Nach Feiern ist der italienischen Linken angesichts ihrer tiefen Krise nach den jüngsten Wahlschlappen wahrlich nicht zumute. Dabei wäre die Tatsache, dass die Linkszeitung Il Manifesto vierzig Jahre lang Krisen, Krächen und Finanznöten getrotzt hat, durchaus Grund für eine Party. Als theoriebewusste Linkszeitung hat sich Il Manifesto als einzige ihrer Art in Europa behauptet und ist zudem eine der wenigen Institutionen, die von der einst stolzen und großen italienischen Linken noch geblieben sind.
1969, im subversivsten Jahr in der Geschichte der italienischen Arbeiterbewegung, wie der Historiker Paul Ginzburg sagte, war Il Manifesto keineswegs die einzige Neugründung, während des Höhepunkts der 68er Bewegung, die in Italien später einsetzt
ndung, während des Höhepunkts der 68er Bewegung, die in Italien später einsetzte aber dafür länger dauerte, gab es fast täglich neue Zeitschriften, Politgruppen und Kulturprojekte. Als die eurokommunistischen Intellektuellen Rossana Rossanda und Lucio Magri die Zeitschrift Il Manifesto gründeten, wollten sie eigentlich eine Brücke zur neuen Linken bauen und stießen damit bei der Nachwuchsgeneration der legendären kommunistischen Partei PCI auf regen Zuspruch.In der ersten Nummer von Il Manifesto, die zunächst als Wochenzeitschrift erschien, befand sich mit Luigi Pintor, Aldo Natoli, Valentino Parlato, Luciana Castellina und Ninetta Zandegiacomo fast die gesamte jüngere Generation der kommunistischen Intellektuellen. Das Problem war nur, dass die Manifestogruppe die Partei nicht um Erlaubnis gefragt hatte, was dazu führte, dass alle aus der Partei flogen. Die PCI sah trotz ihrer eurokommunistischen Orientierung den 68er-Aufstand mit gemischten Gefühlen und betrachtete ihn bestenfalls als antibürgerliche Revolte.Nach 40 Jahren ist der Einfluss der GründerInnengeneration immer noch stark. Ohne die andauernde journalistische Präsenz der langjährigen Direktoren Rossana Rossanda (Jahrgang 1924) und Valentino Parlato (Jahrgang 1931) würde Il Manifesto, die seit 1971 als Tageszeitung erscheint, allerdings kaum noch existieren. Der hochintellektuelle Linksjargon, Sinistrese genannt, kommt heute zwar etwas gemäßigter daher, aber der Sound erinnert die Leserin eher ans Argument von einst als an die taz von heute, die den Anspruch, in theoretischen linken Debatten mitzumischen, offenbar längst aufgegeben hat.Starke ReportagenGenau wie die taz steht Il Manifesto immer am finanziellen Abgrund, hat aber nie versucht, durch Aufgabe klassischer linker Positionen populärer zu werden. Diverse Spendenaktionen der Leser und Leserinnen konnten bisher ein Ende immer noch abwenden, 2008 hat sogar das amerikanische Linksjournal The Nation zu Spenden für Il Manifesto aufgerufen, denn eine der Maßnahmen der dritten Regierung Berlusconi war 2008 die Kürzung der Pressesubventionen.Aber die Gründung des heißen Sommers 1969 sollte sich als zäher erweisen, als die vielen Krisen und Kontroversen erwarten ließen, die sich gelegentlich als ausgesprochen produktiv erwiesen. Zudem finden so gut wie alle Debatten der italienischen Linken auch auf den Seiten von Manifesto statt und nicht nur in der Abgeschiedenheit spezialisierter Journale. Il Manifesto versuchte stets, einen gewissen Pluralismus zuzulassen und nicht allzu sektiererisch zu agieren, was bei der italienischen Linken nicht immer gut ankam. Offen für neue Ideen und Einsichten ist die Zeitung durchaus – auch wenn die Wirtschaftsrubrik den Titel "Kapital und Arbeit" trägt, sind die Artikel definitiv nicht von gestern.Von Anfang waren Reportagen über Länder der so genannten Dritten Welt die besondere Stärke der Zeitung. Für ihre Beiträge gehen die Berichterstatter manchmal große Risiken ein, 2005 wurde Giuliana Sgrena, eine prominente Manifesto-Journalistin, bei ihrer Recherche im Irak von islamistischen Terroristen gekidnapped. Nach ihrer Befreiung geriet sie unter Beschuss amerikanischer Truppen, wobei ein hochrangiger italienischer Geheimdienstmann getötet und Sgrena verletzt wurde. Sie berichtet aber weiter aus Irak, Iran und Afghanistan, ihr Engagement für die Rechte der Frauen in diesen Ländern ist stärker denn je. Der Frauenbewegung wie den neuen sozialen Bewegungen insgesamt fühlt sich Il Manifesto besonders verbunden, hier findet die Zeitung einen Gutteil ihrer Leserschaft.Ausflüge in die PolitikDas hochintellektuelle Feuilleton, das auf den Titel "Kultur und Visionen" hört, ist immer noch Rossana Rossandas Spezialität, genau wie viele der Theoriebeiträge. Die Zeitung war natürlich immer auch der Erneuerung des linken Denkens und Klassikern wie Labriola und Gramsci verpflichtet.Auch wenn Il Manifesto im Oktober 2007 eine Millionendemonstration gegen Sozialabbau organisiert hat, war ihren Ausflügen in die praktischen Politik meist wenig Erfolg beschieden. Der Versuch, als Partei ins Parlament einzuziehen, scheiterte 1972. Angesichts der Radikalisierung der Neuen Linken gegen Ende der 70er Jahre bewegten sich viele Mitglieder der Manifesto-Gruppe zurück zur PCI. Nach dem Ende der italienischen Kommunisten fühlte sich ein erheblicher Teil der Partei Rifondazione Communista verbunden. Deren Niederlage bei der Parlamentswahl 2008 und die darauffolgende Spaltung hat die Zeitung vor eine Zerreißprobe gestellt und genauso gelähmt wie den Rest der verbleibenden italienischen Linken.Unbestreitbare Fortschritte gibt es aus dem Bereich des Designs zu berichten. Das Schmuddellayout ist ebenso Geschichte geworden wie die Bleiwüsten. Bunte Photos werden gezielt und politisch eingesetzt, die Titelbilder sind oft eine satirische Meisterleistung. 1995 war Il Manifesto eine der ersten italienischen Zeitungen, die die gesamte Ausgabe ins Netz stellte. Bis heute kommt man mit einem Tag Verspätung kostenlos an die komplette Ausgabe, allzu benutzerfreundlich ist der Internetauftritt jedoch nicht. Dahinter steckt vermutlich die Furcht, die mittlerweile unter 25.000 Exemplare gefallene Printausgabe nicht noch weiter zu dezimieren.Das Überleben der Zeitung hängt auch davon ab, dass es bald zu einer organisatorischen und ideelen Renaissance der italienischen Linken kommt, durch engagiertes Betreiben der linken Zukunftsdebatte versucht Il Manifesto diese zu beschleunigen. Hoffen wir, dass es gelingt, es wäre schade, würde diese singuläre Zeitung nicht weitere vierzig Jahren bestehen.