Wer in den letzten Jahren nach bekennenden Feministinnen oder wenigstens nach feministischen Bekenntnissen suchte, wurde meist enttäuscht. Es galt die Verona-Maxime: Am Besten fährt, wer sich aufreizend distanziert. Seit kurzem ist das anders. Selbst Familienministerin Ursula von der Leyen findet, "konservativer Feminismus" sei ein spannendes Konzept. Ohne Zweifel: Die Scham ist vorbei und Feminismus auch hierzulande auf die diskursive Bühne zurückgekehrt.
Verwundern sollte diese Rückkehr allerdings nicht. Verwundern sollte eher, dass sich der deutsche Feminismus zwischenzeitlich nicht mehr auf dem Spielplan fand. Denn das war, zumindest im internationalen Vergleich, ein Sonderweg. Wenn hierzulande nun nach einer längeren Pause wieder positive Bezugnahmen auf F
hmen auf Feminismus zu finden sind, geschieht dies also mit einiger Verspätung; geschlechterpolitisch ist Deutschland eben langsam. Unsere - feministisch gesehen - erheblichen Modernisierungsdefizite belegen die Statistiken zum Verdienstabstand zwischen Frauen und Männern oder zu deren unterschiedlicher Zeitverwendung ebenso wie etwa die Tatsache, dass rund 85 Prozent aller Professuren mit Männern besetzt und deutsche Vorstandsetagen praktisch frauenfrei sind. Aber auch die hysterischen Debatten zu "Rabenmüttern", "Wickelvolontariat" und der kuriosen These vom Dahinschwinden heterosexueller Erotik durch zunehmende Gleichberechtigung sind Index deutscher Provinzialität in Sachen Geschlechtergerechtigkeit.Nicht ohne Ironie ist vor diesem Hintergrund, dass nun ausgerechnet Politikerinnen, die bis vor kurzem als feministisch unverdächtig galten, die Beseitigung dieser Modernisierungsdefizite auf ihre Agenda gesetzt haben. Allen voran Mittelstürmerin Ursula von der Leyen und Angela Merkel als geschickt die Mannschaftsteile verschiebende Abräumerin im Mittelfeld. Die zu diesem Zweck vorgenommene Verzahnung familienpolitischer Instrumente mit Gleichstellungspolitik, die bereits von Renate Schmidt eingeleitet worden war und nun von ihrer Nachfolgerin forciert wird, kann sich durchaus sehen lassen. Stutzig macht sie dennoch. Was wir seit 2006 erleben, ist nicht nur eine Art nachholende Gerechtigkeitspolitik; es ist auch die Übersetzung einer feministischen Forderung der siebziger Jahre - Verbesserung der Kinderbetreuungs-Infrastruktur als Voraussetzung für die Integration von Frauen in die Erwerbsarbeit - in schwarz-rote Regierungspolitik, die mit diesen Maßnahmen zudem unverhohlen demografische Ziele verfolgt.Doch Feminismus, das zeigt sich hier, ist längst nicht gleich Feminismus; noch das radikalste Bewegungspostulat kann nach Dekaden in der Warteschleife in konservativen Maßnahmen enden. Dabei ist die neue, konservative Variante nicht deshalb konservativ, weil sie von einer christdemokratischen Ministerin in Umlauf gebracht wurde. Es lassen sich vielmehr eine Reihe von Gründen dafür anführen, warum und inwiefern wir es hier mit einer Politik zu tun haben, von der in überproportionalem Maße jene Frauen (und Männer) profitieren, die man auch vorher schon als gesellschaftlich privilegiert beschreiben konnte.Schauen wir uns also die aktuelle Familien- und Geschlechterpolitik etwas genauer an, und setzen zu diesem Zweck eine am Paradigma der Intersektionalität geschulte feministische Brille auf. "Intersektional" meint, nicht allein die Genusgruppen "Männer" und "Frauen" im Blick zu haben und dabei davon abzusehen, dass diese intern jeweils äußerst heterogen sind. Ein intersektionaler Feminismus sucht zum einen danach, wie