"Haltet euer Herz bereit": Der Journalist Maxim Leo hat nach den Spuren der DDR-Gründergeneration geforscht und ist in seiner Familie fündig geworden
Familienforscher sind gemeinhin Leute, die für ihre privaten Belange genealogische Forschungen betreiben und von Historikern wenig gelitten sind. Mittlerweile aber wächst eine neue Generation heran, die, in den ruhigen Wassern seit den sechziger Jahren aufgewachsen und mangels eigener Lebenssensationen, die Schicksale ihrer Eltern- und Großelterngeneration niederschreiben. Gut ausgebildet und mit einem Gespür für das Allgemeine im Besonderen kommt bei ihnen in glücklichen Fällen ein facettenreiches Gesellschaftsporträt heraus.
Als einen solchen „Familienforscher“ bezeichnet sich auch der Berliner Journalist Maxim Leo, und er bleibt sich der Doppelrolle auch während des Schreibens bewusst. Die eigene Familie zu befragen und dabei profe
abei professionelle Distanz zu halten, ist umso schwieriger, wenn eines der Familienmitglieder längst zu einem „Denkmal“ geworden ist, wegen seiner Krankheit aber nicht mehr Auskunft geben kann, und eine andere Hauptfigur während der Recherchen stirbt. Das Gefühl, zu spät gekommen zu sein, teilt Leo ganz grundsätzlich mit den Erfahrungen der mittleren Generation, die nach dem Tod der Eltern feststellt, dass sie versäumt hat, die richtigen Fragen zu stellen. Haltet euer Herz bereit ist, wie der Untertitel ankündigt, eine ostdeutsche Familiengeschichte. Sie kommt aus der Gegenwart des knapp 40-jährigen Autors und blickt weit zurück über die Generation der Eltern und Großeltern hinaus bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs.Der RückkehrerDas heimliche Zentrum bilden die beiden Großväter, Gerhard Leo, antifaschistischer Gründungsvater der DDR mit jüdischen Wurzeln und, väterlicherseits, Werner Schwieger, von dem ein Ausweis überliefert, dass er an den Olympischen Spielen 1936 teilgenommen hat. Während Gerhard für Anne und Wolf, die Eltern des Autors, eine wichtige Rolle spielte, bleibt Werner der Abwesende. Der Enkel begegnet ihm nur zwei Mal im Leben.Insofern unternimmt Maxim Leo eine mühsame Rekonstruktion. Er weiß nicht nur wenig von den Eltern seines Vaters, auch im Hinblick auf Gerhard scheint es ein Familiengeheimnis zu geben. Zwar hat Gerhard Leo in einer Autobiographie (Frühzug nach Toulouse) seine Erlebnisse als Widerstandskämpfer im Frankreich der vierziger Jahre selbst niedergelegt, die der Enkel unter anderem als Quelle nutzt, um die gefährlichsten und gleichzeitig glücklichsten Jahre seines Großvaters nachzuzeichnen. Weshalb der Rückkehrer, der nach dem Krieg als Journalist für die Düsseldorfer KP-Zeitung Die Freiheit tätig war, Anfang der fünfziger Jahre allerdings in die DDR ging und warum er dort mit seiner Familie zwei Jahre unter falschem Namen lebte, gehört zu den Tatsachen, über die in der Familie falsche Vorstellungen herrschen und die deshalb totgeschwiegen werden.Annette Leo, Gerhards Tochter und im Buch nur Anne genannt, jedenfalls wächst in eine Familie hinein, in der die DDR selbstverständlich der bessere deutsche Staat ist und für den sie sich schon mit 14 verantwortlich fühlt. Die DDR sei ihre „erste große Liebe“ gewesen, so versucht der Sohn sich ihr nicht ablassen können auch nach dem Mauerfall zu erklären. Dass sie in einer besonderen Familie aufwuchs, jener Minderheit, die in DDR die Macht übernommen hatte und dort dennoch fremd blieb, wird Anne Leo erst bewusst, als sie sich als Jugendliche beispielsweise in der Klasse für ihre Reisefreiheit rechtfertigen muss. Der Sache des Sozialismus verpflichtet, tritt die Journalistin und spätere Historikerin aber auch für die Wahrheit ein; und immer spürt sie eine schützende Hand über sich, die sie vor größerem Ärger bewahrt.Im Unterschied dazu stammt Wolf aus einem ganz anderen DDR-Milieu. Auf den Straßen des Wedding aufgewachsen und entsprechend sozialisiert, landet er aufgrund eines Zufalls in der DDR. Der Vater, der sich kurz nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft in Frankreich scheiden lässt, wird ihm fremd, mit der Mutter lebt er in den typisch kleinbürgerlichen DDR-Verhältnissen, wo man gelernt hat, sich durchzuwursteln. Wolf, erster NVA-Jahrgang, hält zu seinem Staat Distanz, sucht sich Nischen in der Kunstszene, testet die Grenzen „zwischen Anpassung und Widerstand“ aus. Dass er mit Anne „die DDR immer im Bett“ hatte, ist für die Beziehung eine Belastung. Trotzdem bleibt er in der DDR und wird nie wissen, ob die verpasste Flucht ein Fehler war.Mit dem aus großbürgerlichen Verhältnissen stammenden Gerhard Leo, der sein jüdisches Erbe negierte und für den die DDR „sein Land“ war und mit Werner, der als überzeugter junger Nazi nach dem Krieg eine politische Wende vollzog, die ihn als Fahnenträger der SED auf die 1.-Mai-Demonstrationen spülte, ist die spannungsreiche Breite der DDR-Gründergeneration angedeutet. Ihre unverbrüchliche Treue auch im Zweifel – wie im Falle Gerhard Leos, der sich über die negativen Seiten der DDR wohl durchaus im Klaren war – ist das Fundament, auf das der Staat 40 Jahre lang baute. Als diese Treue in der nächsten Generation zu wanken beginnt und in der übernächsten, der des Autors, gar nicht mehr entwickelt wird, ist sein ideologischer Untergang besiegelt.Eine WiderstandsleistungIn Maxim Leos Buch wird diese schwindende Bindungskraft in den präzise verschachtelten Geschichten noch einmal nachvollziehbar. Es ist spannend dort, wo die existenzielle „Fallhöhe“ groß ist, in der Großelterngeneration; es entwickelt einen eigenen Charme, wo es um die Eltern geht, weil der Familienforscher am Ende doch auch der um Dezenz bemühte Sohn bleibt, und es wirkt etwas klischeehaft, wo Maxim selbst zum Protagonisten wird. Im Umfeld von Familien-Heroen Profil zu entwickeln ist schwer, so dass am Ende wohl tatsächlich nur die Rolle des etwas koketten „Familienclowns“ übrig bleibt. Wie furchtbar muss Großvater Leo gelitten haben, als er den Enkel nach Frankreich mitnahm, um ihm von seiner Jugend und vom Widerstandskampf zu erzählen, und dieser nur Augen für die Glitzerwelt des Westens hatte.Für die mittlere Generation, Anne, bleibt Gerhard bis zuletzt „der Strick zum alten Leben“, durch ihn bleibt sie abhängig von einem Staat, von dem sie sich zu emanzipieren versucht, indem sie ihre jüdischen Wurzeln freilegt. Dass jede versuchte Annäherung in einem Zerwürfnis endet, ist wohl die tragische Konsequenz aus der Auflösung des „Traumlandes DDR“, in dem das „Verführerprinzip“, so sagt Wolf, immer da war. Sich ihm zu entziehen, war eine identitätsstiftende Widerstandsleistung, die in der neu gewonnenen Freiheit jeden Sinn verloren hat.