Wenn es darum geht, das Wissen in die Welt zu tragen, schlägt die Stunde der Erklärbären: Meist treten sie im Fernsehen auf, wo sie „komplexe“ Zusammenhänge „anschaulich“ darstellen, ganz spielerisch, mit Mitteln, die im Zweifel jeder Haushalt vorrätig hat. Der Erklärbär macht Wissen möglich. Für alle. Wir leben ja auch in einer Wissensgesellschaft.
Aus gegebenem Anlass hat die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am Rande dieser heilen Welt nun aber einen Graben entdeckt: Der Vorzeige-Erklärbär des Westdeutschen Rundfunks, Ranga Yogeshwar, mutierte nämlich im Zuge des sich entfaltenden atomaren Katastrophe in Fukushima vom „Bastelonkel“ (synonym für Erklärbär) zum kompetenten Ex
etenten Experten. Zu einem Experten, dem man ob seines sonst trivialen Treibens gar keine Kompetenz zugetraut hätte. Statt in Wissen vor 8 oder in seinen ähnlich veranlagten Büchern die Herkunft des Pfirsich Melba und die Aufnahmekapazität moderner Babywindeln zu erläutern, schilderte Yogeshwar jetzt im ARD-Akut-Magazin Brennpunkt die Tücken eines nuklearen Reaktors – mithilfe von Textmarker (Brennstab), Wasserglas (Reaktorgefäß) und Flaschenkühler (Reaktorhülle, aka „containment“). Am Sonntag nach dem Beben saß Erklärbär Yogeshwar dann auch noch bei Anne Will und nahm nicht mehr nur das Wasserglas in die Hand, sondern streckenweise auch die Diskussionsführung. Als Diplomphysiker hat der Luxemburger nämlich eine wissenschaftlich fundierte Meinung zur Atomkraft, und die heißt – stark vereinfacht – nein danke.Quadratur des TaschentuchsEs stellt sich also die Frage, wie jemand, der offenbar sehr dezidierte Ansichten zur Problematik moderner Technologien pflegt, der Einblick hat in das mysteriöse System Wissenschaft, seinen Lebensunterhalt lieber mit Partywissen über die Quadratur des Taschentuchs verdient, anstatt mehr von dem zu bieten, was er jetzt geboten hat? Die Frage ist keineswegs damit beantwortet, dass Wissensvermittler vom Typ Yogeshwar schlicht eine diffuse Sehnsucht ihrer Rezipienten nach der „Erklärbarkeit der Welt“ stillen. Eine Sehnsucht, wie die FAS mutmaßt, die sich je nach Bedarfslage auf Softeis ebenso bezieht wie auf die Architektur atomarer Meiler, und die mithin die Ursache dafür ist, dass sich die Wissenschaftskommunikation in unserer windelweichen Medienwelt meistens auf die Vermittlung der Softeiskomponente beschränkt. Was nichts anderes bedeutet als: Die Leute wollen es nicht anders.Man kann das plausibel finden, aber wer hier stehen bleibt, ist nicht sehr weit gekommen. Denn erstens zieht sich der Graben zwischen harmlosem Erklärbärentum und kritischer Kompetenz durch die Geschichte der Wissenschaftskommunikation. Und zweitens ist dieser Graben weniger dem öffentlichen Desinteresse geschuldet, als mehr die Folge eines Jahrzehnte alten Bruchs zwischen Gesellschaft und Wissenschaft. Einer Wissenschaft, die wie von selbst bedrohliche Technologien hervorbringt, ohne das der Allgemeinheit vorher zu kommunizieren oder sie zu fragen. Die Atomkraft ist dafür nicht ein, sondern das beste Beispiel. An ihr öffnete sich jener tiefe Spalt, der die inhärente Neugier des Menschen, die Sehnsucht nach Erklärbarkeit, bis heute von dem Bewusstsein trennt, selbst Teil der sogenannten Wissensgesellschaft zu sein, die Technologien nicht nur empfängt, sondern auch produziert.1958 brachte Walt Disney Our Friend, the Atom heraus, einen vermeintlich für Kinder gemachten Film, der im Auftrag der US-Regierung die friedliche Nutzung der Kernenergie propagierte. Autor und Protagonist dieses heillosen Werbestreifens war der deutsche Physiker Heinz Haber, der in den Nachwehen der Operation Paperclip (mit der 1945 deutsches Wissen genutzt werden sollte) aus Deutschland in die Staaten emigriert war und sich nicht nur als Raumfahrtforscher bewährt hatte – er trug maßgeblich zur Entwicklung des Weltraumanzugs und des Parabelflugs für die Nasa bei. Nein, Haber zeigte sich darüber hinaus als einfallsreicher Popularisierer wissenschaftlicher Zusammenhänge und bediente sich schon sämtlicher Elemente, aus der die Wissenschaftskommunikation im Fernsehen noch heute gezimmert wird.Zum einen: Mystifizierung. Haber packte die von Hiroshima