Ich bin einer der Menschen, die den Kinobesuch dem Gang ins Theater vorziehen, ihre Neigung aber mit einem schlechtem Gewissen bezahlen. Als ich hörte, dass im Berliner Maxim-Gorki-Theater Friedrich Dürrenmatts Besuch der alten Dame in einer Neufassung gespielt werde, sah ich deshalb eine gute Gelegenheit, der Pflicht schuldig zu werden. Die Idee zu seinem Jahrhundertstück war Dürrenmatt vor fast sechzig Jahren auf seinen Zugfahrten durch das Berner Seeland gekommen, die ihn an den "beiden kleinen trostlosen" Bahnhöfen von Ins und Kerzers vorbeiführten. Ich kenne diese beiden Bahnhöfe aus eigener Anschauung, in meinem Kopf ist Dürrenmatts Besuch der alten Dame für immer an diese Symbole des Wartens, Weggehens und Wehklagens der Bleibenden gek&
s der Bleibenden geküpft. Wie schön, dass das Stück in der Bearbeitung von Armin Petras mit der Videoeinspielung eines nicht minder trostlosen Bahnhofs einsetzt. Der Schauplatz wurde von "Güllen" in ein von der Welt vergessenes ostdeutsches Kaff namens "Fga" verlegt, das nach der Wende, die hier "freundliche Verwandlung" heißt, auf den Aufschwung wartet. Das macht Sinn. Die Parabel über den ungleichen Kampf zwischen Verlangen (nach Geld, Gerechtigkeit) und Verzicht (auf Geld, Gerechtigkeit) ist so allgemein, dass sie überall angesiedelt werden kann, wo eine Gemeinschaft durch materielle Glücksversprechen korrumpierbar ist. Die deutsche Nachwendegesellschaft scheint diese Bedingung ideal zu erfüllen.Existenzielle WuchtDer Plot muss dazu nicht groß verändert werden: Claire Zachanassian – die bei Petras Clara heißt – wurde als junge Frau schwanger, der Geliebte verleugnete die Vaterschaft, sie ging weg, und kehrt nun dreißig Jahre später als steinreiche Dame zurück, um sich zu rächen. Sie verspricht, die Bewohner der Stadt mit Geld förmlich zuzuscheißen, wenn diese ihren damaligen Geliebten Alfred Ill töten, was sie erst empört verneinen, dann aber doch geschehen lassen.Was heißt es, dass der Mensch käuflich ist? fragte mit existenzieller Wucht Dürrenmatt, der Griechen-lesende Pfarrersohn aus Konolfingen bei Bern. Später wurde die Frage in leicht veränderter Fassung zum Gegenstand von Privatfernsehsendungen und Smalltalk: Schöne Ehefrau, würden sie für eine Million mit einem Fremden ins Bett gehen?Etwa auf halber Strecke, besser gesagt, auf halber Treppe, scheint die Frage in dieser, in Kooperation mit dem Staatsschauspiel Dresden entstandenen Fassung zu stecken: Der beeindruckende Chor und das karge Bühnenbild symbolisieren Antikes (Antigone, Medea). Das Bühnenbild imitiert eine steinerne Treppe, wie sie vor einem antiken Tempel stehen mochte, und an deren oberen Ende sich die Schauspieler bücken müssen (in fast jedem der wenigen Stücke, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, mussten die Schauspieler sich bücken, warum nur?).Was sich aber auf dieser Treppe abspielt, hat in der Figurenzeichnung überdeutliche Bezüge zur Zone in den Jahren 1989ff. Angefangen beim sympathisch-heruntergekommenen Krämer Alfred Ill (Andreas Leupold) und dessen Familie, die in prekären Verhältnissen lebt und eine derbe Sprache spricht ("Ich könnte kotzen"), über den Geliebten der in Stresssituationen nervtötend schreienden Tochter (Anne Müller), einem Polizisten mit Stasi-Vergangenheit (Matthias Reichwald), bis hin zum Bürgermeister, großartig gespielt von Wolfgang Michalek, der alle schmieriger Lokalpolitiker und Investoren(alp)träume dieser Wendewelt verkörpert.RacheengelVollends hybrid wird das Stück aber durch die alte Dame herself, die hier gar keine alte Dame ist, sondern ein sehr schöne Frau in den besten Jahren: Wenn Christine Hoppe als Clara eines ihrer Lieder singt, glaubt man einen Nachkriegsvamp aus einem Film von Fassbinder vor sich zu haben, oder einfach eine weitere glaubhafte Verkörperung der berühmten Songzeile von Kraftwerk: "Sie wirkt so kühl, an sie kommt niemand ran".Nun ist diese Kälte natürlich nur die Kehrseite des heißen Wunschs nach Rache, der einzig am Leben hält. Wie Christine Hoppe da im kalten Wind über der Szene schwebt, hätte man sie am liebsten eingefroren. Aber vielleicht komme ich auf diese Assoziation nur, weil es an diesem Premiereabend schneite wie selten und kalt schien wie in den zuvor gesehenen, extrem suggestiven Videoeinspielungen, die es wohl heute braucht, um ein Stück für einen Theatermuffel wie mich attraktiv zu machen.Zuhause dann den Computer hochgefahren und bei Nachtkritik.de die Bestätigung des Experten gefunden: Die Hauptfiguren haben tatsächlich einen "Dreh ins Cineastische bekommen". Aber zugegeben, mein Theaterbesuch hat mich vor allem animiert, Dogville wieder einmal auszuleihen, Lars von Triers brillanten Bastard aus Bühne und Kino, samt deutlicher Anleihen an Dürrenmatts Stück, wenngleich ohne Bahnhof.