Jede Subkultur braucht einen, der ihr den Weg bereitet. Brendan Mullen, der jetzt im Alter von 60 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben ist, stolperte in die Rolle des Katalysators der Punk-Bewegung in Los Angeles buchstäblich hinein, als er einen verlassenen Keller im Herzen von Hollywood fand. „Es war, als würde man ein Labyrinth betreten“, erinnerte er sich. „Es gab keinen Strom, die Räume waren seit 15 Jahren nicht genutzt worden. Ich nahm also einen halb verrotteten Gartenschlauch mit hinunter und hangelte mich daran wie Theseus an seinem Faden durch den Keller, um wieder hinaus zu finden.“
Im Juni 1977 eröffnete Mullen nach einer schnellen Aufräumaktion dort den Club The Masque. Ursprünglich als Proberaum gedacht, fand
Übersetzung: Christine Käppeler
cht, fand er schon bald eine zusätzliche Verwendung als Konzertkeller ohne Lizenz. Zu diesem Zeitpunkt gab es in L.A. nur wenige Veranstalter und Clubbesitzer, die Punk-Konzerte buchten. Mullen gab diesen Bands eine Bühne, ein Publikum und ein Ambiente, in dem alles möglich war.Weitermachen!The Masque wurde der Schmelztiegel der ersten Welle des L.A.-Punk – eine musikalische Szene, die zu diesem Zeitpunkt kaum Bedeutung hatte, jedoch schon bald ganz andere Ausmaße annehmen sollte. Der Keller wurde 1978 gewaltsam geschlossen, aber Mullen machte weiter: Er kümmerte sich um Konzerte, arbeitete als DJ, er buchte Clubs und blieb Zeit seines Lebens ein Verfechter der Musikszene der Stadt.Mullen war vielseitig begabt, er war visionär und streitlustig und hatte damit das Naturell und den Verstand, um es in der Musikindustrie zu etwas zu bringen. Geboren wurde er am 9. Oktober 1949 im schottischen Paisley, aufgewachsen ist er in Stockport in der Nähe von Manchester. Er studierte an der renommierten britischen Journalistenschule NCTJ und arbeitete zunächst für einige Lokalzeitungen, bevor er 1973 in die USA ging. Dann reiste er durch die Staaten und kam schließlich nach LA, wo er in die musikalische Halbwelt eintauchte – und eine kurze Affäre mit der selbstzerstörerischen Sängerin und Songwriterin Judee Sill hatte. Die Frustrationen, die folgten – „die Polizisten haben unsere Läden dauernd dicht gemacht“ – trieben ihn dazu an, einen Proberaum zu suchen.The Masque befand sich im Keller des Hollywood Center Building, das 1923 als Zentrale des Regisseurs Cecil B DeMille gebaut worden war. In den Jahren 1977 und 1978 sollte das Gebäude dann auf ganz andere Art Geschichte machen. So gut wie jede Punkband aus LA trat hier bei einer Konzertreihe auf, darunter die Weirdos, die Screamers, die Dickies, die Dils, die Germs, X und viele mehr.Exene Cervenka von X erinnert sich an The Masque als „eine billige Kneipe mit illegalem Ausschank, ein Clubhaus für Außenseiter“. Viele Bands hatten kaum Bühnenerfahrung, doch Mullen gab ihnen die Möglichkeit, vor einem Publikum zu spielen. „Das Vorbild“, erinnerte sich Mullen, „war Cornelius Cardew (ein englischer Avant-Garde-Komponist; Anm. des Verfasser). Er war der Ansicht, dass Musiker mit unterschiedlichem Können, und auch Anfänger, zusammen kommen sollten.“DangerhouseWie das Roxy in London oder der Electric Circus in Manchester war das Masque so etwas ein anarchistischer Spielplatz für alle Generationen. Den Namen hatte ihm der Fluxus-Künstler Al Hansen gegeben. Der Club war bald bekannt für die philosophischen Schmäh-Grafitti an den Wänden und für die zügellosen Shows, die eher Happenings als traditionelle Rockkonzerte waren. Etwas von dieser Freiheit, die einem im Rest der Stadt verweigert wurde, kann man auf den alten Vinyl-Singles von Bands wie X, den Weirdos und den Dils, die unter anderem beim Plattenlabel Dangerhouse erschienen sind, noch hören. „Ich habe Brendan immer dafür bewundert, wie er andere unumwunden und dreist schikanieren konnte“, so David Alan Brown, der Gründer von Dangerhouse, „aber er hatte eine gewisse Größe.“Als die Polizei den Club schließlich auffliegen lies, behielt Mullen den Namen „The Masque“ für eine Reihe von Veranstaltungen im Raum LA, die nicht an feste Orte gebunden waren, bei. In den frühen Achtzigern, als die erste Generation des L.A.-Punk vom Hardcore abgelöst wurde, gelang es Mullen dank seiner Überzeugungskraft, DJ im Club Lingerie auf dem Sunset Boulevard zu werden. Der Club sollte für das kommende Jahrzehnt sein Zuhause bleiben. Angefangen mit einem der ersten authentischen Hip-Hop-Events in der Gegend betätigte sich Mullen auch als Konzerveranstalter im Lingerie und im Variety Arts Center in Downtown L.A. Als er das Lingerie später verließ, half er gemeinsam mit Johnny Depp den Club Viper Room zu etablieren, danach arbeitete er in Läden wie dem Luna Park im Stadtteil Wilshire.Die Liste der Musiker, mit denen Mullen gearbeitet hat, reicht von den Beastie Boys und Run-DMC bis zu Hüsker Dü, Janes Addiction, Black Flag und Guns N’ Roses. Seine Begeisterungsfähigkeit beschränkte sich nicht auf Punk und Rap: Er buchte auch Künstler wie Sun Ra, Screamin’ Jay Hawkins und Ice-T. Mullen genoss bei den Musikern großes Ansehen. Zu den Bands, die er in ihrer Frühphase förderte, zählen die Red Hot Chili Peppers, die er 1983 für ihr erstes Konzert buchte. Ihr Bassist Flea erinnert sich: „Brendan schuf eine fruchtbare, aufregende, kreative Umgebung, die Musiker dazu inspirierte über sich hinauszuwachsen und sich an neuen Sounds zu versuchen.“Mullen schrieb später diverse Bücher über die Szene in L.A., darunter sein bemerkenswertestes Buch, Lexicon Devil – The Fast Times and Short Life of Darby Crash and the Germs, das er 2002 mit Don Bolles und Adam Parfrey veröffentlichte. Und er hatte einen Auftritt in dem legendären Film über die LA-Punkscene „The Decline of Western Civilization“ von Penelope Spheeris aus dem Jahr 1981.Brendan Charles Mullen, Clubbesitzer und Impresario, starb am 12. Oktober 2009. Er hinterlässt drei Schwestern und seine Lebensgefährtin Kateri Butler.