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Duell zwischen Psycho-Therapeut und Patient: Die TV-­Serie „In Treatment“ mit Gabriel Byrne ist brilliante Fernsehunterhaltung

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In den Tagen, in denen das Fernsehprogramm mit Karneval, Olympia und Berlinale voll gestopft ist, wirkte der Start der hochwertigen US-Serie In Treatment auf 3sat wie eine Erlösung. Dass die ersten beiden Folgen am Rosenmontag ausgestrahlt wurden, passte jedoch. Denn die puristische ­Dialogserie lebt wie der Karneval von – allerdings seelischen – Maskeraden. In Treatment erzählt von der Arbeit des Psychotherapeuten Paul Weston (Gabriel Byrne), der in einer amerikanischen Großstadt Patienten zum Gespräch empfängt. Fünf sind es in der ersten Staffel – zwei Frauen, ein Mann und ein Ehepaar. Hinzu kommt als sechster ­Patient der Therapeut selbst, der regelmäßig seine alte Studienmentorin zur Supervision aufsucht.

Die filmische Form ist minimalistisch. Jede Folge spielt in einem Raum und erstreckt sich über jene Zeit, die eine Therapiesitzung dauert, die hier zur formattypischen Länge von 25 ­Minuten gestaucht wird. Anfangs zeigt die Kamera den Therapeuten und den jeweiligen Patienten in Halbtotalen, ehe sie im Fortgang des intensiver werdenden Gesprächs ihre Perspektive ­verengt und die Sprechenden im Schuss-Gegenschuss erfasst. Das ist konsequent, weil die Gespräche sich ­zunehmend zu Duellen zwischen dem Therapeuten und seinen Patienten entwickeln. Es geht nicht nur um die analytische Klärung der Ursachen von psychischen Störungen, sondern auch um die Intensität des Gesprächs selbst.

Um es an den ersten beiden Folgen, die 3sat am Rosenmontag zeigte (die weiteren folgen zunächst ebenfalls im Doppelpack werktäglich), zu erläutern: Westons erste Patientin ist die Ärztin Laura (Melissa George), die verstört bei ihm auftaucht und weinend zusammenbricht. Zunächst geht es ihr um die Krise ihrer Beziehung. Bald dreht sich das Gespräch. Die Patientin thematisiert nun nicht sich, sondern den Therapeuten. „Ist es nicht widerwärtig, sich so etwas anzuhören?“, erkundigt sie sich, um dann damit herauszurücken, dass sie sich in den Therapeuten schon in der ersten, ein Jahr zurückliegenden Sitzung verliebt habe. Die Geschichten, die sie ihm erzählt hat, erweisen sich so als eine Art Lockmittel, mit dem sie den Therapeuten in ihre emotionale Welt hineinziehen kann.

Herzstillstand und Tod

Westons zweiter Patient, der Bomberpilot Alex (Blair Underwood), verhält sich zu Laura spiegelbildlich. Er geht von vornherein auf Konfrontation zum Therapeuten, ehe allmählich sich sein Trauma offenbart. Alex hat im Irak versehentlich eine Koranschule bombardiert und so unschuldige Kinder getötet. Eine seelische Störung durch die Tat mag er sich nicht eingestehen. Erst ein Herzstillstand und die Erfahrung des nahenden Todes lässt ihn den Therapeuten aufsuchen. Ob er sich ihm öffnen wird, ist am Ende seiner ersten Sitzung und also der zweiten Folge offen.

Die Kontinuität der Folgen, in vielen Fernsehserien eher behauptet, erscheint hier plausibel. Es muss weitergehen, weil sich psychische Probleme so leicht nicht lösen lassen. So reiht sich eine Therapiesitzung an die nächste wie eine Folge an die andere. Was dramaturgisch als Schürzung der Spannung am Ende jeder Folge zeigt, ist nichts anderes als das seelische Pro­blem, das hinter der Routine der ­Patienten und ihren Duellen mit dem Therapeuten aufblitzt. Und die besondere Form der therapeutischen Unterhaltung mit ihren intensiven Momenten der Geständnisse gegen Honorar erweist sich als spezifische Form einer brillanten Fernsehunterhaltung.

Das Kino sei die (Analytiker-)Couch der Armen, schrieb einst Félix Guattari. Beim Sehen von In Treatment kommt einem der Gedanke, dass vielleicht manche Formen der Psychoanalyse eine Art von luxuriösem Kopfkino darstellen.

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