Sudhir Venkatesh hat sieben Jahre in einem Viertel Chicagos gelebt. In „Underground Economy“ beschreibt er die Überlebens-Strategien des schwarzen Subproletariats
„Was ist der Überfall einer Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Eine bedenkenswerte Frage, die gerade in jedem zweiten Leitartikel über die „Finanzkrise“ gestellt wird – aber leider immer nur als bloß rhetorische.
Als solche steckt in ihr kein Zweifel, kein offenes Problem. Das Zitat sagt nur: Zwischen legaler und illegaler Bereicherung ist kaum ein Unterschied. Das ist mehrheitsfähig, aber falsch. Was der arrivierte Unternehmer und der Gangleader wirklich gemeinsam haben und was sie unterscheidet, lässt sich in den Büchern und Aufsätzen von Sudhir Venkatesh nachvollziehen.
„Was ist das für ein Gefühl, schwarz und arm zu sein?“, steht ganz oben auf dem Fragebogen, mit dem der junge Doktorand Venkates
oktorand Venkatesh im Herbst 1989 in ein berüchtigtes Hochhausviertel in Chicago kommt, nur wenige Kilometer vom Campus seiner Universität entfernt. Praktischerweise sind die möglichen Antworten vorgegeben: „Sehr gut, ziemlich gut, geht so, ziemlich schlecht, sehr schlecht“.Seine erste Konfrontation mit den Bewohnern verläuft alles andere als erfolgversprechend. Die „Black Kings“ – eine Straßengang, die den Crack-Handel im Viertel kontrolliert – halten ihn für einen Spion einer rivalisierenden Gang, entführen ihn und lassen ihn erst am nächsten Tag wieder frei. Über seine Fragen machen sie sich nur lustig. Immerhin lernt er den Anführer der Black Kings kennen: J.T., der – vielleicht aus Eitelkeit, vielleicht aus Mitleid – einwilligt, dem Soziologen zu erklären, wie eine Gang funktioniert.Im übelsten GhettoGanze sieben Jahre hat Venkatesh in dem Viertel verbracht, in einem der übelsten Ghettos des Landes: 90 Prozent der Bewohner bezogen Sozialhilfe, die Polizei kam nur in Ausnahmefällen in das Viertel, ebenso der Krankenwagen. Drogensucht und Prostitution sind allgegenwärtig. Venkateshs Buch Underground Economy: Was Gangs und Unternehmen gemeinsam haben">Underground Economy, das inzwischen auch auf Deutsch erschienen ist, bietet einen einmaligen Einblick in das Leben im Ghetto und erklärt die dortigen Wirtschaftskreisläufe. Es handelt von Überlebenskünsten in elenden Verhältnissen, von gegenseitiger Hilfe und brutaler Ausbeutung.Venkatesh kann sich nicht nur auf seine Beobachtungen stützen, sondern auch auf die Buchhaltung der Black Kings, die ihm ein Gangmitglied Mitte der neunziger Jahre überließ: „T-Bone hatte über einen Zeitraum von vier Jahren sämtliche Einnahmen (aus Drogenverkauf, Erpressung und anderen Quellen) und Ausgaben (Kosten für denn Kauf von Kokain und Waffen, Bestechungsgelder für Polizisten, Beerdigungskosten und die Gehälter aller Gangmitglieder) verzeichnet.“Dieses Material belegt unter anderem, was schon Bertolt Brecht mit dem obigen Zitat nahe legt: Verbrechen lohnt sich nicht, jedenfalls nicht für die überwiegende Mehrheit der Verbrecher. Die unterste Hierarchieebene – die Dealer, die auf der Straße Crack verkaufen – verdiente kaum mehr als den gesetzlichen Mindestlohn. Sogar die direkten Untergebenen des Anführers J.T. kamen gerade mal auf 30 000 US-Dollar im Jahr.Underground Economy ist allerdings keine wirtschaftswissenschaftliche Analyse, sondern eine Art