Leipzig ist eine Lesemesse, heißt es. Und der Schriftsteller ein Vorleser? Der Schriftsteller Jochen Schmidt hat so seine Zweifel, was seine Divenqualitäten angeht...
Seit zehn Jahren bin ich vorlesender Autor, mit ungefähr 100 Lesungen im Jahr, von denen sogar einige anständig bezahlt sind, die anderen macht man aus Spaß, aus Pflichtgefühl, oder weil man die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, im Publikum seiner Zukünftigen zu begegnen. Es ist ja auch keine schlechte Abendgestaltung, ein wenig im Mittelpunkt zu stehen. Ideal wäre es, wenn sich die Zuschauer irgendwann schon an der Tatsache berauschten, dass ich vor ihnen sitze, und ich gar nicht mehr lesen muss.
Erfolg ist mir suspekt, am meisten zweifle ich an mir, wenn es gut gelaufen ist, wenn Zugaben nötig waren und nach jedem zweiten Satz gelacht wurde. Bei denselben Texten ist an einem anderen Abend nichts passiert; das zeigt doch, wie wenig der Publikumsreaktion
msreaktion zu trauen ist. Ich messe den Erfolg eher daran, ob die Zuschauer bereit sind, anschließend für meine Bücher Geld auszugeben. Was nützt der Zuspruch, wenn das Vertrauen in meine Qualitäten so weit dann doch nicht reicht?99 Prozent der Autorenlesungen sind quälendDa meine verschiedenen Verlage angesichts meiner geringen Marktrelevanz wenig bis gar keine Öffentlichkeitsarbeit betreiben können – denn die lohnt sich nur für bereits erfolgreiche Autoren –, ist Vorlesen meine einzige Chance, den Buchverkauf aus eigener Kraft zu befördern. Dafür würde ich auch vor einem einzigen Zuschauer lesen, dem ich 10 Stunden hinterher gereist bin. Darauf läuft es oft genug hinaus. Warum sollten auch mehr kommen?Die Werbung bestand darin, dass ein Plakat im Schaufenster der Buchhandlung hing, die lokale Zeitung habe leider aus privaten Gründen etwas gegen ihn, sagt der Veranstalter, und boykottiere ihn deshalb schon seit Jahren, oder ich bin aus Versehen in Berlin angekündigt worden, obwohl ich in Würzburg lese. Ich kann es den Jugendlichen, die draußen an der Buchhandlung vorbei zu McDonald‘s pilgern, nicht übelnehmen, dass sie nicht zu mir kommen: Woher sollen sie wissen, dass es für sie unterhaltsam sein würde? 99 Prozent der Autorenlesungen sind quälend, ich weiß, wovon ich spreche, ich muss bei Gruppenlesungen oft anderen Autoren zuhören, bevor ich endlich dran bin.Dass es mir meistens gelingt zu unterhalten, ist kein Qualitätsmerkmal, andere schreiben besser und noch andere verweigern sich zu Recht dem Publikum. Aber ich gehe nun mal diesen Weg, ich will die Leute verführen und nicht vor den Kopf stoßen. Meine Aura ist nicht so beeindruckend, dass ich es mir erlauben könnte zu provozieren oder mich als Diva zu geben. Ich muss mir Absatz für Absatz die Sympathie der Zuschauer erkämpfen, und dabei nicht aus den Augen verlieren, warum ich eigentlich schreibe, was keine leichte Aufgabe ist. Es wäre einfacher, auf Anspruch zu setzen und sich vom Literaturbetrieb finanzieren zu lassen.Ich bin natürlich Opportunist, ich will, dass die Menschen glücklicher nach Hause gehen, als sie gekommen sind, und es bereitet mir Kopfzerbrechen, welche Textauswahl dafür am besten geeignet ist. Oft wird Monate im Voraus angefragt, welchen Text ich lesen werde, der Moderator würde sich gerne vorbereiten. Ich weiß es nicht, dazu muss ich das Publikum sehen. Außerdem bekommt der Moderator dasselbe Honorar wie ich, und ich finde, er kann dafür ruhig etwas in meinen Büchern schmökern. Manchmal heißt es dann: Mir war es zu lustig, wo bleibt das Ernsthafte? Ja, dann kaufen Sie doch meine Bücher, die sind voller ernsthafter Stellen, aber erfahrungsgemäß kommt es eben besser an, wenn ich mich bei Lesungen auf die lustigen konzentriere. Denken Sie etwa, ich kann nicht anders? Ich lache lieber in der Öffentlichkeit, als dass ich weine. Außerdem: Hätte ich die traurigen Stellen gelesen, wäre hinterher jemand gekommen und hätte nach mehr Komik verlangt.Es ist schön, neue Orte kennenzulernen, besonders in den Osten reise ich gerne, weil es mir Spaß macht, meine ehemalige Heimat zu entdecken, die ich vor der Wende