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Dominik Graf versucht sich in dem mit Spannung erwarteten Mehrteiler "Im Angesicht des Verbrechens" an einem Sittenbild des organisiert kriminellen Berlin

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Die Wahrnehmung von deutschen Fernsehproduktionen aus öffentlich-rechtlicher Hand folgt seit Jahren einer bedenklichen Dramaturgie: Zuerst wird ein Projekt als „mutig“ vorgestellt, weil mit Aufwand und großen Namen produziert wurde. In den Vorabberichten fangen stets verdächtig viele Sätze mit einem „endlich“ an (... werde wieder in Qualität investiert). Und wenn die Quote hinter den Erwartungen zurückbleibt, heißt es: Der deutsche Fernsehzuschauer, verdorben von den Privatsendern, wisse Qualität nicht zu schätzen.

Sehr wahrscheinlich werden auch die Einschaltquoten zu Dominik Grafs zehnteiliger Russenmafia-Saga Im Angesicht des Verbrechens enttäuschen – wenn nicht bei der jetzigen Ausstrahlung auf Arte, dann bestimmt bei der im Herbst in der ARD. Und sehr wahrscheinlich wird auch daran wieder der verdummte deutsche Zuschauer schuld sein. Und das obwohl die Zuständigen versucht haben, bei der Vermarktung der Serie andere Wege zu gehen. Seine Uraufführung erlebte Im Angesicht des Verbrechens auf der Berlinale, in einem richtigen Kino, womit man sich denkbar elegant zum Standard des modernen Fernsehens bekannte: wie Kino sein zu wollen.

Starke Mimen, schwache Texte

Im Angesicht des Verbrechens zeigt, woran es nicht mangelt: an guten Schauspielern. So macht allein das Darstellerensemble den Zehnteiler sehenswert. Da ist Max Riemelt, der die Hauptfigur Marek Gorsky, einen Berliner Polizisten mit lettisch-jüdischem Migrationshintergrund spielt, und der hier seine schöne, ernste Jungenhaftigkeit mit überraschender Charaktertiefe versieht. Seine Ernsthaftigkeit wird bestens ausbalanciert von dem wunderbaren Ronald Zehrfeld, der Gorskys Partner Sven Lottner gibt, und es in dieser Rolle fertigbringt, die nur noch als Schimpfwort benutzte Bezeichnung „Frohnatur“ in neuem Licht erscheinen zu lassen. (Von seiner Figur stammt das schönste Zitat der Serie – seinem neuem LKA-Chef stellt Lottner sich mit den Worten vor: „Ich bin aus dem Osten der Stadt und kann praktisch allet.“)

Der Gegenspieler der beiden Polizisten wird dargestellt vom großartigen Misel Maticevic, der seiner Figur eine chamäleonhafte Wandelbarkeit verleiht; sein Russenpate ist nicht nur der verschlagene Hoch-die-Tassen-Wodka-Schlucker, der auch mal einer Frau brutal ins Gesicht schlagen kann, er ist auch ein großer Liebender, der mit Leidenschaft an Frau (Maria Bäumer) und Kindern hängt. Diese Drei sind nur Teil eines schillernden Ensembles, das der Geschichte um Berliner Polizei, russische Einwanderer, lettische Juden, um Mädchenhandel, Macht, Korruption, Familienehre und Geschwisterliebe eine Intensität und Lebendigkeit verleiht, die selten sind im deutschen Fernsehen.

Dieser Stärke des Spielens steht leider eine enorme Schwäche des Schreibens gegenüber. Was nicht nur am Drehbuch (Rolf Basedow) liegt: Woran es mangelt, ist ein mutiges, innovationsbereites Erzählen, das auf Tautologien und ­kitschige Rahmenhandlungen verzichtet, das nicht alle Plotentwicklungen mit verbalen Erklärungen sekundiert, das nicht alle Figuren in Gut- und Böse-Gruppen aufteilt und, wichtiger noch als all das, ein Erzählen, das mehr sein will als bloßes Genre. Aus der hochgelobten HBO-Serie The Wire etwa weiß man hinterher mehr über die Stadt Baltimore, als man je wissen wollte: über die Hafenarbeiter, das Schulsystem und die Bürgermeisterwahlen. Was weiß man über Berlin nach zehn Teilen Im Angesicht des Verbrechens? Dass für die Lokale der Russenmafia die Antirauchergesetze offenbar nicht gelten.

Ab 27. April dienstags und samstags auf Arte

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