Eine prächtige Torte ist immer gern gesehen. Nicht nur zum Essen, auch zum Protestieren. Unbeliebte Politiker haben dann mehr Torte im Gesicht als ihnen lieb ist. Und die Tortenbäcker einen Heidenspaß. Dabei ist ein gutes Werfen oder Drücken der Torte genauso anspruchsvoll wie deren Herstellung. Deshalb gibt es auch für den Protest ein Rezept: „Der zu tortenden Person das ‚Geschenk‘ präsentieren. Deckel abnehmen und das Opfer in Sicherheit wiegen. In einem überraschen Moment ausholen und Torte platzieren. Ordentlich platzieren und kurz leicht nachdrücken. Anschließend schnell wegrennen.“
Es ist eine der 18 bebilderten Anleitungen, die Vera Warter und Sandra Benz in ihrem neuen Protesthandbuch vorstellen. Die Botschaft: Kre
chaft: Kreative Aktionen sind keine Zauberei, sondern erlernbares Handwerk. Mit wenig Aufwand hohe Aufmerksamkeit erzielen – kein Problem, wenn ein paar Regeln beachtet werden.Die Realität sieht heute leider anders aus: Langweilige Latschdemos, zum Ritual verkommene Blockaden, die tausendste Unterschriftensammlung, die nach der Übergabe doch bloß im Müll landet – solche Aktionen sind immer noch an der Tagesordnung. Und sie sind auch nicht verkehrt. Obwohl ihre direkte Wirkung meist nicht messbar ist, senden sie zumindest ein Signal nach außen und innen: Es gibt Menschen, die nicht einverstanden sind. Dennoch ist die Schleife an immer wiederkehrenden Aktionen – sagen wir: verbesserungsfähig.Die Kunst des Klatschens18 verschiedene Protestformen, das scheint zunächst nicht viel. Doch wer sich vor Augen führt, wie wenig im herkömmlichen Aktions-Repertoir zu finden ist, stellt fest: Die ein oder andere Bereicherung könnte doch dabei sein. Das Buch selbst will ein „Sammelwerk“ sein, das „eine passende Form des Widerstands für jeden bietet“. Zumindest die allermeisten dürften fündig werden, denn die Palette ist breit gefächert – vom Nein-Sagen über das wilde Plakatieren bis zum Straßentheater. Manche Aktionen funktionieren nur in der Gruppe, andere richten sich an den Einzelnen. Manche benötigen etwas Übung, andere gelingen auf Anhieb.Einfach, aber effektiv ist beispielsweise das Ausklatschen. Dabei werden Vorträge oder Veranstaltungen durch lautes Klatschen behindert oder gar unterbrochen. Der besondere Reiz: Zu Beginn ist den anderen Anwesenden nicht sofort klar, dass eigentlich das Gegenteil von Zustimmung gemeint ist. Eine nette Idee, für die eigentlich keine besondere Anleitung notwendig ist. Auf der anderen Seite sind im Protesthandbuch sehr ausführliche Beschreibungen zu finden – etwa, wie man professionell Banner malt. Am Ende kommt ein perfektes Transparent heraus, tatsächlich kann aber in der Regel auf einige Arbeitsschritte verzichtet werden. „Soll das Banner windfest sein, so ist ein verstärkter Rand mit eingelassenen Stanzösen sowie ein aufgenähtes Dreieck an den Zugstellen hilfreich.“ Wer nicht ohnehin Hobby-Bastler ist, sollte solche Anmerkungen einfach überspringen.Unter den vielen Details finden sich dafür auch Überraschungen für alte Protesthasen. Wer weiß schon, dass sogenannte Spuckis mit Tintenstahldruckern, Aufkleber hingegen mit Laserdruckern hergestellt werden sollten? An solchen Stellen wird klar: Warter und Benz sind fit im Stoff. Gespräche mit Attac-Aktivisten und Internetrecherche haben ihren Teil dazu beigetragen, die meisten Profestformen haben die Autorinnen aber auch im Praxistest ausprobiert.Welche genau, verraten sie nicht – vielleicht aus gutem Grund. Denn viele Protestformen bewegen sich in