Man weiß es nicht. Hat Helmut Markwort sich das Titelthema der aktuellen Ausgabe des „modernen Nachrichtenmagazins“ namens Focus selbst ausgedacht? Oder waren es seine beiden Ko-Chefredakteure, die mit einer Geschichte über Die Biologie der Entspannung – die jede Menge prominenter Beispiele bereit hält wie etwa: „Die TV-Moderatorin Michelle Hunziker, 33, tankt neue Kraft am Schaumstrand von Miami Beach“ – ihrem Noch-Kollegen den sicheren Weg in den Chefredakteurs-Ruhestand weisen wollten?
Am 1. Oktober soll Markwort abtreten, um den Focus der Herrschaft von seinem langjährigen Stellvertreteter Uli Baur und dem von Cicero abgeworbenen Wolfram Weimer zu überlassen und dem Blatt nurmehr als Herausgeber beiseite zu stehen. Dass er wirklich geht, daran herrschen seit der ersten Bekanntgabe des Termins Zweifel. Und die wurden auch redlich genährt: Weimer sollte eigentlich erst im Herbst anfangen, kam dann aber schon im Frühjahr als „Entwicklungschef“; allerdings wurde davor noch fix gerelauncht. Das Satire-Magazin Titanic bastelte die passende Fotostrecke: In irgendeiner verrümpelten Kellerkammer sitzt der Zukünftige und wartet vergeblich darauf, dass er endlich auch mal ran darf. Im Juli wurde Weimer plötzlich früher als erwartet Chefredakteur, jedoch ohne dass Markwort sich von dieser Stelle des Impressums gestrichen hätte. So kann sich der Focus jetzt rühmen, die vermutlich einzige Zeitschrift mit einer Dreierspitze zu sein.
Weimer durfte also endlich ran – und wagte sogar etwas: In einer Rede sagte er, „Relevanz! Relevanz! Relevanz!“ werde bald wichtiger sein als „Fakten! Fakten! Fakten!“. Klang gut, wurde aber nicht goutiert: „Da ist Weimer missverstanden worden“, zitierte die Süddeutsche Zeitung Markwort. Dass er sein Baby, das im kommenden Januar 18 Jahre alt wird, nicht aus der Hand geben wolle, bezeichnet der Focus-Vater als „bösartige Darstellungen“.
Der Salon ist eröffnet
Im Juli spielte Markwort erst einmal in Frankfurt Theater, und zwar den „Tod“ in einer hessischen Version von Jedermann. Und so wird die Handschrift des Neuen endlich doch noch kenntlich: „Das Kulturressort von Focus erscheint fortan mit einem deutlich erweiterten Umfang. Das Magazin öffnet sich zugleich prominenten Autoren in einem ‚literarischen Salon‘ für Kurzgeschichten, Gedichte, Reportagen und Kommentare“, lautete die Pressemeldung, mit der die Änderungen von Weimer vorgestellt wurden. Als jene Autoren, denen sich der Focus so gnädig „öffnet“, wurden unter anderem Botho Strauß, Martin Mosebach und Bodo „Kirchhof“ genannt.
Das kommt uns irgendwie bekannt vor? Aber ja: Diese Autoren, mit denen Weimer seinen offenbar weiterhin anhaltenden Traum von der Renaissance der bürgerlichen Intellektualität verwirklichen will, haben bereits in Cicero Kurzgeschichten, Reportagen und Kommentare veröffentlicht. Nun dürfen sie also auch im Focus erzählen, wie sich der Mensch vielleicht doch noch vor der modernen Welt retten ließe.
In der aktuellen Ausgabe hat das Büchnerpreisträger Mosebach übernommen: Inmitten von „sanften Hügeln, Wellungen und Schwellungen – vor zehn Jahren hatten hier noch Kühe geweidet“, ergötzt sich einer am Anblick von ein paar jungen Leuten, die mit ihren Mobiltelefonen beschäftigt sind. Mädchen drehen Löckchen, während sie ihr Apparätchen im Händchen halten, ein Bernward die Gäste empfängt und ein Hans-Jörg das Auto parkt.
Mit den „News to use“, die Markwort einst als Kernkompetenz des Focus ausgab, hat das tatsächlich wenig zu tun. Mit den Fantasien älterer Männer über die Biologie der Entspannung dafür um so mehr.