Der Tatort ist das Lagerfeuer, um das sich die deutsche Gesellschaft jeden Sonntag versammelt. In ihm werden Geschichten erzählt, die der Beruhigung dienen, auch weil darin eine gesellschaftliche Diskussion häufig eher simuliert als organisiert wird. Den Rahmen dafür bildet ein Genre mit Tradition: der Kriminalfilm. Zwar steht an dessen Anfang ein Kapitalverbrechen, der Mord. Aber das, was der Tatort vor allen Dingen zeigt, ist eine Form der Aufklärung, die auf die Wiederherstellung von Ordnung ausgerichtet ist. Am Ende wird der Mörder identifiziert und die Moral ist neu justiert.
Der Vorteil des Formats besteht darin, dass innerhalb des immergleichen Rahmens Bewegung möglich ist. Die Kommissare an den verschiedenen, über das ganze Bundesgebiet nach Logik
nze Bundesgebiet nach Logik des ARD-Föderalismus verteilten Schauplätzen kehren wieder. Das verspricht Kontinuität und erlaubt Abwechslung: Bei jedem Mal können sich die Ermittler in neue Milieus begeben, und jedes Milieu, das sie erschließen, wird am Ende befriedet sein durch die staatliche Intervention, die Überführung der Schuldigen.Der Tatort ist also ein massenmediales Dispositiv, eine Brille, durch die die Zuschauer auf die Gesellschaft schauen, in der sie leben und mit dem sie sich darüber verständigen, welche Werte und Normen dabei gelten sollten. Und deshalb konnte die Karte, die sich am vergangenen Wochenende aus mehreren, disparaten, realen Tatorten einer 13 Jahre dauernden Verbrechensgeschichte zeichnen ließ, zu einer Irritation zwischen Fiktion und Realität führen – weil unter ihr jene Deutschlandkarte lag, auf der man als Zuschauer die einzelnen Dienststellen des Tatort verortet.Jagd nach PhantomenVon dem Banküberfall in Eisenach und der Selbsttötung der beiden Räuber in einem Wohnmobil ließ sich eine Verbindung zur Explosion eines Wohnhauses in Zwickau ziehen. Dort hatten die Räuber, Uwe M. und Uwe B., mit Beate Z. gelebt. Gemeinsam bildeten die drei Neonazis eine Gruppierung namens „Nationalsozialistischer Untergrund“, die, wie nun öffentlich wurde, eine mörderische und räuberische Spur durch das ganze Land gezogen haben.Erst wurden in dem Eisenacher Wohnmobil Waffen und Handschellen gefunden, die eine Täterschaft beim Heilbronner Polizistenmord von 2007 belegten. Der Mord an einer – ebenfalls aus Thüringen stammenden – Polizistin hatte zuvor ein merkwürdiges Kapitel in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte geschrieben. Als „Heilbronner Phantom“ hatte die Polizei nach einer unbekannten weiblichen Person gesucht, deren DNA-Spuren an 40 Tatorten in Deutschland, Österreich und Frankreich identifiziert werden konnten. Im März 2009 mussten die Ermittler einräumen, dass es sich bei dieser Frau um eine unbescholtene Verpackerin jener Wattestäbchen handelte, die – mit dem Genmaterial der Frau verunreinigt – an den jeweiligen Verbrechensschauplätzen zur Spurensicherung zum Einsatz gekommen waren.In dem zerstörten Haus in Zwickau wiederum wurde eine weitere Waffe gefunden, mit der acht Männer türkischer Herkunft und ein griechischstämmiger Mann zwischen 2000 und 2006 ermordet worden waren. Auch diese Verbrechensserie hatte ein Eigenleben in der Fantasie von Ermittlern und Medien hinter sich – der Fall firmierte unter dem Begriff der „Döner-Morde“, die zuständige Sonderkommission nannte sich „Bosporus“, und das