der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität. Sitzblockaden, Sprayen, Spuckis: Oftmals sollte man sich nicht erwischen lassen oder aber mit den rechtlichen Konsequenzen leben können. Ein Aufruf zu Straftaten findet sich in dem Buch nicht, und doch ist erstaunlich, wie unverhohlen Tipps gegeben werden – beispielsweise zum Sprayen: „Vereinbart vorher einige Codewärter, so dass du unauffällig gewarnt werden kannst, falls Gefahr droht. Wenn Überwachungskameras in der Nähe installiert sind, ziehe einfach eine Kapuze über. Generell solltest du dich zügig bewegen und handeln.“Ausgeklammert wird der Online-Protest. Das ist durchaus legitim, schließlich füllen die zahlreichen Internet-Aktionen inzwischen bereits eigene Bücher. Warter und Benz hingegen argumentieren etwas schwach, in dem Buch würden „keine Widerstandsformen mittels Internet behandelt, da der Fokus auf sozial erlebbaren Aktionen liegen soll“. Wie viele Menschen tummeln sich heutzutage im Social Web? Einige haben gar ihr halbes Leben ins Netz verlagert. Und da soll soziales Erleben nicht möglich sein? Immerhin wird dem Internet eine Mobilisierungsfunktion zugesprochen: Flash-Mobs, also kurzzeitige Menschenaufläufe, „werden über Weblogs, Nachrichtengruppen, E-Mail-Verteiler oder per SMS organisiert“, schreiben die Autorinnen.Reine Online-Aktionen haben einen Nachteil – zumindest im Buch: Sie können nicht so schön illustriert werden. Darunter würde letztlich das gesamte Protesthandbuch leiden, denn es ist mehr als eine Anleitung: Es ist ein kleines Kunstwerk. Entstanden als Diplomarbeit zweier Kommunikationsdesignerinnen.Gegen die LatschendemoNeben den Anleitungen bietet das Handbuch eine kleine Geschichte des Protests – von der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung über die Startbahn West bis zum G8-Gipfel. Nebenbei erfährt man (oder wird daran erinnert), dass eine ganze Reihe deutscher Politiker schon einmal mit Eiern beworfen wurde: Kohl, Schröder, Stoiber, Merkel, Westerwelle .... Weitere könnten folgen. Dabei kann dieses selbst ernannte Handbuch für erfolgreiche Demonstrationen, Attacken und Aktionen hilfreich sein. Beim schnellen Nachschlagen hilft das Stichwortverzeichnis am Ende und für den Wissbegierigen werden die wichtigsten Protestsymbole erklärt: Der rote Stern etwa steht für die Hand des befreiten Menschen in der klassenlosen Gesellschaft. Das Peace-Zeichen zeigt ein N und ein D aus dem internationalen Winkeralphabet der Marine – als Abkürzung für „Nuclear Disarmement“. Woher die Friedenstaube kommt, wird ebenfalls erläutert.Den – auch außergewöhnlichen – Protest gibt es also. Damit drängt sich fast unweigerlich die Frage auf: Warum kranken die Bewegungen immer noch an der eintönigen Protestform-Landschaft? Kommen die Leute nicht auf die Idee, etwas Neues zu probieren? Trauen sie sich nicht? Sind sämtliche Alternativen zur Latschdemo einfach nur in Vergessenheit geraten? Oder ist es das Risiko, das viele abschreckt? Das Risiko, etwas falsch zu machen? Ein Festhalten am Bestehenden? Ein Aktions-Konservatismus?Der Bewegungsforscher Dieter Rucht gibt immerhin zu bedenken, dass es schwer sei, den „Faktor Kreativität ständig am Leben zu halten“. Auf Dauer gebe es einen „Gewöhnungseffekt“, sagt er im Interview, das im Buch abgedruckt ist. Heute ist davon aber nichts zu spüren, originelle Proteste sind noch immer die Ausnahme. Das schadet zwar der Bewegung als ganzer, bietet aber einzelnen Personen die Möglichkeit, mit einer simplen Aktion ungeahnte Aufmerksamkeit zu erfahren – weil deren Protest einzigartig ist.