Peter Kurzeck galt als der Anwärter auf den Büchner-Preis 2011. Den Fans erklärt sich der späte Ruhm von selbst. Allen anderen seien hier ein paar Gründe genannt
Die Nostalgie gehört zu Unrecht zu den etwas verpönten ästhetischen Stimmungen. Dabei ist es so schön: Da liegt der Geruch von Sonnenmilch in der Luft und schon hört man das Klicken vom Drehkreuz im Schwimmbad wieder, nachdem man die Münzen eingeworfen hat, danach die Schritte der Flip-Flops, von rechts immer der köstliche Pommesduft vom Kiosk. Unsere Erinnerung bleibt oft hinter unserem Sehnen zurück. Doch manchmal setzt sie die Fragmente unseres Lebens kurz in Szene, ganz unverhofft, in Farbe und sogar mit Ton.
Peter Kurzeck – so scheint es – hat den Code für ein Erinnerungs-Epos gefunden, wenn er von den Sommern seiner Kindheit erzählt. Es sind die fünfziger Jahre in der Provinz, und wer dort aufgewachsen ist, fühlt
ühlt sich beim Zuhören bald ganz intensiv zu Hause. Kurzeck erzählt vom Leben auf dem Dorf, von den Bauern, dem Schuster, dem Metzger, dem Bürgermeister, so wie er ihnen als kleiner Junge begegnet ist. Und vom Sommer. Da sind die Maikäfer, die den Sommer ankündigen, dann endlich die Schwalben, die Regentropfen, die erst langsam fallen und dann übergehen in einen warmen Sommerregen. Kurzeck erzählt vom Heuwagen, der über mürrische Schotterstraßen fährt – das Kind schaut in den Himmel – und vom Fernweh beim Hören des Zugsignals, von der riesigen Vorfreude auf etwas, das da kommt, die Schulferien vielleicht, der erste Kinobesuch.Die leeren Seiten der KladdeFast fünf Stunden lang rekonstruiert der 1943 in Böhmen geborene Autor in Ein Sommer, der bleibt das mäandernde Leben in seinem Heimatort Staufenberg. Das Hörbuch wurde ohne Manuskript eingesprochen, nur ein paar Stichworte des Verlegers Klaus Sander, der die Episoden auch sanft angeordnet hat. An dieser mündlichen Chronik, die bis in die siebziger Jahre reicht, beeindruckt besonders, dass sie ein reines Erzählen perfekt inszeniert. Kurzecks Erzählkunst, seine hessisch gefärbte, melodische Stimme und die moderne Postproduktion rufen ein Zeitbild zurück, an das wir uns von tiefstem Herzen selbst dann noch erinnern, wenn wir ja gar nicht dabei waren. Aber irgendetwas von uns ist eben doch dabei und stimmt uns nostalgisch.Das Leben verändert sich in den Jahren, von denen Kurzeck erzählt, rasant; das so genannte Wirtschaftswunder: Supermärkte sprießen aus dem Boden und verderben den Dorfcharakter. Das glückliche Dämmerlicht verschwindet, weil alles neurotisch ausgeleuchtet wird, und auch die Stille der Kindheit verschwindet, weil der Fortschritt eben Lärm macht. Und auch die Autobahn, die Peter Kurzeck beklagt, ist längst im Bild vom Kind, war damals schon entfernte schnelle Straße an einen unbekannten Sehnsuchtsort. Die Nostalgie – oder vielleicht sollte man besser sagen: die Wehmut – ist also Peter Kurzecks Gegenstand. Da ist der Kulturpessimismus ja nicht weit, aber zum Glück verfällt er ihm nicht, stets ist da ein lakonischer, dokumentarischer Oberton bei Peter Kurzeck. Gut so, sonst würde man vom Zuhören dann doch zu schnell betrunken.Wie jeder gute Erzähler spielt auch Kurzeck mit dem Anekdotischen. In Da fährt mein Zug spazieren wir mit ihm durch eine dieser typischen Kurzeck-Anekdoten, die an sich nicht der Rede wert wären, würden sie nicht genau jene Prise Spannung erzeugen, die sein ruhiges und detailgenaues Erzählen nicht onkelhaft, sondern groovy erscheinen lassen. Der Erzähler will in die französische Provence fahren, seit Jahren lebt und schreibt er zeitweise in Frankfurt am Main oder in Uzès. Genau diese Route hat er schon zigfach unternommen und immer auch den Zwischenstopp in Straßburg eingelegt, um dann den Nachtzug zu nehmen. Rechtzeitig am Bahnhof, geschieht das Undenkbare. Kurz