Es ist erst ein paar Wochen her, da meldete sich Hans Heinz Holz per Post bei der Jungen Welt. Es sei „gewiss ehrenvoll, schon zu Lebzeiten einen Nachruf zu erhalten, in dem vermeintlich Sterbenden ein noch langes Leben gewünscht wird“, schrieb da der marxistische Philosoph – es ging um die von ihm mit herausgegebene Zeitschrift Topos und einen Text von Arnold Schölzel, in dem dieser das absehbare Ende der Zeitschrift nicht nur als Verlust, sondern als „Kapitulation“ bezeichnet hatte. Tatsächlich, schreibt Holz, habe man seit einem Jahr vergeblich nach einer Fortführungsmöglichkeit für die gemeinsam mit Dominico Losurdo seit 1993 edierten 36 thematischen Hefte gesucht. Der „Kampf um den ideologischen Einfluss, letzten Endes
Kultur : Seiner Sache treu
Zu radikal, zu konsequent: Zum Tode des marxistischen Philosophen und DKP-Mitglieds Hans Heinz Holz, der am Sonntag mit 84 Jahren im Schweizer Sant'Abbondio gestorben ist
t einem Jahr vergeblich nach einer Fortführungsmöglichkeit für die gemeinsam mit Dominico Losurdo seit 1993 edierten 36 thematischen Hefte gesucht. Der „Kampf um den ideologischen Einfluss, letzten Endes um die ideologische Hegemonie“ müsse nun aber von einer neuen, anderen Publikation aufgenommen werden. Und dann noch: „Wenn sie inhaltlich und im Niveauanspruch der Sache treu bleibt, wird sie, solange ich noch kann, auch auf mich rechnen dürfen.“Sie wird es nicht mehr können, am Sonntag ist Hans Heinz Holz im Alter von 84 Jahren gestorben. Welche Bedeutung der Bloch-Schüler und DKP-Intellektuelle hatte, einem, der zuletzt doch eher im Wortsinne unerhört geblieben war, am ehesten einem Publikum aus philosophischen Fachleuten und orthodoxen Parteikommunisten noch zugänglich, mag man daran erkennen, dass selbst die Bild-Zeitung seinen Tod vermeldete. Jedenfalls übernahm das Blatt online eine entsprechende Agenturmeldung.Von der Biografie Hans Heinz Holz‘ und was aus ihr spricht, ist in den dürren Zeilen nicht die Rede. Holz war im Widerstand gegen die Nazis, kam in Haft und gründete später die VVN in Frankfurt mit. Seit 1946 studierte er Philosophie unter anderem beim Heidegger-Schüler Otto Friedrich Bollnow. Als der Sohn eines Diplom-Ingenieurs Mitte der fünfziger Jahre über „Die Selbstinterpretation des Seins“ promovieren wollte, stellte sich ihm Gottfried Martin entgegen, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied, der in der Nazizeit in Jena gelehrt hatte – er ließ Holz wegen mangelnder Leistungen durchfallen, einen jungen Akademiker, der damals schon zwei beachtete philosophische Werke vorgelegt hatte. Daraufhin bot ihm Ernst Bloch, der noch in Leipzig lehrte, die Möglichkeit der Promotion und späteren Habilitation an.Deutsch-deutscher IrrwegDoch der politische, deutsch-deutsche Irrweg seiner Dissertation war keineswegs zu Ende: Bloch geriet in die Mühlen des realsozialistischen Regimes, wurde im Zusammenhang mit der stalinistischen Volte gegen Rudolf Harich in den Ruhestand versetzt – und die Leipziger Alma Mater ignorierte die eigentlich schon fertige Promotion „Herr und Knecht bei Leibniz und Hegel“. Erst 1969, 13 Jahre später, sollte Holz das Prüfungs-Kolloquium absolvieren können. In der Zwischenzeit hatte er als Journalist, unter anderem beim Hessischen Rundfunk, gearbeitet. Erneut zum Politikum wurde 1971 die Berufung von Holz auf den Professorenstuhl in Marburg – nachdem man ihn in Berlin abgelehnt hatte, letzen Endes aus keinem geringeren Grund als seiner politisch-philosophischen Haltung. Zuvor war schon der Versuch einer Habilitation in Bern gescheitert. Immer wieder, schrieb seinerzeit der Spiegel, „wurde er als 'Stalinist', 'Maoist' oder als 'stets an der Ost-Berliner Orthodoxie orientierter Parteimarxist' angegriffen, überdies wurde bemängelt, dass seine 'wissenschaftlichen Qualifikationen umstritten' seien“. Ein Vorwurf, der nachgerade lächerlich war. Und politisch ging es letzten Endes darum, wie weit der Wissenschaftspluralismus reichte, wenn man das Pendel einmal nach links ausschlagen ließ. Wissenschaftlicher Marxismus, zumal in der von Holz vertretenen Variante, blieb Angriffsziel einer Mehrheit.Und von heute aus betrachtet? Holz hatte Stalins Sprachtheorie nicht grundweg zurückgewiesen, er hatte Marcuse mit Lenin kritisiert und sich vom Dogmatismus distanziert. „Natürlich gehört auch Kritik an der Sowjet-Union zu dem immer währenden Prozess von Kritik und Selbstkritik, der die geistige Lebendigkeit in einer marxistischen Bewegung ausmacht“, schrieb Holz Anfang der siebziger Jahre. Die Süddeutsche meint zum Tode des Philosophen, er sei „Dialektiker genug“ gewesen, „um sich nicht zu scheuen, neben dem Gewaltherrscher Stalin den Sozialreformer Stalin hervorzuheben“. Als erklärter Marxist sei er heute den einen „in einer scheinbar