In "St. Peterburg", dessen Bewohner in einer Abstimmung ihren neu-alten Namen gewählt haben (neben "Leningrad" stand auch "Petrograd", der von 1914-24 benutzte Name der Stadt zur Auswahl) - hat man von Disneyfizierung selbstverständlich gehört. Aber nur wenige fürchten sie.Karl Schlögel hat in seinem Buch Laboratorium der Moderne das Zeitfenster zwischen 1890 und 1920 freigelegt, als die Chance auf eine urbane Bürgergesellschaft in greifbarer Nähe stand, ehe all das, von der Revolution abgeschnitten, unterging und die Monumente der Blütezeit als leere Hüllen zurückließ. Vor St. Petersburg liegt noch eine lange "Sysiphosarbeit des Zivilisatorischen" - und die Wiedergewinnung einer Stadt, die mehr ist als ein touristisches Zarenmuseum.