ethnologischer Bericht, der stellenweise an die Arbeiten Malinowskis erinnert. Venkatesh, Sohn bildungsbeflissener Einwanderer aus Indien und aufgewachsen in einem Mittelschichtsvorort in Kalifornien, trifft auf eine Kultur, die ihm völlig fremd ist. Er schreibt von Ekel und Faszination, über die Beziehung zu seinem Informanten J.T. und wie ihm die universitäre Lebenswelt, die „Elfenbeinfestung“, immer fremder wird. Er teilt nicht den angewiderten Blick eines Friedrich Engels, der in Die Lage der arbeitenden Klasse in England mit zugehaltener Nase durch die irischen Elendssiedlungen geht. Dieser Autor hat Sympathie und Respekt fürs Lumpenproletariat.Legal und extralegalDer Verlag hat es für nötig gehalten, die deutsche Fassung so missverständlich wie möglich zu präsentieren. Eine überdimensionale schwarze Knarre ziert den Umschlag, dabei werden auf über 300 Seiten insgesamt zwei Schießereien beschrieben. Der Untertitel der deutschen Ausgabe lautet tumb Was Gangs und Unternehmen gemeinsam haben, und auch von einer „Parallel-Gesellschaft“ ist zwar auf dem Klappentext, aber nirgendwo im Buch die Rede. Im Gegenteil. Venkatesh beschreibt, wie legale und extralegale Ökonomie zusammenhängen, wie sich korrupte Stadtverwaltung und Polizei und die informelle Macht bestimmter Bewohner ergänzen.Die Frage nach dem Unterschied zwischen Banküberfall und Bankbetrieb muss nämlich ergänzt werden. Was ist eine Straßengang gegen den bürgerlichen Staat? Die Gang erhebt Steuern auf ziemlich jede Tätigkeit im Getto – wenn Obdachlose in leerstehende Wohnungen einziehen, für Elendsdienstleistungen wie Autowaschen, auf Prostitution. Dafür sorgt sie für Ordnung, ja: zweitweise ist sie sogar die „De-facto-Verwaltung“ (Venkatesh) des Viertels.Als der junge Soziologe J.T. begleitet, wird ihm klar, dass dessen Arbeit zum größten Teil aus administrativen Entscheidungen besteht: „Er verwarnte eine Prostituierte, nicht im Freien auf Freiersuche zu gehen. Er sagte einem Mann, der Turnschuhe verkaufe, er solle verschwinden. Oft verbot er Obdachlosen, auf den Spielplätzen rumzuhängen, besonders wenn sie tranken. Und wenn J.T. einen Fremden auf dem Gelände sah, schickte er einen seiner Offiziere, der den Betreffenden fragte, was er dort zu suchen hatte.“Eine weitere GangDie Gang muss Gewalt glaubwürdig androhen, aber nicht in jedem Fall ausüben. Aus ihrem Gewaltmonopol entsteht Legitimität. „Ich wette, wenn du ein Problem hast, dann rufst du die Polizei!“, erklärt ein Obdachloser geduldig dem naiven Besucher. „Naja, und wir rufen eben die Black Kings.“ Bewohner, Sozialarbeiter und auch die Polizei – „eine weitere Gang“ – arrangieren sich mit der Bande, sie müssen es.Deren Anführer J.T. ist intelligent, skrupellos, und wird nicht müde zu betonen, man wolle für die Gemeinschaft nur das Beste – während er sich die Taschen füllt. Den kleinen, rohen Staatsapparat im Untergrund,rechtfertigt er wie einst Thomas Hobbes den Leviathan, so wie es das Alltagsbewusstsein immer tut. Der Herrscher übt sämtliche Gewalt über die Untertanen aus, um Frieden zu stiften.Mittlerweile lehrt Sudhir Venkatesh an der New Yorker Columbia University. Seinen Texten fehlt manchmal die theoretische Grundlage, seine Gesellschaftskritik ist letztlich ziemlich zahm. Aber eine Feldforschung wie diese hat noch niemand vorgelegt.