Dem politischen Kino ist das Publikum abhanden gekommen. Ohne Publikum lässt sich aber das „Politische“ nicht denken, es gibt also das politische Kino nicht mehr. Was es stattdessen gibt, sind Dokumentarfilmer, Medienaktivistinnen, Videokünstler, deren Arbeit von politischen Anliegen motiviert ist und die sich frei zwischen dokumentarischen Formen, Experimentalfilm und Aktivismus bewegen. Es mangelt nicht an Filmen und Videos, die Klischees entlarven, Regeln brechen und Wirklichkeiten sichtbarmachen, welche dem dominanten Bildregime widersprechen. Aber sichtbar für wen? Und wessen Klischees, wessen Regeln? Kommen diese „Gegen-Bilder“ dem Bildregime überhaupt nah genug, um ihm in die Parade fahren zu können? Ins Kino kommen sie jedenfalls nic
Kultur : Die Abwesenden und wir
Was könnte politisches Kino heute sein? Gedanken eines Filmkurators im Zeitalter der Nischen
Von
Tobias Hering
nicht mehr.Was eigentlich alle angeht – nichts anderes meint „politisch“ –, findet vor kleinen, meist homogenen Teilöffentlichkeiten statt. In Ausstellungen, Workshops und Themenabenden, auf Kunstbiennalen und Filmfestivals. Nicht nur das Publikum ist auf unzählige Nischen verteilt, auch die Filme und Videos sind in eine Distanz zueinander gerückt, aus der es schwer ist, ein gemeinsames Anliegen zu formulieren. Allenfalls dass ein Kurator einmal ein Nebeneinander inszeniert, aber nicht für die Masse, sondern für ein Publikum, das an solchen Programmen ein spezielles Interesse hat. Der Kurator der Masse ist der Markt.25 statt 50.000Die Masse ist der Aggregatzustand von Politik und sie war von Anfang an das Milieu des Kinos. Dass sie der politischen Filmarbeit verloren geht, ist daher ein elementares Dilemma. Um das Verhältnis zwischen Kunst, Politik und Masse ging es Walter Benjamin in Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Der bürgerlichen Kritik war das Kino wegen seiner Allianz mit der Masse suspekt. Benjamin dagegen lebte auf bei dem Gedanken, Avantgarde und Masse könnten am gleichen Strang ziehen: „Im Kino fallen kritische und genießende Haltung des Publikums zusammen. Und zwar ist der entscheidende Umstand dabei: Nirgends mehr als im Kino erweisen sich die Reaktionen der einzelnen, deren Summe die massive Reaktion des Publikums ausmacht, von vorneherein durch ihre unmittelbar bevorstehende Massierung bedingt. Und indem sie sich kundgeben, kontrollieren sie sich.“ Das Publikum ein wogender Leviathan, der im Begriff stand, das Kino zu verlassen und die Welt zu verändern. Film war ein revolutionäres Medium, darin waren sich alle einig – die ihn verdammten und die ihn feierten.Benjamin war womöglich der letzte, der trotz aller Widersprüche von der „gesellschaftlichen Bedeutung des Films“ tout court schreiben konnte. Gerade in ihrer widersprüchlichen Realität waren Film und Kino authentischer Ausdruck der Zeit. Hätte Benjamin sich, wie die bürgerliche Kritik seiner Zeit, einer distinguierenden Nomenklatur bedient und zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Skandalfilm, Propaganda und Show-Kino unterschieden, so hätte er womöglich die Widersprüche umgangen, aber seine Argumentation um ihren Elan gebracht. Nur indem er das Ganze einforderte, Kino und Masse zusammen dachte, konnte er glaubhaft machen, dass Film nicht nur dann und wann, sondern in all seinen Formen ein Politikum ist.Ganz anders heute. Wir misstrauen dem Massenpublikum, oder genauer: wir misstrauen dem, was sie sich versammeln lässt, also: dem Film. Ein Film, der vor einer Masse „funktioniert“, ist politisch und künstlerisch kompromittiert. Dabei haben wir die Sehnsucht nach der Masse keineswegs aufgegeben. Wenn wir einen Film sehen, bei dem wir spüren, dass er Sehen und Handeln verändern kann, dann wünschen wir uns, er käme groß in die Kinos, wo ihn alle sehen würden, damit sich einmal etwas ändert. Aber die Masse ist davon gelaufen, so denken wir, betreibt Starkult und lässt sich berieseln, anstatt nachzudenken und aktiv zu werden. In den Studiokinos, Galerien und Hochparterres schärfen wir unsere Kritik an Filmen, die