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Kultur : Aküfi im Wörterbuch

Jetzt fehlt nur noch die Aufnahme des ♥ in das altehrwürdige Oxford English Dictionary: Was die Adelung der Kürze uns über Sittengeschichte verrät

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Gleich nach dem allgegenwärtigen Untergang des Abendlands in all seinen Facetten ist die Sprach­pflege der Deutschen liebstes Hobby. Kaum ein Monat vergeht, in dem man nicht irgendwo liest, dass wieder einmal jemand als Sprachverhunzer ausgezeichnet wurde. Die Deutsche Bahn möge bitteschön ihre Anglizismen beseitigen. Politiker wie Kulturschaffende setzen sich für eine Deutschquote ein. Eine neue Rechtschreibung kann in Deutschland einen Kulturkampf mittlerer Größe auslösen.

Dass Sprache ein komplexes, sich in Bewegung befindliches System ist, welches zu allen Zeiten Veränderungen und Moden unterworfen ist, bleibt eine un­populäre Wahrheit im Boulevard ebenso wie über den Stammtischen, unabhängig vom politischen Lager. Am Unbehagen darüber, dass Sprache sich in dauerndem Fluss befindet und mithin nicht per Dekret kontrollierbar ist, ändert auch der Umstand nichts, dass die moderne Linguistik schon lange die normierende Sprachbetrachtung über den Haufen geworfen hat. Sprachwissenschaft beschreibt heutzutage das Material, das sie vorfindet, enthält sich jedoch der Normierung. Ein Sonderfall sind Wörter­bücher. Sie bedeuten Standardisierung; jedoch selbst diese können bis mitunter den beschreibenden Charakter bewahren.

Ausgerechnet im altehrwürdigen Oxford English Dictionary, dem definitive record of the English language, habe es hier nun, so war unlängst der Presse zu entnehmen, eine kleine Revolution gegeben: Neben Akronymen des Internet­zeitalters (FYI, LOL, OMG – for your information, lots of laughing und oh my god) habe nun erstmals ein reines Symbol Aufnahme gefunden: ♥ bekannt auf T-Shirt, Aufkleber und Face­book.

Der Umstand, dass Akronyme ins OED (!) aufgenommen wurden, ist zunächst recht unspektakulär, schließlich sind diese allgegenwärtig. FYI ist im englischen Schriftverkehr ebenso spektakulär wie z. K. im deutschen. Warum also die Aufregung? Vielleicht ist es der Umstand, dass die Alltäglichkeit und die Banalität einzelner Phrasen durch die Aufnahme ins OED geadelt wurde? LOL und OMG – sind das wirklich wir? Ist es das, was wir zur Sprache im 21. Jahrhundert beizutragen haben? OMG! Nicht gerade zum lollen, wenn das so wäre. Jedoch hat diese Angelegenheit auch eine sittengeschichtliche Seite. Warum, so fragt man sich, ausgerechnet OMG? OMG ist im Englischen kaum häufiger als das deutlich derbere OMFG (oh my fucking god). War das OED zu PC (politically correct) für das FLW (four letter word)? Ein letztes Aufbäumen englischer Prüderie? YGBSM (you gotta be shitting me)! Wie weit sollte der im Wörterbuch verzeichnete Aküfi (Abkürzungsfimmel) überhaupt gehen? YAA (yet another acronym), stöhnt so mancher ja schon jetzt!

Wie steht es nun aber um das ♥? Bedauerlicherweise eine Ente, was übrigens ebenfalls ein Akronym ist. In Wahrheit hat das OED lediglich den Eintrag to heart (herzen) um die Facette to love erweitert. Schade eigentlich, wenn man bedenkt, wie wichtig nicht-buchstabenhafte Symbole in unserer alltäglichen Kommunikation geworden sind. Piktogramme, Symbole mit hoher Informationsdichte, finden sich praktisch überall: Sie sind der Schlüssel zu effektiver Kommunikation in einer vielsprachigen, schnellen Welt. Eines jedoch sind sie nicht: Wörter. Insofern wird man es dem OED wohl nachsehen, wenn es doch „nur“ die Umschrift des Herzsymbols aufzunehmen bereit war.

Peter Kruschwitz lehrt klassische Altertumswissenschaft an der University of Reading

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