Jetzt wird im Literaturbetrieb der Literaturbetrieb gegeißelt. Neu ist auch das nicht. Seine Protagonisten haben noch jede Phase im Prozess der Boulevardisierung des Radio- und Zeitungsfeuilletons mit rituellen Krokodilstränen begleitet. Intern beklagen sie mit kulturkritischem Vokabular die quantitative und qualitative Schrumpfung der Formate (etwa von der Kritik zum Buchtipp), während sie dieselbe unter Berufung auf Sachzwänge exekutieren.
Ebenso verhält es sich mit der inhaltlichen Öffnung der Kritik hin zur fernsehkompatiblen Trivialliteratur. Die Produkte von Charlotte Roche oder Helene Hegemann sind da immerhin schräge Extreme; andere preisgekrönte Bücher haben ihr Mittelmaß mit mehr literarischem Firlefanz kaschiert. Statt dergleichen
ergleichen Phänomene konsequent als Symptome einer entfesselten Aufmerksamkeits- und Profitmaschinerie zu betrachten, werden weiterhin literarische Kriterien auf sie angewandt, sprich geopfert.Wie oft wünschte man sich da, dass jemand den Mut aufbrächte (oder das Forum bekäme) für jenen Ausruf, der in „Des Kaisers neue Kleider“ zu einer paradiesischen Erkenntnis führte: „Er hat ja gar nichts an!“ Abweichler aber – man denke nur an die Judith-Hermann-Hysterie vor gut zehn Jahren – wurden als Spielverderber beiseite gedrängt und auf die Orden verwiesen, die Dero Deutungshoheiten der Autorin angeheftet hatten. Erst beim zweiten Buch durfte sich Kritik breitmachen – mit dem Unterton der Häme.Helene Hegemann liefert gleich selbst den Grund für das Große Siehste. Die FAS verteidigte sich trotzig und die Süddeutsche Zeitung, die ihrerseits mit einem Hohelied aufgewartet hatte, holte zur Kritikerkritik aus und verzichtete dabei nicht auf die (Auto-)Suggestion, das Feuilleton hätte Einfluss auf die Verkaufszahlen: „Die Lobeshymnen der Literaturkritiker bugsierten das Romandebüt ‚Axolotl’ der 17-jährigen Helene Hegemann auf die Bestsellerlisten. Dann kam raus: Plagiat! Was sagen die Damen und Herren jetzt?“(Auch) ich habe den Hype bedient wie viele abhängige Rezensenten, die für eine dreistellige Summe über Hegemann schrieben, die derweil eine mindestens achtstellige Summe anschafft. (Auch) ich habe dem Buch Positives, nämlich „Intelligenz und Stil“ und nebenbei eine interessante Cut-up-Technik bescheinigt. Die Tatsache, dass darin der eine oder andere Blog verwurstet ist, ändert für mich nichts, denn den Sampling-Charakter hatte ich in meiner Ausgangsthese benannt und weiterverfolgt: „Angeführt von der Fraktion der ‚linken, durchsetzungsfähigen Arschlöcher überdurchschnittlichen Einkommens’, promotet die schuldige Vätergeneration gerührt und fasziniert die gesampelten Schreie der nackten, ausgesetzten Kinder.“ Für mich war ausschlaggebend, dass Hegemanns Alter Ego Mifti klagte, keine eigene Sprache zu haben, und eine physische Vernichtung empfand, als ihr Geschriebenes in fremden Händen landete.Die Elternpose(Auch) ich habe mich also mit Axolotl beschäftigt – weil die NZZ, für die ich schreibe, es für nötig befand, und das wiederum, weil das Buch beim Riesen Ullstein erschien und nicht da, wo es doch hingehörte: in einen Undergroundverlag wie der des Bloggers Airen. Zu Ullstein führten der Ophüls-Preis für Hegemanns Film Torpedo (schon das eine Ausbeutung des Jugendfaktors) und das Umfeld eben jener „linken, durchsetzungsfähigen Arschlöcher“, dem der Theaterdramaturg Carl Hegemann angehört, für den seine Tochter offenbar den Wert einer Schlingensiefschen Live-Installation hat, jedenfalls hat er sie nicht vor dem Betrieb geschützt. Kurz: Das Mädchen wurde verheizt.Natürlich sind die Kritiker mitschuldig, die das Buch reif geredet haben für die Nominierung zum Preis der Leipziger Buchmesse, was auch ohne Plagiat eine erbärmliche Farce darstellt. Keine(r) hat die manifesten (und zumindest dem Airen-Blog nicht entlehnten) Symptome – die an den Motiven von Zerfließen und Enthäuten ablesbare Traumatisierung oder den masochistischen Exzess am Schluss des