vor Abpfiff steigt er gänzlich grundlos aus dem Zug, und dieser fährt samt Gepäck – einem neuen bedeutungsschweren Kaschmirmantel und anderen Dingen von höchstem ideellem Wert – davon. Im Zug sitzt der selbstvergessene Flaneur und Alltagsphilosoph, am Schalter steht kopflos ein Mann in existenzieller Not, der wie ein Kind Nasenbluten bekommt.Das ist nicht nur tragisch und komisch. Wie oft haben wir uns selbst vorgenommen, in einer Reisekladde die Eindrücke aufzuschreiben und über die Freiheit zu räsonieren, die man nur auf Reisen erfährt. Wir haben es nicht getan. Peter Kurzeck dagegen scheint unbeirrt mit einem Notizbuch von Moleskine durchs Leben zu gehen. So entfaltet er über den leeren Seiten seiner (und unserer) Kladde das ganze Panorama des Reisens, wie es einmal gewesen ist, wie es vielleicht in einer abendlichen Zugfahrt über Land noch einmal sein kann, und erzählt vom Glück des Alleinseins, von den Dingen und ihrem Wert und der tiefen Seligkeit, die ein Unglücksvogel erfährt, wenn er dann spät nachts in der Badewanne eines Hotelzimmers liegt.Literarisches MaterialDas Leben ist schön, man muss es sich öfter sagen, immer wieder sagen, es ist Peter Kurzecks unerhörte Philosophie und vielleicht ist sie dem Flüchtlingskind in die Wiege gelegt. Das Berührende an seinen Erzählungen ist eben auch diese unzeitgemäße Liebeserklärung an das Leben, eine spontane und kindische Lebensfreude, die ohne Kurzecks lustige Selbstironie und kluge Beobachtungsgabe weltfremd und kitschig wäre.So wie bei Robert Walser ist auch dieser Erzähler eigentlich ein „Kranker“, denn nur eine Krankheit erlaubt dem modernen Menschen diesen vermeintlich naiven Blick aufs Leben. Peter Kurzeck macht die Erfahrung und kommt mit dem Leben davon, ganze drei Mal, wie er in Mein wildes Herz berichtet. Unser Held befindet sich also zwischen den Lesereisen zur Ruhe und zum Schreiben in seiner Wohnung in Frankreich. Es ist Januar, hier erhellt schon eine milde Brise die Seele, doch liegt auch nervöse Stimmung in der Luft. Die (für den Vermieter harmlose) tropfende Decke im Badezimmer lässt dem Deutschen naturgemäß keine Ruhe, dazu die immer wieder aufgeschobene Steuererklärung und der strenge Tagesplan. Was erst noch gepflegte Hektik war, entwickelt sich zu einer ungebremsten Rastlosigkeit, sich an alles zu erinnern, alles aufschreiben zu müssen und ständig zu denken, dass nicht genügend Zeit für alles bleibt, der Tagesplan! Und dann dieses: Auf der versessenen Suche nach einem im Bücherregal verschollenen Reclamheftchen über Rembrandt kippt er um. Wohl eine Art Schlaganfall. Der Autor muss sofort nach Deutschland reisen, die Aufnahmen seines Herzens im braunen Umschlag dabei, Ärzte konsultieren, sich in das System Krankheit einfügen.Wie alles in seinem Leben ist jetzt auch das kranke Herz literarisches Material für den Erzähler Kurzeck, der sich sein Leben offenbar nach der Erzählbarkeit zurechtlegt, was dann umgekehrt dazu führt, dass den Zuhörer in einigen Passagen das Gesuchte und Konstruierte dieses manischen Erzählens auch stört. Aber Kurzeck sagt ja selbst, dass er von „vornherein so lebt, dass man weiß, man wird sich später daran erinnern“. Nur eines würden wir diesem Erinnerungsvirtuosen nicht verzeihen: Wenn seine Geschichten erfunden wären. Kurzeck ist kein Schriftsteller der Fiktion, sondern einer der Autobiografie. Dabei ist es schon so, dass auch der Erzähler Kurzeck mit dem Märchenerzähler die Formel des „Es war einmal“ teilt – aber es ist das Märchen unserer eigenen, kollektiven und singulären Vergangenheit, das er uns da erzählt. Anders kann es nicht sein. So wie ich mir ganz sicher bin, den entspannt angespannt dreinschauenden Mann am kleinen runden Tisch des Bistros hier von irgendwoher zu kennen. Vielleicht von ganz früher.