Vom Blog zum Roman: „I am Airen Man“ von Airen ist ein Amalgam aus Partyslang und Umgangssprache. Nett zu lesen. Aber ein großes Buch ist es nicht geworden
Du fragst mich, was soll ich tun? Und ich sage: lebe wild und gefährlich!“ Diesen Spruch Arthur Schnitzlers fand man viele Jahre in studentischen Wohngemeinschaften. Morgens prägten sich ihre Bewohner den Spruch genau ein, bevor sie ins Juridicum zogen. Abends standen sie auf einer Küchenparty mit Freunden davor und nahmen sich vor, eines Tages endlich mal „so ganz anders“ zu leben.
Wie gründlich das schief gehen kann, lässt sich derzeit am Schicksal des jungen Mannes studieren, der neuerdings als „heimlicher Star der Literaturszene“ gilt. Denn auch Airen, einer der vielen Ghostwriter, die Helene Hegemann geheime Inspirationen geliefert haben, als sie ihr Debüt Axolotl Roadkill kompiliert hat, hat ein Fach studiert, dessen Bezeichn
rt, dessen Bezeichnung einem schon das Blut in den Adern gefrieren lässt: Business-Administration. Und dann auch noch in Frankfurt/Oder. Kein Wunder, dass er nach Berlin ausbrach, um sich, wie besorgte Eltern sagen würden, mal so richtig gehen zu lassen.Nach dem (Blog-)Protokoll seines Nachtlebens in der Hauptstadt, das unter dem Titel Strobo das Licht der Literaturwelt erblickte, hat „Deutschlands anonymster Schriftsteller“ (Die Welt) nun ein neues Werk vorgelegt. Man könnte auch sagen: Ein cleverer Verlag hat sich die Rechte an seinem Blog gesichert und Teile daraus zu einem Text zusammengeschoben, der den Hang zum Aphoristischen nicht verleugnen kann oder will und mit vielen Zwischenüberschriften zum „Roman“ gestreckt wird.Gleich vorweg: Auch wenn sich das neue Buch besser liest als das erste. Ein neuer Star am Literaturhimmel ist mit I Am Airen Man nicht aufgegangen. Denn „unmittelbar, drastisch“, wie die Verlagswerbung behauptet, mag das Buch an manchen Stellen sein; „poetisch und neu“ ist es nur für den, der Satzfetzen wie „absolute Koksstille“ oder „auf geile Art krass“ für eine literaturgeschichtliche Offenbarung hält.Berlin hat der 1981 geborene Airen endgültig hinter sich gelassen. In seinem neuen Buch beschreibt er seine Flucht nach Mexiko, wo er einen Job bei einer jener Firmen im Finanzzentrum von Mexico-City antritt, von der man bis zum Schluss nicht erfährt, was in ihr eigentlich gearbeitet wird. Die landeskundlichen Erkenntnisse halten sich in engen Grenzen. Mal ist Mexiko ein Land der tausend Lichter, mal seine Hauptstadt „nur eine Megastadt gone bad“, schreibt Airen in dem für ihn typischen, leider eher unpoetischen Amalgam aus Partyslang und Umgangssprache. Mexiko riecht übel, die Menschen sind so klein, überall steht Militär herum.Unausgegorene DialektikEigentlich hatte er sich vorgenommen, in der neuen Heimat Exzesse à la Berlin zu meiden. Und eigentlich sind die Voraussetzungen dafür auch gut. Es gibt kein Berghain in Mexiko. Aber doch ein paar scharfe Clubs. Und jede Menge Stoff. Und so fängt er schnell wieder an, sich durchzusaufen, durch zu koksen, durch zu huren. Ob Passivklebstoff oder Transen: Airen nimmt alles. Notfalls umarmt er auch schon einmal einen Baum. Bis der bisexuell Hochbegabte eines Tages Lily trifft. Mit der die Liebe aber auch durch die Nase geht.Nur um noch einmal darüber informiert zu werden, dass Techno „jedes Atom zum Sprudeln bringt“, braucht