Nun pflegt der Mensch des Ruhrgebietes einen ganz eigenen Makel; es ist dies eine gänzlich verkitschte, rückwärts gewandte Staublungenromantik, irgendwie auch mit elegischer Taubenscheiße verquirlt (...). Nichts und nie geht es ab ohne romantischen Zeche-, Stahl-, Kohle- und Kanalmuff“, donnert der Schriftsteller Thomas Kapielski, und das im Jahr bevor das Ruhrgebiet sich als europäische Kulturhauptstadt präsentieren wird! Lassen wir allfällige Verbands-Science-Fiction wie Ruhrkraft.
Eine Region auf dem Weg zur Weltspitze (2006) beiseite, herrscht literarisch erst recht die Historie: Max von der Grün erhält eine 10-bändige Werkausgabe, mit dem Kumpel-Melodram Männer in zweifacher Nacht (1962), Erika Runges Bottroper Protokolle (19
ges Bottroper Protokolle (1968) wurden wiederaufgelegt, Jürgen Lodemann durfte, gesponsert durch WAZ und WDR, seine aus 1975 datierende Anita Drögemöller revidieren.Bleibt da das Ruhrgebiet literarisch nicht ewig und immer Revier? Der als Beitrag zu Ruhr.2010 für November 2009 angekündigte Literatursampler Ruhr.Buch trägt auf dem Titelbild – einen Förderturm. Immerhin aus Büchern. Dagegen titelte 2007 eine Anthologie Wandel vor Ort. Und selbst Rafael Seligmans unselig hölzerne Ruhrkohlepropaganda, der „Tatsachenroman aus dem Revier“ von 2006, Die Kohle-Saga, bekam 2008 ein Sequel mit dem Titel Revier im Wandel.Sagt dort am Ende der junge Hoffnungsträger: „Doch wir als verantwortlicher Konzern müssen anfangen. Die RAG wird auf Dauer nur Erfolg haben, wenn sie Schwarz und Weiß trennt und damit die Wirtschaftskraft unserer Firma endlich entfesselt! Erst dann wird die Politik nachziehen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter und mühsamer Weg.“Das, der mühsame, aber unaufhaltsame Weg zum Wandel, ist wahrscheinlich das Kernstereotyp des Ruhrgebiets über sich. Wie Berlin seit 1910, hat das Ruhrgebiet seit etwa derselben Zeit eine vergleichbare Mantra: Wir werden größer als wir selbst, mindestens aber endlich so wie überall. Seit 1912 der Essener Baustadtrat ein Konzept für eine „Ruhrstadt“ oder „Metropolis Ruhr“ entwickelte, geht das so, bis zuletzt in den achtziger Jahren der Dortmunder Stadtplaner Kunzmann die Vision von der „Ruhrstadt 2030“ entwarf. Mögen seither Ökonomen und Demographen anderes meinen, reden Politik und Marketender um so inbrünstiger von der „werdenden Metropole“. Dieter Gorny, einer der künstlerischen Direktoren von Ruhr.2010: „Das Spannende im Ruhrgebiet ist doch, dass es unfertig und in Bewegung ist.“Neu in Europa!Was könnte das kräftiger untermauern als eben der Titel einer Kulturhauptstadt Europas fürs Jahr 2010? Zumal – ein Novum – eben nicht Essen, sondern das gesamte Ruhrgebiet den Titel trägt. Ausgerechnet jenes Ruhrgebiet, das kulturpolitisch besonders hingebungsvoll seine Kirchtürme pflegt. Daß diese unwahrscheinliche Chance überhaupt zustande kam, ist zweifellos Oliver Scheytt, dem damaligen Essener Kulturdezernenten und jetzt neben Fritz Pleitgen hauptamtlichen Geschäftsführer von Ruhr.2010 zu verdanken, der seinerzeit die Idee der Bewerbung ebenso rührig wie ausdauernd vorangetrieben hatte.Was ist seit Januar 2001, als erstmal die Idee öffentlich gemacht wurde, was seit dem Sieg im Marathon der innerdeutschen Konkurrenz im April 2005 und dem endlichen europäischen Zuschlag im April 2006 nicht alles geunkt und gespottet, versprochen und visioniert worden! Im Januar 2010 nun wird das Signal gegeben werden zu einem Agglomerat von Dauerveranstaltungen und Events bis in den Oktober und teilweise darüber hinaus. Auf Hochglanz sieht das alles prächtig und durchaus vielfältig aus. Das muss wohl so sein.Und das Ergebnis wirkt auch erst einmal beachtlich: Die Mischung aus Highlight-Kultur, etwa das „Henze-Projekt“, Landmark-Bespielung, wie „SchachtZeichen’“ und Flatrate-Events, wie „Still-Leben Ruhrschnellweg“ oder die Loveparade, kann