postideologischen Welt grundsätzlich suspekt“, eine allenfalls historische Figur. Leute wie Holz, einer der "intellektuellen Outlaws schlechthin", von denen es nicht viele gab in der letzten Zeit, in der „entweder keiner Marxist ist oder eben irgendwie alle“, waren „den meisten anderen notwendigerweise zu radikal, als notorische Kritiker der Verhältnisse viel zu unbequem und als historische Materialisten viel zu konsequent“.Bereit, auch Schlüsse zu ziehenMan kann das auch als Anmerkung zu einer publizistischen Konjunktur lesen, zu der an dieser Stelle einiges am Beispiel der Frankfurter Allgemeinen angemerkt wurde. Dort konnte man in der Sonntagsausgabe die Aufforderung „Stellt endlich die Systemfrage!“ Die Überschrift verspricht dabei mehr, als Nils Minkmar in seinem Text einlösen kann oder will – aber er teilt eine schöne Anekdote mit. Als unlängst Occupy-Aktivisten einen Auftritt von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann störten, „war nicht erstaunlich, dass er sich argumentativ ganz gut aus der Affäre gezogen hat, sondern seine Bemerkung: Er werde nun seit Jahren entsprechend geschult, aber dies sei das erste Mal gewesen, dass er so eine Situation des offenen Widerspruchs erlebt habe“. Hier zeigt sich jener Unterschied, auf den die Süddeutsche in ihrem kleinen Nachruf auf Holz insistiert, nämlich der, „ob man prinzipiell damit einverstanden ist, dass nicht in erster Linie Ideen den Lauf der Dinge bestimmen, Kopfgeburten, sondern die ökonomischen Bedingungen – oder ob man auch bereit ist, im Sinne von Gleichheit und Gerechtigkeit Schlüsse daraus zu ziehen“.Zu den Schlüssen, die Holz gezogen hat, gehört sein Wirken in der DKP, zu deren letztlich wirkungsloser Geschichte er Programmatisches beitrug. Und vielleicht sollte man auch einen gewissen Starrsinn dazu zählen, dem von manchen etwas Positives abgerungen wird, wenn sonst alle in großer Eile die Auffassung ändern, weil der Wind sich gedreht hat. Dietmar Dath hat Hans Heinz Holz am Dienstag in der Frankfurter Allgemeinen mit dem Hinweis gewürdigt, er, „der Leninist, hat zu seiner Partei, der DKP, gehalten, als die unterm Einfluss Gorbatschows Mühe hatte, zu Lenin zu halten“. Er habe sich, schreibt Dath mit Blick auf Holz‘ Briefwechsel mit Peter Hacks (noch so einem gebliebenen Klassiker in jeder Hinsicht), „eine Weile als Nachlassverwalter einer besiegten marxistischen Gelehrsamkeit“ gesehen und am Ende geahnt, „er könnte Mitbegründer einer neuen werden“.Über Wagenknecht enttäuschtDie Gelegenheit zur Mitarbeit an einer Fortsetzung von Topos hatte Hans Heinz Holz nicht mehr, das Programm einer solchen Zeitschrift hatte er selbst gerade noch im „Erhalt und Wiederaufbau theoretischer Positionen“ gesehen, „die durch die Konterrevolution unterdrückt und zerschlagen wurden“. In einem Topos-Editorial scheint auf, was Holz vom „System der sozialistischen Gesellschaften im Aufbau“ dachte, auch von den „geistig unterlegenen“ Siegern, die „das theoretische Erbe des Marxismus auszurotten“ versuchten. Es ist letztlich auch ein Zeichen dafür, was er von den linken Weiterentwicklungen des marxistischen Denkens hielt, jenen Versuchen, das historische Scheitern nicht nur zu begreifen, sondern fruchtbar zu machen für einen „zweiten Anlauf“, der ein anderer wäre, als jener, von dem Holz‘ Mitstreiter Andreas Hüllinghorst in seinem Nachruf schreibt. So wie die Topos sah Holz sich als Verteidiger jener Burg des Vergangenen, von deren Zinnen auch Zeitschriften wie der Rotfuchs geworfen werden – oder die Weißenseer Blätter.In denen hatte Sahra Wagenknecht 1992 ihren Text „Marxismus und Opportunismus“ veröffentlicht, ein „frühes Glaubensbekenntnis“, wie es unlängst in einem großen Porträt im Spiegel hieß, eine Vereidigung der Verdienste von Ulbricht, Mauer und Stalin. Wagenknecht hängt dieser Text bis heute an, sie hat sich längst von ihm distanziert. Zur Enttäuschung von Hans Heinz Holz, dem Lehrer Wagenknechts, der darin einen „ausgezeichneten Aufsatz“ sah.Was der Philosoph vom Weg seiner Schülerin dachte, die lieber in die Politik ging, sagt vielleicht nicht viel über sein wissenschaftliche Erbe, aber doch jede Menge über sein politisches Denken: Wagenknecht, zitiert ihn der Spiegel, habe „unter Preisgabe erheblicher Positionen“ ihre Karriere verfolgt, sie sei „jetzt sehr, sehr anpasserisch“ und als man sich vor ein paar Jahren bei einer Konferenz wieder traf, zu der Wagenknecht in Begleitung von Oskar Lafontaine gekommen war, da saß man beisammen, redete. Und ihm, dem Philosoph, wurde damals klar, „dass Sahra sich auf den Kurs von dem Lafontaine eingelassen hatte“. Es hätte ihm sicher besser geschmeckt, sie wäre „inhaltlich und im Niveauanspruch der Sache treu“ geblieben, welche Hans Heinz Holz für die richtige hielt.