man Airens Buch nicht zu lesen. Ansonsten schwankt es zwischen infantiler Regression und der versuchten Grenzüberschreitung. Bekommt aber keines dieser „Genres“ so richtig hin. Er erinnert sich an die zeitlose Euphorie der Jugend, als er in seinem bayerischen Dorf im Gras lag und saure Apfelringe lutschte. Oder er philosophiert übers Kiffen: „Die total angenehme Ruhe. Das total ruhige Aufgeräumtsein. Das total aufgeräumte Betrachten der Dinge“. Wer Ultimatives über die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit wissen will, hat mehr davon, wenn er noch einmal Rainald Goetz oder Carlos Castaneda herauskramt.Da, wo es der Autor schafft, sich einmal über den „verstrahlten Easynesszustand“ zu erheben, in dem er eigentlich alles erlebt, bleibt er im Gestrüpp einer unausgegorenen Dialektik hängen. Wo Ernst Bloch sagte: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst“, kommt Airen über den extremen Individualismus der Jetztzeit nur mit pseudophilosophischer Mühe hinaus. „Ja, krasser Ort, Jugend, da bin ich, da werde ich gewesen sein“, hat er dem Buch als Motto voransgestellt.Eigentlich tickt in der Koketterie mit dem Off-Mainstream eines jungen Mannes, der von sich selbst sagt, „dass ich was ganz anderes bin“, durchaus so etwas wie eine kleine Zeitbombe – ästhetisch wie politisch. Kaum naht die Party im Dauerpoppersrausch, verwandelt er sich wie Spiderman: „Ich bin Airen, der Antiheld zwischen den Welten.“ Letzten Endes kommt er dann aber doch nie aus seiner Haut. Respektive aus den vier weißen Wänden im 14. Stock der ominösen Beratungs- oder PR-Firma, die sein Leben gefangen halten.Zurück zur NormAls Kultbuch einer delirierenden Bohème taugt das Werk des schüchternen jungen Mannes, der von sich selbst sagt, dass er bei jedem Gespräch sofort zu schwitzen und zu stottern anfängt, also nicht. Seine Bedeutung liegt vielmehr darin, dass es das Drama der Mittelschichtexistenz spiegelt, die aus der Gewöhnung ausbrechen will, welche Ernst Bloch als das „Rauschmittel“ bezeichnet hat, von der „das ganze bürgerliche Leben durchsetzt“ ist und das sich „nur daraus erträgt“: „Und ich sitze eben weiter hier auf diesem Berg unausgeprägter Begabungen und weiß, dass ich dieses eine Ding finden muss, dieses eine Extrem, das mich so fickt, dass ich ihm alles widme, sonst wird alles nur Mittelmaß; oder eben high fly, die eine Chance zu rocken, ein Leben auf Gipfeln, das Spiel heilig halten, ein ständiger Orgasmus der Wahrnehmung, alles Farben im Tanz – pures Glück in der Musik der Sprache“, verzweifelt er einmal in seiner Firma. So weit kommt es, trotz ein paar halluzinatorischer Trips, dann aber doch nicht.„Ich bin pervers, ich such den Abgrund, ich brauche Techno, und ohne Verzweiflung fühl ich nichts“, wird ihm in der rührenden Spießeridylle seiner Eltern in Bayern klar. Dass Airen jetzt die Frau fürs Leben gefunden hat und mit ihr und dem gemeinsamen Kind ein paar Jahre auf einer Karibikinsel leben will, mag für ihn ein Glück sein. Spricht aber eher dafür, dass der exzessive Kurzzeit-Rebell ziemlich schnell in genau die heterosexuelle Normexistenz zurückgefallen ist, der er entfliehen wollte. Airens „Karriere“ ist zwar auch ein Beleg für die lebensverändernde Kraft des Schreibens. Aber ein wildes und gefährliches Leben stellen wir uns dann doch etwas anders vor.