ZDF hatte eine Dokumentation darüber mit Jagd auf das Phantom betitelt.Paulchen Panther Bezeichnungen wie „Döner-Morde“ oder „Bosporus“ zeigen, dass der Staat nicht nur auf dem rechten Auge, sondern auch gegenüber den Ermordeten blind ist. Die Assoziation Türke gleich Dönerverkäufer gleich Döner war stark genug, um einen Blumenverkäufer, einen Änderungsschneider, zwei Gemüsehändler, einen Kioskbesitzer, die Betreiber eines Schlüsseldienstes und eines Internetcafés sowie zwei Imbissbesitzer zu einer Gruppe zusammenzupferchen. Dass es sich bei einem der Türken um einen Griechen handelte, wurde von einigen Medien seinerzeit als „tragisches Missverständnis“ der Täter bezeichnet.Am vorläufigen Ende des Falls stand die Entdeckung einer DVD in Zwickau, auf der diese Geschichte als 15-minütiges Bekennervideo erzählt wurde – angeleitet von der Comicfigur Paulchen Panther.Die war ursprünglich erfunden worden, um einen trotteligen Ermittler (die Parodie eines Kommissars: Inspektor Clouseau) zu annoncieren, und ist selbst schon Folge mehrerer Übersetzungsleistungen: In dem Spielfilm von Blake Edwards bezeichnet „Der rosarote Panther“ einen wertvollen Diamanten, während im animierten Vorfilm der Name die Comicfigur meint. Den Namen Paulchen samt der gereimten Off-Texte hat der rosarote Panther in der eigenwilligen Eindeutschung exklusiv. Wie Paulchen Panther in das Bekennervideo kommt, ist rätselhaft. Den Screenshots des Films nach zu urteilen, gibt es eine oberflächliche Ähnlichkeit zu Mobilisierungs-Clips der autonomen Linken. Da tauchen zuweilen auch Comicfiguren auf (etwa Calvin aus Calvin und Hobbes) und gezeigt wird ein „Best of“ vergangener Aktionen – das maximale Gewaltniveau definieren dabei allerdings ein brennendes Polizeiauto oder ein fliegender Molotowcocktail. Insofern bediente sich die Zwickauer Bekenner-DVD bei einer „linken“ Ästhetik, schreibt ihr aber eine andere Qualität von Gewalt ein, setzt Verhöhnung anstelle von Humor.Ähnlich wie bei dem 1.000-seitigen „Breivik-Manifest“ stellt sich aber die Frage, ob hier interpretatorische Bemühungen, die Suche nach Sinnhaftigkeit und Erklärbarkeit der Vorgänge, überhaupt irgendwo hinführen. Was man sieht, sind kollabierende Zeichen, Symptome für eine Regression, die im Grunde nicht mehr als „Bekennervideo“ rationalisiert werden können.Komplexe Back Story Dass es bis zum Verstehen dessen, was der Gesellschaft mit den Verbrechen von Uwe B., Uwe M. und Beate Z. und dem frappanten Versagen der Ermittlungsbehörden geschehen ist, noch ein weiter Weg ist, dafür spricht, dass es nach einem medialen Rubrum gesucht wurde, unter dem die Taten der drei gefasst werden können.Manche haben von „Brauner Armee Fraktion“ gesprochen, was offenkundig eine schiefe Analogie ist. Sie basiert auf einer Vorstellung von der Demokratie als Waage, wo es zu beiden Seiten der „normalen“ Mitte Abweichungen gibt, die „links“ und „rechts“, also nur unterschiedlich heißen. In diesem Sinne hat Bundeskanzlerin Angela Merkel betont, dass sie jeglichen Extremismus, von rechts wie von links, verurteilt. Die scheinbar demokratische Gleichbehandlung im Namen der „Mitte“ verstellt in Wirklichkeit den Blick: Die Propaganda der Tat mag ein gemeinsamer Nenner von Terrorismen sein. Doch die innere Verfasstheit militanter Neonazis, ihre Organisationsstruktur, der gesellschaftliche