Das Leben Fidel Castros bietet eine Mischung aus einem überzogenen Abenteuerroman und einer soziologischen Fallstudie. Neben all den Liebesaffären und Guerillakämpfen schwirrt einem beim Lesen von Reinhard Kleists neuer Comic-Biografie Castro stets auch Max Webers Typus des charismatischen Herrschers im Kopf herum. Dessen Anhängerschaft bildet sich weder durch gemeinsame soziale Interessen noch durch dieselbe soziale Herkunft, sondern eben durch das Charisma der Leitfigur. Als die kubanische Revolution noch jung war, hielt Fidel Castro einfach durch seine Präsenz alle auseinander driftenden Lager zusammen: Kommunisten und fortschrittliche Bürgerliche, Sozialromantiker und ideologische Hardliner. Reinhard Kleist zeigt in seinem Comic eindringlich, wie sich Cast
Kultur : Ich bin die Revolution
Nach seiner Biografie über Johnny Cash widmet sich der Comicautor Reinhard Kleist dem Leben Fidel Castros – mit glänzendem Resultat
Von
Waldemar Kesler
ie sich Castros Gefolge in der Frühphase der Revolution um ihn schart, um dann von ihm verbrannt zu werden.Als Kleist vor drei Jahren für sein Reisecomic-Projekt „Havanna“ zum ersten Mal nach Kuba reiste, wollte er eine Position zum kubanischen Modell und zum Máximo Líder finden. Sein Ringen um eine Haltung führte dazu, den deutschen Journalisten Karl im Comic als erzählerische Vermittlungsinstanz auftreten zu lassen. Doch der gibt bereits nach wenigen Seiten zu verstehen, dass er seine journalistischen Neutralitätsprinzipien über Bord wirft, sobald er revolutionäre Luft schnuppern darf. Mit Karl erleben wir das erregende Bewusstsein, Teil eines welthistorischen Ereignisses zu sein, das freilich am Ende in vollkommene Desillusionierung mündet. Aber der Reihe nach.Interviews, die Karl während des Kampfes gegen den Diktator Fulgencio Batista führt, zeichnen vor unseren Augen die Entwicklung Castros zum Revolutionär nach. Als Sohn eines Großgrundbesitzers sieht dieser die tägliche Diskriminierung und Ausbeutung, Erfahrungen, die seinen Gerechtigkeitssinn schärfen. Als Junge zeigt er sich als vorzüglicher Schüler und Sportler, von einer unbändigen Willensstärke getrieben, die ihm den Respekt vor Autoritäten unmöglich macht. Mit dreizehn soll er Plantagenarbeiter zu einem Streik gegen seinen Vater animiert haben. Bereits während der Schulzeit entdeckt er im Schriftsteller José Martí ein Vorbild, das ihm sein Leben lang erhalten bleiben wird. Martí ist und bleibt ein Symbol des kubanischen Kampfes für die eigene Unabhängigkeit.PhrasenschleuderIm ersten Teil von Kleists Comic ist der Mythos Castro deckungsgleich mit dem Mythos der Revolution. Karl wird von dieser Indentifikation vollständig gefangen. Die Heldenverehrung, der er sich ergibt, macht den Band bis dahin stellenweise schwer verdaulich. Doch indem wir sehen, wie er von Fidels Castro geblendet wird, erkennen wir, wie das Charisma wirkt und woher also dessen grenzenlose Selbstüberhöhung kommt.Während sich Castro selbst immer wieder als personifizierter revolutionärer Wille darstellt, setzt Kleist Bilder dagegen, die ihn als Phrasenschleuder entlarven. Am 26. Juli 1953 scheiterte ein von ihm als Harakiri-Kommando durchgeführter Sturm auf eine Kaserne. Castro hatte damit gerechnet, dass die Übermacht der Batista-Truppen wegen der Karnevalsfeiern zu müde für den Kampf sein würde. Neben einer anschließenden öffentlichen Hinrichtung von seinen Mitstreitern durch das Militär sehen wir Castros Satz: „Ich schlage den 26. Juli als Tag unseres Sieges vor.“Wüssten wir nicht, dass Fidel Castro und sein Kuba tatsächlich existieren, hielten wir diese Geschichte für eine brillante Scheherazade. Bei all den irrwitzigen Unternehmen, die Castro zum Máximo Líder werden ließen, scheint es ebenso unwahrscheinlich, dass die Revolution wirklich erfolgen konnte, wie auch, dass Castro bis heute am Leben geblieben ist. Die Castro-Exegese will von über 600 missglückten oder vereitelten Anschlägen auf ihn wissen. Spätestens wenn Reinhard Kleist einige der originellsten cartoonesk aneinanderreiht, sehen wir, dass zwischen der Ikone und dem Cartoonmännchen kein Mensch mehr zu finden ist.Es war ein kluger Griff von Kleist, die Geschichte durch Karl zu erzählen. In seinem Schicksal erschließt sich die Tragik der kubanischen Revolution: Er, der die unmittelbare Nähe zu seinem Idol sucht, erfährt doch bloß ungeheure Entfernung, wird Opfer der Paranoia, die Castro auf dem Höhepunkt seiner Macht verbreitet. Die Distanz zwischen dem kubanischen Volk und seiner Ikone wird zum Prinzip der Erzählung: Wer sich erst einmal mit der Idee der Revolution identifiziert hat, ist blind für die Wirklichkeit und hat keine ebenbürtigen Mitstreiter mehr. So bleibt man dann als Leser auch erstaunlich teilnahmslos bei den Schicksalsschlägen, die Castro erfährt, dem öffentlichen Selbstmords eines väterlichen Mentors etwa.Zeichnerisch und erzählerisch scheint Reinhard Kleist mit Castro nun auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangt. Seine Tuschezeichnungen betonen den Kontrast zwischen Licht und Schatten als Analogie zwischen der historischen Hoffnung und dem gegenwärtigen Elend: der Verfolgung von Homosexuellen, der Mangelverwaltung durch Lebensmittelkarten, der zerstörten Meinungsfreiheit. Und Karl? Er bleibt in Kuba, arm, desillusioniert.