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Kultur : Jenseits der ISBN-Nummern

Verleger Urs Engeler beschreitet mit seinen „roughbooks“ neue Wege

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Nichts als Verweichlichung, wo man blättert und liest: Die Bücher von heute sind einfach keine harten Kerle mehr. Sie lümmeln auf Coffee Tables herum, spiegeln sich gegenseitig eitel in ihren Hochglanzcovers und lassen sich von den Lesern ihr schickes Äußeres teuer bezahlen. Da wirken die quadratischen, streng schwarz-weißen Bändchen mit rauem Papier, die plötzlich hier und da auftauchen, wie die unrasierten Gäste auf einer glamourösen Cocktail-Party: rebellisch, unerschrocken und deshalb hochinteressant. Sie heißen roughbooks und kommen weder aus Frankfurt noch aus Berlin, sondern aus einem Schweizer 600-Seelen-Dorf namens Holderbank, wo der Verleger Urs Engeler neue Wege des Büchermachens ausheckt.

In den vergangenen 15 Jahren hat Engeler unter dem Label Urs Engeler Editor Bücher von Autoren wie Hilda Doolittle, E. E. Cummings, Maurice Blanchot, Thomas Kapielski – um nur vier der vielen zu nennen – herausgegeben. Ohne selbst auch nur einen Cent daran zu verdienen. Als sein Mäzen im vorigen Jahr die Unterstützung einstellen musste, war damit er erst einmal Schluss. Bis er vor Kurzem beschloss, ein Raubein zu werden.

Sein neuer Weg ist einfach und direkt: Statt einer Backlist gibt es eine „blacklist“, statt halbjährliche Verlagsprogramme zu machen, spart er sich fortan den Weg über den Buchhandel, der bis zu 50 Prozent des Ladenpreises eines Titels einbehält, und vertreibt seine Bücher übers World Wide Web. In kleinen Erstauflagen von 200 Exemplaren kann er dank Digitaldruck so günstig produzieren, dass Verleger und Autor am Buch je 25 Prozent des Verkaufspreises verdienen. Wenn ein roughbook 50 Leser findet, geht für den Verlag die Rechnung auf: Das nächste Buch wird möglich. Damit beweist Urs Engeler, dass die moderne Technik weit mehr zu Stande bringt als nur das Ebook. Ungewöhnlich wache, fein geschliffene und in herrlich schlichtem Layout gesetzte Lyrik nämlich, der ein roughblog zur Seite steht, in dem Verleger und Autoren ihre gemeinsame Herausgeberarbeit weiterspinnen, twittern und das Gedachte und Geschriebene mit Videos und Audiofiles zu poetisch-digitalen Resonanzräumen verlinken.

Wer sind sie nun, diese charmant aufmüpfigen Agenten des rauen Geschmacks? ISBN-Nummern haben die Bändchen nicht mehr, sie werden schlicht durchgezählt: roughbook 000 versammelt Hannah Arendts Liebste Gedichte, 001 unter dem Titel Es lebt! das lyrische Werk des britischen Punkdichters Tim Turnbull. In 002 leistet Michael Stauffer Soforthilfe, in 003 präsentieren Ulf Stolterfoth und seine Studenten am Literaturinstitut Leipzig Cowboylyrik. In Band 004, Für die Philologie, ist Konzentration gefragt, bei 005 schmilzt man mit Christian Filips’ Heißen Fusionen zart auf dem Krisenherd, bis die Sätze aus Nummer 006, Elke Erbs Meins, kleine Einschusslöcher im Herzen hinterlassen.

Die Nummerierung deutet es bereits an: Urs Engelers Bücher sind nicht nur als Einzelstücke, sondern auch im Abonnement zu haben. Bestellbar, natürlich, im Internet unter roughbooks.ch.

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