Zum Tod des ostdeutschen Volksschauspielers Fred Delmare, der in über 200 Filmen mitwirkte und die Kunst beherrschte, durch kurze Auftritte in Erinnerung zu bleiben
Besonders gern hat Fred Delmare die Geschichte seines Engagements am Leipziger Theater erzählt. Delmare war nur 1,60 Meter groß, hatte sich in seinem Bewerbungsbrief aber als Mann von 1,68 Metern angekündigt. Die acht Zentimeter trug er versteckt unter dem Schuh. Plateausohle. Maßanfertigung. Im Jahr 1950 für stattliche 240 Mark. Nur leider verhakte sich beim Vorspiel der Schuh irgendwo im hinteren Teil der Bühne, so dass er ihn verlor und den Mortimer aus Schillers „Maria Stuart“ nur humpelnd zu Ende spielen konnte. Ein Monolog der Angst und Liebe von einem humpelnden Zwerg – die Leipziger Theaterleitung, die über das Engagement zu entscheiden hatte, war am Boden. Vor Lachen. Vermutlich war es die Geburtstunde des Schauspielers Fred Del
Delmare als Buffo im Charakterfach. Delmare konnte beides: Komiker sein und Charakterdarsteller.Geboren wurde er 1922 in Hüttensteinach, einem Vorort des thüringischen Sonneberg als Werner Vorndran. Vorndran stehen wollte er schon, aber nicht so heißen. Also änderte er auf dem Weg zum Theater seinen Namen in Fred Delmare, wurde von Freunden aber nur Axel genannt. Das Haus in Hüttensteinach steht noch, jedenfalls vor zehn Jahren, als er es mir zeigte: Es klemmt klein, fast ärmlich zwischen stattlicheren Exemplaren. Delmare stammte von kleinen Leuten ab und vergaß diesen Umstand sein Leben lang nicht. Dass er selbst vom Körperwuchs her ein kleiner Mann blieb, schien diese Herkunftserfahrung noch zu verstärken. Am Leipziger Theater spielte er anfangs quer durchs Repertoire: von Johannes R. Bechers Winterschlacht bis zu Shakespeares Sturm. Der größte Erfolg seiner Theaterlaufbahn war die Titelrolle in Goldonis Diener zweier Herrn. Darin kam seine komisch-tragische Doppelbegabung am besten zur Geltung.Das Ende des Theaterlebens hatte zu tun mit seiner zweiten Karriere, die schon Mitte der fünfziger Jahre begonnen hatte: Delmare wurde Filmschauspieler. Bis zum Ende der DDR sollten es 102 Filmrollen werden und noch einmal fast 100 für das Fernsehen. Seinen Durchbruch beim Publikum hatte er früh mit zwei Filmen: Er spielte 1956 den van der Lubbe in Der Teufelskreis, dem DEFA-Film über den Reichstagsbrandprozess, und 1963 den KZ-Häftling Pippig in Frank Beyers Verfilmung des Romans Nackt unter Wölfen von Bruno Apitz.„Das Glück führt man herbei, das Unglück steht man durch“ Delmare war – obwohl er sich mit den DDR-Oberen arrangiert hatte – ein Mann der Gerechtigkeit. Die Intensität seines Spiels, dieses hohe schauspielerische Charisma, unterstützt gerade von seiner Kleinheit und seiner immer leicht heiseren Stimme, machten ihn zum König der Nebenrollen, geradezu klassisch sein Möbelträger in Egon Günthers Film Der Dritte. Delmare spielt die Figur so hintergründig und trotzdem dezent, dass die Lieferung eines Sessels alles sagt über die Beziehung der beiden, die ihn bestellt haben. Mag der Auftritt zwei Minuten gedauert haben, er blieb er in der Erinnerung der Zuschauer. Genauso wie in Die Legende von Paul und Paula von 1973, wo Delmare der Reifen-Saft war, als kleiner Gewerbetreibender in der DDR eine gute Partie für Paula, die der „Sicherheitsehe“ schließlich doch die Freiheit mit Paul vorzieht.Wählerisch war Delmare bei seinen Rollen nicht: Er spielte zu gern. In Die Fahne aus Kriwoj Rog, Brot und Rosen, Schwarzer Zwieback und anderen eher der Agitation zuzurechnenden Filmen genauso wie an der Seite von Wolfgang Kieling in Jeder stirbt für sich allein, einer Fallada-Verfilmung des DDR-Fersehens, oder mit Hans Teuscher, Wolfgang Greese und Wolfgang Dehler im Ochsenfurter Männerquartett nach dem Roman von Leonhard Frank (die Fernsehfassung trug den Titel Ende vom Lied). Auch ließ er wohl keinen DEFA-Indianerfilm aus.Delmare war in der DDR sehr bekannt, und genoss das auch. Dass diese Bekanntheit nur auf den Osten beschränkt war, erfuhr er nach 1990. Es gab den einen oder anderen Fernsehauftritt, viele waren es nicht. Hier mal ein Drehtag, da mal zwei, selten mehr. Die Lindenstraße bot ihm eine ständige Rolle im Ensemble, aber Delmare wollte nicht Seriendarsteller werden. Dass er es am Ende seiner Karriere doch noch wurde und keine Minute bereut hat, hängt wohl damit zusammen, dass das Angebot aus Leipzig kam. Am Opa Friedrich in der Serie In aller Freundschaft hat er sehr gehangen, die Rolle brachte ihm im Alter Popularität, nun sprachen ihn seine Zuschauer auch in Passau auf der Straße an.Als vor vier Jahren erste Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung zu beobachten waren, schied Delmare im Januar 2006 aus der Krankenhaus-Serie aus. Er hatte sich Zeit seines Lebens fit gehalten, trainierte bis ins hohe Alter im Fitnessstudio und zeigte gern seine strammen Oberarme. Privat war er fünfmal verheiratet, hatte zwei Kinder weit vor der Zeit verloren und zum Schluss auch einiges Geld, das er freundschaftlich verliehen hatte. Sein unsentimentaler Kommentar auf gelegentliche private Katastrophen: „Das Glück führt man herbei, das Unglück steht man durch.“ Am 1. Mai ist Fred Delmare 87-jährig in einem Leipziger Krankenhaus gestorben. In Erinnerung wird er bleiben als Volksschauspieler.