Geschlechterverhältnisse, Klassenverhältnisse und Fragen von Ethnizität und Rassismus in der Sozialstruktur und der institutionellen Verfasstheit einer gegebenen Ökonomie und Gesellschaft verbunden sind - im nationalen wie transnationalen Zusammenhang. Zum anderen beobachtet ein intersektionaler Feminismus, was mit diesen spezifischen, dennoch aufeinander bezogenen Verhältnissen unter den gegenwärtig zu erlebenden Bedingungen sozialer, politischer und ökonomischer Transformation geschieht. Drei verschiedene Aspekte fallen bei einer solchen Betrachtung ins Auge.Erstens wird deutlich, dass wir es heute im Vergleich zu den siebziger Jahren mit einer deutlich veränderten gesellschaftlichen Konstellation zu tun haben. Einer Konstellation unter neoliberalen Vorzeichen, die auf dramatische Weise und im globalen Maßstab auch Geschlechterverhältnisse reorganisiert. Diese neoliberale Konstellation hat einen entscheidenden Einfluss darauf, welcher Ausgang aus dem gegenwärtigen Geschlechterarrangement möglich ist - und dabei handelt es sich nach wie vor um ein hierarchisiertes Geschlechterarrangement. Um eines zudem, das heterosexuelle Zweigeschlechtlichkeit nicht nur voraussetzt, sondern auch stets aufs Neue reproduziert. Vor diesem Hintergrund fallen nun bemerkenswerte Entwicklungen auf. Zum einen nämlich wird just in Zeiten von massivem Arbeitsplatzabbau, der Verallgemeinerung von Prekarität und der Ausweitung des Niedriglohnsektors auch für Frauen das Modell der allgemeinen Erwerbstätigkeit propagiert. De facto führt das dazu, dass diese neoliberal als Marktsubjekte emanzipiert werden, die, auf sich allein gestellt, die eigene Existenz zu sichern angehalten sind - von denen, die es schaffen, Lehrerinnen, Ministerinnen oder Finanzbeamtinnen zu werden, mal abgesehen. Zum anderen knüpfen sich an dieses für Deutschland neue Ideal der allgemeinen Erwerbsarbeit bloß verhaltene Ideen darüber, wie bisher Frauen zugewiesene Pflegearbeiten erledigt werden sollen - ausgenommen ist hier nur die nachmittägliche Kinderbetreuung. Man könnte also sagen, dass es sich hier um eine Politik handelt, welche die gesellschaftliche Frage der Nachwuchssicherung und Fürsorgearbeit allein mit deren Kommodifizierung zu beantworten weiß. Zumindest implizit wird sie als Angelegenheit betrachtet, die Frauen unter sich ausmachen (sollen). Das bedeutet einerseits - darauf hat die Frankfurter Soziologin Silvia Kontos hingewiesen -, dass die Reibungsverluste zwischen flexibilisiertem Arbeitsmarkt und Betreuungs- und Bildungsanforderungen von Kindern vor allem zu Lasten jener Frauen gehen, die sich den Zukauf von Betreuungsleistungen über den Markt schlicht nicht leisten können. Andererseits führt es zu der für feministische Kritik schwierigen Situation, dass berufliche Gleichstellungsgewinne besser gestellter Frauen nicht zu einer Umverteilung von Hausarbeit zwischen Frauen und Männern führen, sondern dass sie im Gegenteil eine Umverteilung von Hausarbeit zwischen Frauen nach sich ziehen. Arbeiten im Privathaushalt - gehen wir einmal von der heterosexuellen Kleinfamilie aus - bleiben damit "typische" Frauenarbeiten. Der Unterschied ist nur, dass diejenigen, die es sich leisten können, sie nicht mehr selber erledigen, sondern polnische Pflegerinnen, peruanische Putzhilfen oder französische Au-pair-Mädchen engagieren. Und diese arbeiten zumeist unter äußerst prekären, das heißt schlecht abgesicherten Verhältnissen.Mit diesen Effekten eng verbunden ist der zweite Aspekt, der am aktuellen Staatsfeminismus auffällt. Es geht um den