Kontext ist gänzlich anders als bei der RAF. Die Bilder des Buback-Mordes oder die Fahndungsplakate haben aber einen Deutungs- und Assoziationsraum geschaffen, in dem mit der „Braunen Armee Fraktion“ das Phänomen des Rechtsterrorismus gepresst wird. Denn mit der Frage nach den Bildern des Terrors ist das Narrativ des kollektiven Gedächtnisses verbunden: Wo es keine kanonisierten Bilder gibt, gibt es kein Bewusstsein, keine Erinnerung an rechtsradikale Mordtaten.Das ist genauso irreführend wie die Rede von der angeblich neuen Dimension der jetzt bekannt gewordenen Taten. Sie ignoriert, dass die Grenze zwischen Terrorismus und der Militanz im neonazistischen Milieu fließend ist. Wer „Ausländer“ jagt und umbringt, verfasst zu diesen rassistischen Taten keine seitenlange ideologische Begründung – ihm genügt es, dem Hass und dem Ressentiments freien Lauf zu lassen.Buch und HandschellenWas beim Tatort Garant von Erzählbarkeit ist, die so genannte Back Story, die an der richtigen Stelle gegen Ende platziert, alle zur Spannungsverschärfung lose belassenen Fäden zu einem strukturierten, logischen Geflecht zusammenbindet, fehlt in der Wirklichkeit dieses Falles. So sehr die schrittweisen Enthüllungen, die mit einem Male aufscheinenden Verbindungen zwischen Eisenach, Zwickau, Heilbronn und den rassistischen Morden den Sehgewohnheiten des Fernsehzuschauers entsprechen mögen – diese Back Story ist zu groß, als dass sie in einen Tatort integrierbar wäre.Wie simpel und unpassend Kausalketten sein können, die in Fiktionen bisweilen zusammengesetzt werden, bewies zuletzt die Bild-Zeitung. Genau wie andere Medien, die den Gedanken allerdings nur implizierten, ohne ihn auszusprechen, zeigte sie den mutmaßlichen Komplizen das Tätertrios, Holger G., mit Stephen Kings Roman The Stand – Das letzte Gefecht in den mit Handschellen gefesselten Händen. In Kings Roman kommt ein Großteil der Menschheit durch ein Virus um, der immune Rest bekämpft sich.„Zeigt der mysteriöse vierte Mann der Killer-Truppe damit, dass ihm jedes Leben egal ist und wie sehr er die Menschheit hasst?“, fragt Bild. Und die Antwort lautet natürlich: nein. Vielleicht liest er einfach nur ein Buch. Einfache Medienwirkungszusammenhänge – wer Egoshooter spielt, läuft Amok, wer Stephen King liest, hasst die Menschheit – stehen häufig am Anfang medialer Ermittlungsversuche. Die Welt ist aber komplizierter als ihre mediale Aufbereitung.Globale RealitätUnd das Irritierende an einer medialen Wahrnehmung des „Nationalsozialistischen Untergrund“ ist nicht einmal, dass sich der Bereich der Verfassungsschutzarbeit einer Aufklärung entzieht, wie man sie aus dem Tatort gewohnt ist. Sondern vielmehr: dass der Tatort am Sonntagabend vor dem Hintergrund dieser überdeteminierten, widersprüchlichen Kriminalgeschichte nicht mehr zu der Realität passen will, in der die drei Nazis ihre Verbrechen begangen haben.Denn die Perspektive, aus der im Tatort ermittelt wird, ist die der „Einheimischen“, was in einem Land, das sich mit einer globalen Realität wie Migration schwertut und kontrafaktische Durchsagen wie „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ zu schätzen weiß, bedeutet: die der Einwohner deutscher Herkunft. Aus dieser Perspektive ist es viel schwerer zu verstehen, was durch die Zwickauer Zelle in den letzten 13 Jahren eigentlich geschehen ist.