Buches – von dem bequemen Fiktionsvorbehalt ausgenommen. Axolotl Roadkill liefert das Stichwort selbst, und die Zeit hat den Roman durchaus als „Entladung eines traumatisierten Bewusstseins“ gelesen. Doch niemand hat ausgesprochen, dass sich hier eine Halbwüchsige aus pathologischen Gründen ausliefert.Der Klau bestätigt das. Wer von „(großer) Literatur“ faselte, rettet sich jetzt in eine wütende oder begütigende Elternpose. Wer nicht, der ahnt vielleicht, was Hegemann dazu brachte, ausgerechnet diese Sprache zusammenzuklauben.Was nicht geklaut ist: Miftis Mutter ist so tot wie die von Helene Hegemann. Miftis Vater ist kein Vater, sondern ein spätpubertärer linker Kulturfuzzi, dem seine Kinder wurscht sind; für Helene Hegemann ist ihr linkskulturell aktiver Vater ein cooler, großartiger Typ, dem sie ihre Schreib-Innereien als erstem unterbreitet hat. Diese familiäre Unterwerfungsgeste ist nicht nur der Beginn, sondern ein Strukturmerkmal der traurigen Obszönität, der sie sich nun ausgesetzt sieht. Man braucht nicht viel Psychoanalyse, um im Hass auf die tote Mutter und in der Selbstentblößung vor einem gleichgültigen, abwesenden Vater, hinter dem eine ganze gleichgültige, abwesende Gesellschaft steht, die Verbindung zwischen Helenes/Miftis Mädchenschicksal und dem Wahnsinn zu sehen, der über der Autorin hereingebrochen ist. Es gibt einen sprechenden und völlig unübertragenen Ausdruck für das, was ihr im übertragenen Sinn geschehen ist: Sie ist gefickt worden. Sie wird gebraucht, mißbraucht, verbraucht, konsumiert. Das überlebt kein rebellischer Impuls. Also ist sie (wieder mal) gehorsam.Adorno nannte es Verblendungszusammenhang. Marcuse sprach von repressiver Entsublimierung. Foucault entdeckte, zumal im öffentlichen Gerede über den Sex, Dispositive der Macht. Pasolini hatte einen plakativeren, aber analytisch fruchtbaren Begriff für die kulturelle Funktionsweise des Kapitalismus: Konsumfaschismus. „Kein faschistischer Zentralismus“, schrieb er 1973, „hat das geschafft, was der Zentralismus der Konsumgesellschaft geschafft hat.“ Jeder Widerstand, jedes Tabu ist geeignet, seinen Machtbereich zu erweitern. Das geht nicht ohne Opfer, vorzugsweise Frauenopfer. Wer Hegemann beispielsweise bei Harald Schmidt gesehen hat, weiß, was ich meine. Vor dem netten Spötter, der Sperma, Pisse, Arschfick etc. zitierte, saß eine beschämt kichernde, dauernickende Schülerin, die vor den Kameras einen kümmerlichen Rest Eloquenz und Renitenz zusammenkratzte. (Und irgendwie passt es, dass man zwischendurch den Theater-Peymann live vorschlagen hörte, man möge doch Hartz-IV-Empfänger zum Eishacken befehlen). Wer hat sie bloß da hingeschickt? dachte ich, statt mich zu fragen, wer das denn nicht hatte verhindern wollen.Willfährige BesserwisserMit einem Mal hieß es, das unbeholfene „Fräulein“ sei selbst schuld, denn wer so weit geht, der ist – Plagiat hin oder her – vogelfrei. Willfährige Besserwisser des Literaturbetriebs fielen über Hegemann her. Man fand, Herr Schmidt habe sie nicht hart genug angefaßt. Der Literaturbetrieb, das sind nämlich nie wir selbst, das sind immer die anderen – die „Allgemeinheit“, die sich noch eine Weile mit Hegemann „befassen wird. Bis die nächste Autorin vor der Türe stehen wird, die ‚ungeahnte’ Einblicke in ihr oder anderer Leute Intimleben gewährt“ (süddeutsche.de).Nur, wie hoch ist wohl die Dunkelziffer der Schreibschülerinnen, die zum intimen Outing aufgefordert werden? Und wird man sich an solche Klugscheißereien erinnern, wenn wirklich die nächste auftaucht? Richtig, sie wird wieder weiblich – doch ich fürchte, nicht siebzehn, sondern dreizehn sein. Und wenn wir Pech haben, ist sie so pfiffig und beliefert nicht das spießige Bildungsgenre der Literatur, sondern das der Performance und inszeniert ein öffentliches Autodafé. Papa und Mama werden natürlich nichts geahnt haben. Ob wir dann noch applaudieren oder es schon immer besser gewusst haben, wird dann auch egal sein.