Umstand, dass unbeeindruckt von der seit mittlerweile bald drei Dekaden immer wieder formulierten feministischen Kritik von einem einheitlichen Kollektivsubjekt "Frau" ausgegangen wird. Man könnte sogar sagen, dass der konservative Staatsfeminismus diese Kritik aktiv hintertreibt. "Frau" meint heute zwar nicht mehr die heterosexuelle, nicht-erwerbstätige deutsche Mittelschichtshausfrau und Mutter, sondern die Vereinbarkeit von Karriere und Familie suchende heterosexuelle Frau und Mutter. Es wird aber weiterhin so getan, als seien alle Frauen gleich. Das staatsfeministische Gleichstellungsprogramm reproduziert damit nicht nur ein heteronormativ gerahmtes, hierarchisches Geschlechterarrangement, das Frauen und Männer als Genusgruppen mit je einheitlichen Lebenslagen und -interessen konstruiert. Es verhehlt auch, dass es selbst eine Politik ist, die zu neuen gesellschaftlichen Spaltungen beiträgt. Nicht zuletzt die Frage, wer von diesem Umbau der Geschlechterverhältnisse "von oben" profitiert und wer verliert, kann auf diese Weise kaum noch gestellt werden.Drittens schließlich sticht ins Auge, dass derzeit - unter Bedingungen einer stets verknappenden Ökonomie der Aufmerksamkeit - die politische Energie vor allem auf Vereinbarkeitsfragen von Familie und Beruf gelenkt wird. Andere geschlechterpolitisch relevante Konflikte werden auf diese Weise tendenziell aus dem Spektrum feministischer Politiken ausgegrenzt. Das betrifft etwa die bereits beschriebenen ökonomisch und politisch motivierten Aktualisierungen von sozialen Trennlinien durch Klasse und Ethnie. Forciert werden damit nicht nur erhebliche Verwerfungen, Spaltungen und Hierarchien auch zwischen Frauen; erschwert wird zudem, etwa antirassistische Kämpfe ebenso wie globale Auseinandersetzungen um Verteilungsgerechtigkeit als genuin feministische Anliegen wahrzunehmen.Das gilt aber auch für jene politischen Kämpfe, die als Körperpolitiken beschrieben werden können und deren Inhalt die Anfechtung eines gewaltförmig organisierten zweigeschlechtlichen Systems zur Einteilung menschlicher Körper ist. Ein System, das reguliert, welche Körper als normal und welche als abweichend und folglich korrekturbedürftig gelten, etwa bei der medizinischen Regulierung und Pathologisierung von Intersexualität oder durch die Behandlungsstandards von Transsexualität.Zusammenfassend kann man also sagen, dass der neue Feminismus konservativer Prägung problematisch ist, insofern er zwar als allgemeiner Feminismus verkauft wird, tatsächlich jedoch ein Feminismus für Wenige ist. Wenn Feminismus aber Geschlechtergerechtigkeit in einem umfassenden Sinne anstrebt - und das hieße auch, immer wieder danach zu fragen, wen und welche Anliegen er adressiert -, kann er sich nicht darauf beschränken, die Lebensbedingungen von "Alpha-Mädchen" zu verbessern. Er muss sich vielmehr der Frage stellen, welche Antworten er anzubieten hat für die hier nur kursorisch umrissenen, komplex ineinander verwobenen Herausforderungen einer globalisierten Welt, die in extremer Weise zugleich homogenisiert und trennt. Einer Welt, deren vordringlichstes Problem nicht die geglückte Work-Life-Balance westlicher "Unternehmerinnen ihrer selbst" ist.Wenn die Zukunft des Feminismus nicht die eines bürgerlichen Spartenprojektes sein kann, bleibt die Aufgabe, darum zu streiten, welchen Anforderungen er heute Rechnung tragen muss. Unverkennbar ist, dass ein altes Versprechen ausgedient hat: Dass Politik im Namen aller Frauen machbar sei, ohne dass bestimmte Frauen dabei ausgeschlossen würden. Was