und Nagasaki besudelte Geschichte der Nuklearenergie einfach in ein Märchen aus 1001 Nacht. Der Fischer findet da am Strand eine Flasche, in der ein Dschinn wohnt – ein (ausgerechnet) der arabischen Mythologie entlehnter Geist, der aus einer geheimniswollen Parallelwelt stammt und im Film nun wie Pandora aus der Büchse schießt, als der Fischer die Flasche öffnet. Element zwei ist die Bedrohung. Denn der Dschinn ist nichts anderes als das düstere Sinnbild der Bombe und als solcher macht er dem Fischer Angst. Doch zum Glück sind Märchen dazu da, gut auszugehen, und auf legendäre Weise erklärt der Physiker Haber dem Zuschauer nun anhand von Mausefallen und Ping-Pong-Bällen, wie man aus dem bösen Dschinn einen guten machen kann. Jede ausgelöste Mausefalle lässt zwei Bälle hochschnellen, die beide jeweils eine weitere Mausfalle mit zwei Ping-Pong-Bällen auslösen, was zu einer Kettenreaktion führt, die Haber mit einem Meer von klackenden Fallen und chaotisch hüpfenden Kugeln im Studio nachstellt und dann per Zeitlupe so verlangsamt, dass sich der wilde Wirrwarr in einen anmutigen Reigen schwebender Objekte verwandelt.Der Bruch war längst daVoilà, der Fischer wird also ein glücklicher Mann, denn er hat den Dschinn gezähmt, ihn in einen niemals versiegenden Quell von Energie verwandelt, dessen gefährliche Gemeinsamkeiten mit nuklearen Waffen in Disneys Streifen komplett ausgeblendet werden – und ausgeblendet werden mussten. Der Bruch zwischen wissenschaftlich generierter Technologie und Gesellschaft war durch das Manhatten Projekt (geheime Entwicklung der A-Bombe), das Trinity-Experiment (erste Zündung) und den Abwurf der Bomben über Japan vollzogen. Einen ernsthaften Versuch, ihn durch eine andere Art der Kommunikation zu reparieren, hätten weder das politische System noch die verstörte Gesellschaft vertragen.Das ist heute leider kaum anders. Allerdings liegen Öffentlichkeit und Wissenschaft als Technologielieferant mittlerweile dermaßen weit auseinander, dass eine erhellendere Form der Popularisierung ohnehin kaum noch Chancen hat. Wer nicht selbst Teil des wissenschaftlichen Systems ist oder als Vermittler einfach hinzugezählt wird – bezeichnenderweise sieht Yogeshwar sich jetzt dem Vorwurf ausgesetzt, ein Atomkraftlobbyist zu sein –, betrachtet sich als Außenstehender und wartet argwöhnisch ab, welchen Flaschengeist der fremde Apparat als nächstes ausspuckt. Trotzdem versiegt das Bedürfnis nach Verstehen und nach Wissen natürlich nie. Wie die Handseife funktioniert, warum die Socken in der Waschmaschine im Bettbezug verschwinden und weshalb es Jahreszeiten gibt, das möchte fast jeder wissen. Im Unterschied zur Wissenschaft berührt dieses Wissen aber gerade mal den Radius des Alltags. Auch die vielbesungene Renaissance der Wissensformate im Fernsehen vor wenigen Jahren zeigt nichts anderes als das: Wissen macht „ah!“, aber Wissenschaft bereitet wahrscheinlich eher Bauchschmerzen, weil sie nicht so leicht zu konsumieren ist und eine Verantwortung mit sich bringt, derer man sich nicht mehr mächtig fühlt. Also wird sie ausgespart, bis sie neue Technologien hervorbringt und den Kriterien Bedrohung und Mystifizierung genügt, um von Galileo, Planetopia oder anderen Formaten aufgegriffen zu werden.Die anschauliche Reduktion war und ist dabei gar nicht das Problem, sondern ist, ganz luhmannmäßig, eher die Lösung: Die Wissenschaft selbst muss ja vereinfachen, bevor sie Komplexität erschaffen kann. Habers Idee mit den Ping-Pong-Bällen war gut. So gut, dass sie später oft kopiert wurde, nicht zuletzt, als es in der Sendung mit der Maus darum ging, das Prinzip der Kettenreaktion zu erklären. Was dieser Art der Kommunikation jedoch fehlt, ist die Verknüpfung mit der wissenschaftlichen Realität, ist der Schritt über den Graben. Dass er schwierig ist, steht fest. Dass er gelingen kann, hat vor gut 30 Jahren Carl Sagan bewiesen. Seine TV-Serie Cosmos war ein poetisches und subtil politisches Erklärbär-Meisterwerk, keine Flucht, keine Mystifikation. Es schloss den Graben, indem es zeigte, dass Wissenschaft zutiefst menschlich und jedem zugänglich ist – aber vor Hybris gerade deshalb nicht sicher.Wir sehen jetzt, wie Recht er hatte.