missachtet habe: Greifswald, Görlitz, Magdeburg, Chemnitz, Jena; auch wenn die Einheit dem Stadtbild selten gut getan hat. In Mainz, Ingolstadt, Münster oder Essen fühle ich mich deutlich einsamer, der Teil meines Lebens, für den ich mich am meisten interessiere, meine Jugend, hat sich nun mal auf der anderen Seite abgespielt.Gegen das Getrommel anlesenEin dezent ausgeleuchteter Raum mit einer Tonanlage, die mir eine wohlklingendere Stimme schenkt (was einem kompetenten, aber nicht übertrieben beflissenen Techniker zu verdanken ist), ausreichend Publikum, man könnte experimentieren, einmal alles anders machen, sich die Passage mit den Zweifeln am Dasein trauen. Aber warum? Die Präsenz der Zuschauer hebt die Laune, da liest man gerne noch einmal die Klassiker, und wenn wenig kommen, werde ich sie nicht noch dafür bestrafen, dass sie mir ihr Vertrauen geschenkt haben. Der Veranstalter selbst kann leider nicht zur Lesung bleiben, er hat noch im Büro zu tun. Im Obergeschoss des Kulturzentrums hat ausgerechnet heute eine Multi-Kulti-Party 400 Besucher angelockt, schwer, gegen das durch die Wände dringende Getrommel anzulesen. Udo Jürgens soll ja seine Lieder bei laufendem Fernseher proben, um sich für solche Extremsituationen zu wappnen.Ich gebe meinen Wein an die fünf Zuschauer weiter, das hebt die Stimmung. Vorgestern war Wladimir Kaminer hier, da war es voll, und nächste Woche kommt Max Goldt, mein Termin lag also etwas ungünstig. Es kommt auch vor, dass ein Termin in Hamburg gecancelled wird, weil dem Veranstalter zu Ohren gekommen ist, dass ich sechs Monate vorher schon einmal in Hamburg auftreten werde, was die Stadt „nicht hergebe“. Ich denke ja eher, man muss öfter kommen als seltener, um Publikum anzulocken, aber außerhalb Berlins sieht man das nicht so.Anschließend geht man mit dem Veranstalter oder seinem Praktikanten essen (wird die Rechnung übernommen werden? Man bestellt vorsichtshalber zurückhaltend), der einem erzählt, welche deutschen Autoren er besonders schätzt. Man ahnte es schon: Man selbst gehört eher nicht dazu. Man war ja noch vom vorigen Leiter eingeladen worden, der vor ein paar Wochen gegangen ist, und dem hier niemand nachtrauert. Man erkundigt sich, was man in dem Ort noch ansehen könnte, und wird doch am Morgen nicht die Energie haben. Wenn man nur endlich ins Hotel könnte und fernsehen, die Geldscheine auf dem Bauch ausgebreitet, wobei das Honorar ja meistens nicht, wie im Vertrag festgeschrieben, nach der Lesung gezahlt wird, sondern man eine Rechnung schicken muss, die dann noch mal zurückkommt, weil sie nicht nummeriert gewesen war. Drei Monate später hat man dann sein Geld, bis dahin muss man die Fahrtkosten auslegen. Seltsamerweise kostet in diesem eher luxuriösen Hotel das Internet 7 Euro die Stunde, als sei es eine knappe Ressource. Dabei dürfte es für das Hotel teurer kommen, wenn ich ein Bad nehme, als wenn ich meine Mails lese. Gut, dann also weiter fernsehen, auch wenn sich die Fernbedienung etwas störrisch gibt und auf 3sat eine überschätzte Kollegin vor Kulturprominenz eine Preisrede hält oder die ganze Nacht gezeigt wird, wie Autoren der eigenen Generation sich bei der Buchmesse auf dem Blauen Sofa in Frankfurt/Main abwechseln, was einem selbst beim sechsten Buch nicht vergönnt gewesen ist.Ich klage zuviel! Die Lesung war großartig, sie haben wieder nicht gemerkt, dass ich ein Hochstapler bin, es sind 10 Bücher verkauft worden, der Buchhändler hat sich noch fünf signieren lassen für seine Autographen-Kunden. Einige nette, ältere Damen hatten alles, was ich geschrieben habe, auch erlebt, jemand hat sich mein erstes Buch von mir signieren lassen, offenbar verfolgt er meinen Werdegang schon länger. Wieder hat man ein bisschen von sich verschenkt, wie viel man wohl noch zu geben hat? Vielleicht steige ich morgen doch mal die 400 Treppenstufen auf diesen Kirchturm, der mir jedes Mal so empfohlen wird? Und ich kaufe eine Postkarte, die mir dann zu schade zum Verschicken sein wird.Wenn beim nächsten Buch der Durchbruch kommt, werde ich die Romantik dieser Jahre noch vermissen.