folgt daraus für einen neuen Feminismus?Zunächst einmal die Einsicht, dass Geschlechterverhältnisse nicht unabhängig von anderen gesellschaftlichen Teilungsverhältnissen existieren, verstanden und verändert werden können. Die Einsicht, dass wir es mit intersektionalen Verhältnissen zu tun haben, muss zur Leitlinie eines künftigen Feminismus gemacht werden. Denn wen die Achsen der Ungleichheit auf welche Weise trennen und verbinden und wie diese jeweils als Ausformungen von Macht und Herrschaft verfasst sind, das kann - darauf hat die Hannoveraner Sozialtheoretikerin Gudrun-Axeli Knapp hingewiesen - an der Genus-Gruppe "Frauen" allein nicht erkannt werden.In einer Welt, zu deren hauptsächlichen Problemen der Zugang zu Nahrung und Behausung, zu Bildung und Wissen, die Erfahrung von Krieg und Verfolgung, Missbrauch und Gewalt, von Armut und Mangel, von Überflüssigkeit und verweigerter Anerkennung, von Rechtlosigkeit und Willkür, von Sexismus, Homophobie und Rassismus in ihren vielfältigsten Manifestationen gehören, kann es daher kein Zurück geben hinter die Einsprüche lesbischer und schwarzer, eingewanderter und queerer, postkolonialer und transgender FeministInnen. Der Anstrengung, Feminismus hinsichtlich dieser Aufgaben komplexer zu artikulieren, müssen wir uns alle unterziehen. Und zwar auch innenpolitisch.Ein neuer, intersektionaler Feminismus, der sowohl die Erfahrungen als auch die widersprüchlichen Erfolge der zweiten Frauenbewegung zum Ausgang nimmt, um die vielfältigen, dynamischen Geschlechtergerechtigkeitsdefizite, mit denen wir nach wie vor zu kämpfen haben, mit erfolgverheißenden Strategien zu parieren, braucht daher vor allem dreierlei: Offenheit, Selbstreflexivität und Flexibilität. Offenheit für Belange und Anliegen, die er bislang nicht oder nur weit hinten auf der Tagesordnung hatte, wie Fragen von Staatsbürgerschaft und Illegalisierung.Selbstreflexivität, weil es in einem breit angelegten politischen Projekt fast unumgänglich ist, dass es zu internen Verwerfungen kommt, dass interne Machtverhältnisse ihre Wirkungen entfalten und dass die gewählten Strategien mitunter in verschiedene Richtungen weisen. Wie ein Zusammspiel jener Varianten von Gender Mainstreaming, die eindeutig verschiedene Lebenswirklichkeiten von Männern und Frauen unterscheiden und damit Vorstellungen der Zweigeschlechtlichkeit reproduzieren, mit Ansätzen queerer Repräsentationspolitik, die darauf hinauslaufen, diese Unterscheidung gerade zu destabilisieren. Ein zukunftsfähiger Feminismus, der mehr sein will als ein Spartenfeminismus der Starken, braucht angesichts dieser Situation die Bereitschaft und Mechanismen, den eigenen Mainstream immer wieder zu hinterfragen und gegebenenfalls zu modifizieren. In der Unabgeschlossenheit, die die Ambivalenzen eines breit angelegten politischen Projektes immer mit sich bringen, sollte eher nach Vorteilen als nach Nachteilen gesucht werden.Flexibilität schließlich braucht der neue Feminismus, um in einer zunehmend beweglichen Welt angemessen und am besten auch noch schnell reagieren zu können. Nicht alle Rezepte, die von der zweiten Frauenbewegung im Laufe der letzten Jahrzehnte erprobt wurden, sind veraltet. Aber als Patentrezepte für Gegenwart und Zukunft können wir sie keinesfalls werten.Ein solches Programm mag den einen zu vage erscheinen oder auch zu anstrengend. Für andere wiederum wird es nach Freiheit klingen und vielleicht sogar nach Spaß. Auf den Versuch käme es an. Zu tun ist viel, und zum Nulltarif war eine bessere Welt noch nie zu haben.