Kultur
:
Handwerkszeug des kulturellen Widerstands
Das palästinensische Freedom Theatre aus Jenin ist momentan in Deutschland auf Gastreise. Gespräch mit Leiter Juliano Mer Khamis und der Schauspielerin Batool Taleb
Derzeit ist palästinensische Freedom Theatre, das in einem Flüchtlingslager in Jenin ansässig ist, in Deutschland unterwegs. Fragments of Palestine heißt die Inszenierung, die Schauspielstudenten unter der Regie von Juliano Mer Khamis zeigen. Sie basiert auf Szenen aus 1001 Nacht und erzählt vom Leben im Lager. Dass Geschichte nie aufhört und mitten durch die Körper geht, weiß Juliano Mer Khamis, Schauspieler und Regisseur, aus eigener Erfahrung. Mit Batool Taleb steht im Norden der Westbank zum ersten Mal seit 35 Jahren eine Frau auf der Bühne. Wir haben beide zum Gespräch getroffen.
Der Freitag: Juliano Mer Khamis, Sie heißen Mer nach Ihrer israelisch-jüdischen Mutter und Khamis nach Ihrem palästinensisch-arabischen Vater. I
mis nach Ihrem palästinensisch-arabischen Vater. Ihre Mutter, Arna Mer, gründete ein Theater, Vorläufer des Freedom Theatre. Ihr Vater war Mitglied der Israelischen Kommunistischen Partei. Bedeutet Ihnen das heute noch etwas?Juliano Mer Khamis: Die Werte des Kommunismus schätze ich noch, an die werde ich immer glauben. Die haben nichts mit dem Kollaps der Sowjetunion zu tun oder mit anderen kommunistischen Parteien. Ich ziehe es vor, meine politische Vision durch meine Kunst auszudrücken.The Freedom Theatre ist in einem der größten palästinensischen Flüchtlingslager zuhause. Jenin heißt die Stadt, die das Lager umgibt, die selbst eingeschlossen ist von einer Mauer. Wie kommt man da auf Freiheit? Frei zu sein bedeutet zuallererst, sich selbst zu befreien. Man kann sich nicht von Anderen befreien, wenn man nicht selbst frei auf Andere zugeht. Wenn Sie unsere Arbeit verfolgen, werden Sie feststellen, dass wir uns weniger mit der Mauer, dem Zaun, den Checkpoints befassen, den physischen Aspekten der Besetzung. Die könnten in einer Nacht abgebaut werden. Wir denken, dass die wahre Besatzung in den Palästinensern selbst sitzt. Sie sitzt so tief in unserer Seele und unserem Nervensystem. Unsere Körper von den Leiden durch die Besetzung zu befreien, das ist die Mission des Freedom Theatre.Wie sieht das im Alltag aus?Die wirkliche Aufgabe ist, für mich und besonders für junge Palästinenser, ist zu lernen, sich mit der Diktatur der eigenen Gesellschaft auseinanderzusetzen. Das ist heute sehr gefährlich. Ehre, Tradition, Religion mischen sich zu einer Diktatur der Leute über sich selbst. Sie haben Angst weil sie angegriffen werden, weil ihr Leben auf dem Spiel steht. Sie sind abgetrennt von der Welt. Das Denken stagniert.Stärkt Theaterarbeit die Selbstachtung?Ja. Ich glaube, dass wir vom Freedom Theatre fähig sein werden, eine politische Bewegung hervorzubringen. Wir nutzen die Kunst als ein Handwerkszeug des kulturellen Widerstands. Wir sind nicht da für Psychodrama, wir schaffen keinen Raum, um zu schreien, nach Hause zu gehen und sich besser zu fühlen. Wir bilden Leute aus, die als Künstler für die Befreiung kämpfen können.Batool Taleb, Sie sind Studentin der Schauspielschule des Freedom Theatre. Wie ist das?Batool Taleb: Mädchen und Schauspielerin zu sein in Palästina, insbesondere in Jenin, ist befremdlich. Am Anfang habe ich sehr viel Angst gehabt. Wie konnte ich den Leuten begegnen? Wenn ich in Jenin durch die Straßen gehe, sind überall Augen, die mich ansehen: Wo geht sie hin? Was macht sie? Mer Khamis: Ich sage immer, dass Batool einen double struggle führt, den Kampf als Frau gegen die Unterdrückung durch ihre eigene Gesellschaft und als Palästinenserin gegen die Besetzung durch die Israelis.Eine Gesellschaft, die von außen angegriffen wird, schützt also nicht unbedingt ihre eigenen Mitglieder.Taleb: In Jenin kümmere ich mich nicht um die Leute. Aber wenn ich von dort zum Theater im Flüchtlingslager gehe, versuchen die Leute, die Nachbarn des Theaters, uns Mädchen zu kontrollieren. Sie sagen: Tut das nicht! Ihr seid Mädchen. Das Einzige, was ich machen kann: nicht auf sie hören und das tun, von dem ich meine, dass es richtig ist. Meine Familie unterstützt mich. Aber ich möchte, dass die Leute mich mögen. Und Schauspielerin sein.Man hat versucht, das Theater abzubrennen. Woher nehmen Sie die Kraft, weiterzumachen? Mer Khamis: Ein Faktor ist meine Tochter. Ich war verheiratet mit einer jüdisch religiösen Frau. Meine Tochter lebt in Tel Aviv. Sie kommt oft nach Jenin, ich kann nicht zurück in die israelische Gesellschaft. Ich biete ihr eine Alternative zur Indoktrination durch die Schule und die Gesellschaft in Tel Aviv, sie ist dabei, eine Rechtsextreme zu werden, die ihre rassistische Haltung nicht einmal mehr versteckt. Es ist nicht einfach. In Jenin bin ich persönlich angegriffen worden, ein Jude zu sein, ein Israeli, der Batools Leben zerstört. Aber Jenin ist auch der einzige Ort in Palästina, der Juden, Israelis, Christen und Moslems im Lager willkommen hieß. Das ist nicht selbstverständlich. Außerdem ist das Freedom Theatre heute eine der stärksten NGOs im Norden. Wir haben gerade ein großes Festival beendet. Wir eröffnen eine Kinoschule, wir kooperieren mit dem Kino in Jenin. Und nächstes Jahr bauen wir hoffentlich ein neues Theatergebäude.Gibt es etwas, das Sie hier in den nächsten Wochen unbedingt sehen möchten? Taleb: Alles, Theater, Museen. Ich möchte Leute von hier treffen, die Welt außerhalb Palästinas sehen. Mer Khamis: Die meisten der Jugendlichen dieser Gruppe haben nie einen Zug gesehen, zu schweigen von einem See. Wir möchten nach Buchenwald fahren. Verwandte meiner Mutter wurden dort verbrannt. Taleb: Als Juliano uns erzählt hat, dass wir nach Buchenwald fahren, waren wir schockiert. Wir hörten, dass man uns dort - Mer Khamis: - Empathie für Israel nahe bringt. Ich denke, ihr solltet viel Einfühlungsvermögen für die Juden haben, die in solchen Konzentrationslagern umgebracht worden sind. Und das hat nichts mit Israel zu tun. Ihr solltet trennen zwischen Juden und Israelis, zwischen Besetzung und Juden und Israelis, die in Tel Aviv leben und die Besatzung ablehnen. Ihr solltet differenzierter denken, nicht schwarz-weiß.