man als Optimum der notwendigen Kompromisse nehmen. Anrührend besonders, wie man seine vergangenen Polen, jetzigen Türken und jene zukünftige Generation der Wandlungswilligen entdeckt, die sich freilich jetzt schon eher als Nachnutzer denn Enkel verstehen.Doch was kann man in der Realität für das Ruhrgebiet und die Zeit danach erwarten? Eingeladen wird man im offiziellen Präsentationsbuch 1 zu einer Reise „in eine Metropole, die es noch nicht gibt“. Gleich darauf wird annonciert: „Neu in Europa! Die Metropole Ruhr“, dann behauptet: „Eine Stadt hat Stadtteile. Eine Metropole hat Areale.“Fünf sollen es sein: Duisburg, Oberhausen, Essen, Bochum, Dortmund. Und im Masterplan Kulturmetropole Ruhr finden sich so grause Formeln wie die von der „Metropolenorientierten Kompetenzstrategie“ und den „Metropolenkompetenzfeldern“; Phrasendrescherei. So bleibt einstweilen auch offen, ob man uns versichert, die Metropole werde zu Recht nun auch noch Kulturhauptstadt, oder sich verspricht, dass der Titel Kulturhauptstadt irgendwie zum Metropolenstatus verhelfe.Wie steht es überhaupt um Konzept und Realität der Kulturhauptstadt Europas? Offiziell soll die der kulturellen Integration Europas dienen. Was dabei insgesamt eine Art Senfstipp auf den Extrawürsten der Agrarsubventionitis ist, nützt jedoch am ehesten dem jeweiligen Städtelifting. Städte -– bislang mehrheitlich im europäischen Speckgrat gelegen – hatten Gelegenheit, sich kulturell aufzurüsten, ihr Image umzuerfinden und vom eventgetriebenen Kurzzeittourismus zu profitieren.Wo der Mangel herkommtInsbesondere solche, die bisher kein ausgeprägtes Kulturstadtimage hatten: Glasgow oder Liverpool, shrinking cities, wie die meisten anderen auch. Zu den Kernversprechen, die die Kandidaten abzugeben haben, gehört zuvörderst die fromm fetischisierte Nachhaltigkeit. Was an Studien dazu vorliegt, ist eher ernüchternd. Für eine nachhaltige Umstrukturierung ehemaliger Industriestädte ist der Impuls der Kulturhauptstadt ohnehin zu schwach. Touristisch waren die Kulturhauptstädte im Jahr des Events markant attraktiver, dann aber ging der Tourismus in der Regel wieder zurück. Langfristige ökonomische Effekte sind eher die Ausnahme. Was länger anhält, sind im besten Falle die Effekte der Markenaufhübschung.Die Menschen des Ruhrgebiets wollen genau das, sagt die Kulturmanagerin Birgit Mandel. Sie seien zwar mit ihrer Region, nicht aber mit deren „Flair“ vulgo Image zufrieden. Was Joseph Roth in den Zwanzigern diagnostizierte – „Die Menschen hemmen die Entwicklung“ –ist noch aktuell. Die Ruhrgebietler selbst sind es, die den Mangel prägen. Diejenigen, die gehen, mehr noch als jene, die bleiben oder kommen werden. Allein Essen soll 2020 nahezu 100.000 Einwohner weniger haben – und damit das, was eine Sinus-Studie die Transformation zum „Schmelztiegel des neuen Prekariats“ nennt. Jeder zweite Schüler wird 2010 das haben, was man Migrationshintergrund nennt. Zynelnd könnte man dem Ruhrgebiet empfehlen, sich 2030 um den Titel einer Hauptstadt der islamischen Kultur zu bewerben. Den gibt es tatsächlich seit 2005.Das wäre allzu billig. Steigen wir vom fliegenden Teppich der Dystopie auf den grünen, doch unterhöhlten oder kontaminierten Boden des Jetzt. Die gerade amtierenden Kulturhauptstädte spüren die Folgen der jüngsten Kapitalverpuffung. Linz hatte Glück, nur ein paar kleinere Projekte wurden gestrichen, Vilnius hingegen kürzte der Staat das Budget gleich um 40 Prozent, das von Rem Kohlhaas geplante Kunstmuseum wurde ad acta gelegt. Das ca. 160.000 Einwohner kleine ungarische Pécs, Ostpendant der Kulturhauptstadt 2010, soll schon jetzt nur noch über die Hälfte seines ohnehin schmalen Etats verfügen können. Und an der Ruhr?Die Theaterlandschaft dort ist tief in der Finanzkrise. Und immer wieder alarmierten die Feuilletons über ausfallende Ruhr-Projekte. Zu Recht? Die