die Masse keine fünf Minuten ertragen würde. Denken wir. Aber hat denn wirklich die Masse den politischen Film aufgegeben? Hat nicht vielmehr der politische Film die Masse aufgegeben?Wenn wir das nicht auf uns sitzen lassen wollen, wenn wir darauf bestehen, dass die Abwesenheit der Masse unter uns eine unverheilte Wunde bleibt, dann müssen wir uns eingestehen, dass viele der Orte, die wir dem politischen Film schaffen, Trauerorte sind. Sie sind durchzogen vom Phantomschmerz der Abwesenheit. Es fehlt jemand, in diesem Fall viele. Wir sollten 50.000 sein, sind aber nur 25. Trauerorte sind familiäre Orte; es sind nicht immer Trauerfeiern, die an den Trauerorten stattfinden, es werden dort auch Feste gefeiert, zukünftige Projekte diskutiert und spontane Aktionen geplant.Fäden der KritikIch versuche hier eine Vielzahl disparater Erfahrungen zueinander zu bringen, die ich über die Jahre mit politischer Filmarbeit gemacht habe und die meist alles andere als freudlos waren. Vielleicht ist Trauer daher ein missverständlicher Begriff. Unsere Trauer ist nicht wehleidig, sondern ein ernsthafter und auch aufrichtiger Umgang mit dem Verlust von Utopien, der sich vereinbaren lässt mit dem Glauben, dass sich das Blatt wenden lässt. Aber auch diese Trauer hat ihre Rituale, in unserem Fall Formate und Räume, Sprachen, in denen man redet, und Uhrzeiten, zu denen man sich trifft. So offen und flexibel unsere Treffen sind, so zeichnet sie doch eines aus – würde die Abwesende plötzlich auftauchen, so bliebe sie für uns ein Gespenst. Wir haben uns angewöhnt, über sie zu reden, und haben darüber fast verlernt, mit ihr zu reden. Wie können wir sicher sein, dass die Masse die Sprache unserer Filme versteht?Diese Provokation ist nicht neu und an einigen Filmen und Kritikformaten zielt sie vorbei. Das Dilemma, dass, wenn man den Markt umgeht, man meist auch die Masse verpasst, ist durch die Etablierung von kritischen, nicht-kommerziellen Teilöffentlichkeiten nicht gelöst. Diese sind Ausdruck einer Krise der Kritik und sie können zu deren Bewältigung nur beitragen, solange in ihnen ein Stachel spürbar ist. Denn auf Dauer macht es nicht satt, Politik im kleinen Kreis zu diskutieren. Politische Filme sind stets umgeben von den Gespenstern der Abwesenden, die sie nicht zu sehen bekommen.Wenn es politischen Filmen und der Arbeit mit ihnen gelingt, die Abwesenden an den Tisch zu holen, dann wird das Reden weniger traurig und die Feste haben ein offenes Ende. Im Kino des Thailänders Apichatpong Weerasethakul etwa sitzen die Abwesenden immer mit am Tisch (in seinem letzten Film Uncle Boonmee werden sie sogar sichtbar). Das Berliner Künstlerduo bankleer gibt uns in seinen Videos mit dem Zombie eine Maske in die Hand, hinter der wir unsere eigene Abwesenheit in den Kalkülen der Macht durchspielen können. Viele politische Filme und Videos betreiben derzeit eine Archäologie enttäuschter Utopien. Wenn sie gut sind, dann tun sie das nicht aus Nostalgie, sondern weil sie wissen, dass man in einer Welt, mit der man sich nicht abfinden kann, den Siegern misstrauen sollte. Filme über die Opfer von unsichtbaren Kriegen. Zeugendokumente von widerständigen Bauern, die von ihrem Land vertrieben wurden. Oder Filme wie die von Joanne Richardson über ein post-kommunistisches Europa, in dem die jüngste Vergangenheit bereits im Museum steht, während eine neue Identität aus Feudalkitsch, Euroshopping und ethnischem Branding zusammen genagelt wird. Die Abwesenheit, die entsteht, wenn man die Leere nicht aushält.Wenn wir diese Filme neben die von Jean-Luc Godard, Chris Marker und Christoph Schlingensief stellen, wenn wir das anti-koloniale „Third Cinema“ von neuem entdecken, die Agit-Prop-Filme der russischen Avantgarde oder die Arbeiten von Lesbenkollektiven aus den achtziger Jahren, dann geht es darum, Fäden der Kritik nicht abreißen zu lassen. Es geht auch hier darum, viele zu sein und nicht nur 25. Kino kann das, denn es ist nicht nur ein Medium, das uns hier und jetzt versammelt, sondern auch eine Form, die Abwesenden zu Wort kommen zu lassen.