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Ein Jahr nach seiner Frau Sibylle Bergemann ist der Fotograf und Lehrmeister Arno Fischer gestorben. Thomas Knauf erinnert sich an den ersten und letzten Bohémien Ostberlins

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Zur Fotografie kam der geborene Preuße über die Bildhauerei. Nach Stalins Tod 1953 tauschte er die hohe Schule der Gipsköpfe gegen das verachtete Handwerk des Fotolaboranten und machte rasch als Lehrer für Fotografie im akademischen Überbau der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Karriere. Obwohl Arno, wie seine Studenten den hemdsärmeligen Arbeiterjungen aus Wedding anredeten, sich als rasender Bildreporter und politisch-standhafter Dokumentarist der Berliner Frontstadt im Kalten Krieg einen Namen gemacht hatte, nach dem Mauerbau die im Neuen Deutschland eingeschlossenen mit Fotobüchern über die Welt dahinter tröstete, auch starke Bilder und Texte übers eigene Land lieferte und Mitte der sechziger Jahre zum F. C. Gundlach der DDR-Modefotografie avancierte, blieb seine Lehrtätigkeit Passion und Berufung. Da er keinen Gedanken ans Abhauen verschwendete, warf er denen, die das Laufen vor Honeckers Kulturfeindlichkeit kriegten, Verrat an den Dagebliebenen vor. Trotzdem schaute er ohne ideologisch getönten Blick auf das Land seiner Wahl, blieb ein Verfechter der fotografischen Wahrheit – auch als diese im Zeichen von Glasnost sich immer mehr verfinsterte.

Anfang der achtziger Jahre hatte Fischer sich mit seiner Frau, der im letzten Jahr verstorbenen Fotografin Sibylle Bergemann, den beiden Hunden und seinen geliebten Singvögeln aufs Land zurückgezogen, um dort einen Garten Eden im verlorenen Arbeiterparadies zu pflanzen. In seiner Altberliner Wohnung am Schiffbauerdamm, wo die S-Bahn zum Bahnhof Zoo mitten durch die Küche fuhr, unterrichtete er bis 1990 seine Studenten im Sehen und Verstehen des Mediums Fotografie. Sie lagen bis tief in die Nacht ausgestreckt auf dem Plüschsofa, auf dem Henri Cartier-Bresson und Helmut Newton gesessen hatten, während Professor Arno umgeben von Fotos, Westbüchern und -schallplatten auf dem Boden hockend dozierte. Ich verbrachte hier einige Nächte allein mit den Hunden und Vögeln und überspielte Platten von New Yorker Avantgarde-Musikern, die der Dauerreisekader von dort mitgebracht hatte.

Einmal geriet er am Broadway in einen Banküberfall mit Geiselnahme und Toten. Darüber sprach er unaufgeregt, mit leiser Stimme wie John Cage zu den Vögeln. Als er eines Nachts mit einer schmutzigen Baseballmütze aus Westberlin kam, die er nach einer Razzia auf dem Bahnhof Zoo gefunden hatte und nach der Wäsche eine im Schirm eingenähte, harte, weiße Substanz, die nach Heroin aussah, entdeckte, amüsierte er sich köstlich, dass die Genossen Grenzer im "Tränenpalast" den verbotenen Stoff nicht entdeckt hatten.

Späte Polaroids

Er war der erste und letzte Bohémien Ostberlins, nicht so selbstverliebt wie Hanns Eisler und nicht halb so neurotisch wie Brecht. Aber ein Mann, der Mitarbeiter um sich zu scharen verstand und die Bewunderung genoss. Kritik an seinen einträglichen Staatsaufträgen wie den Stahlstelen mit den Fotonegativen der Geschichte der Arbeiterklasse, die als EDV-Lochstreifen des Marx'schen Satzes „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ unlesbar anschaulich waren, ließ er nicht gelten. Die sündhaft teure Installation war nie eine Touristenattraktion, sollte es wohl auch nicht sein, sondern den Atomkrieg überdauern für die Nachgeborenen der Außerirdischen. Heute stehen die Stelen versteckt unter Bäumen am Marx-Engels-Denkmal in Berlin, weil nicht mal das Museum für Deutsche Geschichte sie haben will.

Das Ende der DDR war für Fischer kein neuer Anfang. Er verlor sein legendäres Kunstdomizil am Schiffbauerdamm, beklagte sich bitter, dass eine seiner Schülerinnen den Lehrstuhl für künstlerische Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bekam, während man ihm nur eine Stelle an der Fachhochschule Dortmund anbot. Dank der Kuratoren T. O. Immisch und Ulli Domröse wurde sein fotografisches Werk auch im Westen entdeckt. Die späten Polaroids von seinem Garten inspirierten etliche Studenten der Ostkreuzschule, wo Arno bis zuletzt seine Rolle als Menschenfischer und kühler Dampfplauderer der Fotografie mit Bravour spielte.

Am 13. September ist Arno Fischer im Alter von 84 Jahren gestorben. Thomas Martin (gemeinsam mit Hannes Gieseler) verdanken wir den einzigen Dokumentarfilm über den Fotografen, in dem er trotz Krebserkrankung als nimmermüder Bildmacher in der bewegten Kunst brilliert.

Der Drehbuchautor Thomas Knauf hat in diesem Jahr Erinnerungen an sein eigenes Leben vorgelegt: Babelsberg-Storys. Erlebnisse eines Drehbuchautors in Ost und West, Alexander Verlag.

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