Eröffnungsparty am 9. Januar in der Schalker Arena abgesagt – tatsächlich wird sie nun durch eine noch größere auf Zollverein ersetzt. worden. Das großartige Projekt „SchachtZeichen“, das an 400 Orten, an denen früher einmal Kumpel einfuhren, gelbe Ballons weithin sichtbar aufsteigen lassen will, orakelt man, soll nicht finanzierbar sein. Es wird, so Oliver Scheytt, definitiv stattfinden.Ebenso Gustav Mahlers „Sinfonie der 1000“ in Duisburg. Unangefochten war sowieso das massenspektakuläre Still-Leben, wo am 18. Juli auf 60 Kilometern die Verkehrsschlagader A40 stillgelegt werden, dafür aber das kollektive Kleinkunstherz am längsten Tisch der Welt schlagen soll. Ein Leitprojekt allerdings wird tatsächlich ausfallen. Die „Zweite Stadt“, dazu gedacht, tief unter Zollverein das Labyrinth der Stollen erlebbar zu machen, muss wegfallen.Der Tourismus machtsHiobsbotschaften sind besonders medienaffin. Man wird sehen, ob ihreWiderlegung ebenso durchdringen wird. Das Gesamt der Projekte ist ohnehin unübersichtlicher und auch unsichtbarer. Aber es wird darüber entscheiden, ob die Vision von der Kulturmetropole nicht doch ein Stück wirklicher wird. Zum einen darf man nicht vergessen, daß Ruhr.2010 verglichen mit den Vorgängerinnen finanziell eher bescheiden ausgestattet ist, allerdings, so Oliver Scheytt, seien nun durch Sponsoring 98 Prozent der veranschlagten Kosten gedeckt.Und welche „Metropolenkompetenzfelder“ auch immer energetisch werden oder nicht, mit Sicherheit spektakulär bleiben wird das „Weltkulturerbe“ Zeche Zollverein, dessen Förderturm längst zur Ikone von Industrie und Kultur geworden ist. Ebenso nachhaltig bleiben wird „Das schönste Museum der Welt“, die mehr Neu- als Wiedereröffnung des Folkwang-Museums in Essen, Mitte März. Auch wenn der Mäzen Berthold Beitz Wert darauf legt, dass sein ruhmsicherndes Selbstgeschenk mit der Kulturhauptstadt nur zufällig zusammenfalle – das erneuerte Museum ist eins der Kern-Projekte dieser Kulturhauptstadt. Es bildet denn auch die Punchline des Terminkatalogs für 2010.Zum Oberhausener Gasometer wird 2010 das Dortmunder U – das einzige, was von der Bierstadt geblieben ist – als landmark hinzutreten. Aber werden das Merkzeichen der regionalen Identifikation werden? Fraglich, ob ein „Mythos Ruhr“ derart erzählbar oder entstehen wird. Dauerhaft zählt jedenfalls der interne Effekt. Der erscheint schon jetzt verblüffend. Bei aller Eigenbrötelei, Missgunst und Ranküne untereinander haben sich die Städte des Ruhrgebiets in einem erstaunlich hohen Maße mit den diversesten Projekten vernetzt.Über 200 sind es. Diese Selbstaktivierung, wenn sie denn zündet, ist das eigentliche Zukunftskapital. Müssen nur noch die Touristen kommen, damit die Ruhrgebietler es sich selbst glauben. Auch hier ist vorgesorgt. Die Präsentation des Ruhrgebiets auf der Tourismusbörse war sehr erfolgreich. Spezialisierte Anbieter wie z. B. das Institut für Bildungsreisen, aber auch die große DER-Tour machen nun attraktive Angebote.Das Beste aber zum Schluss: Wer sich bisher im Ruhrgebiet aus dem Zug zu steigen scheute – „Wenn schon die Bahnhöfe aussehen wie im längst nicht mehr existierenden tiefsten Osten, wie da wohl erst die dazugehörigen Städte!“ –, dem verspricht die Deutsche Bahn, auch ein Hauptsponsor von Ruhr.2010, dass sie bis dahin 90 Millionen in die Bahnhöfe von Essen, Dortmund, Duisburg und – na ja – Münster investiert haben wird. 400 Millionen gar werden für die Folgejahre versprochen. Eine Kulturmetropole kann kultivierte Bahnhöfe allemal gebrauchen. Und Infrastruktur war bisher noch immer der beste Nachhaltigkeitsgarant. Oliver Scheytt schwärmt indes noch mehr von den 600 Kilometern Radwegen jenseits der Autostraßen, auf denen Zeit-Reisen demnächst eine Tour anbieten will. 2011 spätestens wird man sehen, wohin die Zeitreise Ruhrmetropole tatsächlich geht – vor oder zurück.