Einen Vergleich mit 1968: die jüngsten Protestbewegungen von Kairo bis New York provozieren ihn nahezu. Nur zeichnen sich „Occupy“ und „Echte Demokratie jetzt!“ in erster Linie durch ihren friedlichen Charakter aus, die Proteste 1968 dagegen waren trotz unterschiedlicher Ausprägungen und Entstehungsgründe von Gewalt durchzogen. Das legen auch mehrere neue Bücher nahe, die das Phänomen 68 vor allem als krisenhafte und gewalttätige Auseinandersetzung erscheinen lassen.
In die Vollen geht Carl Weissner mit seinem Subkultur-Spektakel Die Abenteuer von Trashman. Der mittlerweile 71-jährige Weissner fungierte lange als Vermittler für die amerikanische Beat-, Cutup- und Undergroundliteratur. Er übersetzte Charles Bukowski, den er
es Bukowski, den er auch auf seinen Lesungen in Deutschland begleitete, außerdem übertrug er William Borroughs, Allen Ginsberg und J.G. Ballard ins Deutsche. In dem autobiografischen New Yorker Nachtjournal 1968, wie es im Untertitel heißt, wird die Geschichte eines Mittzwanzigers erzählt, der ab Herbst 1967 ein Jahr lang die literarische Subkultur des Big Apple erforscht. Nebenbei schreibt er an einem experimentellen Roman, feiert die Nächte durch und telefoniert ab und zu mit Bukowski, der Kantiges aus L.A. zum Besten gibt.Weissner schildert New York als krisengeschüttelte Metropole im Ausnahmezustand. Da wird der junge Student nachts schon mal von einer Gang um ein paar Dollar erleichtert. Eine von der Kette gelassene Polizei prügelt während ihrer Razzien im Park oder in Studentenwohnheimen wild um sich. Alle naselang gibt es Proteste, hin und wieder jagt ein Amokläufer durch die Stadt, während das von Blizzards heimgesuchte New York bar jeder funktionierenden Infrastruktur im Winterchaos versinkt. Wenn sich der Roman auch als „who is who“ des Kulturbetriebs von vor 40 Jahren lesen lässt, in dem Al Pacino als noch unbekannter Standup-Comedian auftritt und der junge Ich-Erzähler von einem hochkarätigen Jazzkonzert zum anderen tingelt, so ist die Revolte in progress, die Weissner schildert, das eigentlich Interessante. Die aber ist sehr gewalttätig.In einem seiner tagebuchartigen Einträge listet Weissner die Anschläge auf, die es in der ersten Aprilwoche 1968 in den USA gab: Sie reichen vom Brandanschlag in einem Kaufhaus, über eine Bombe in der Musterungsbehörde, Heckenschützen in Ghettos und auf Universitätsgeländen, die auf Polizisten feuern, umgelegte Überlandleitungen bis hin zu einem ganzen polizeilichen Fuhrpark, der in Flammen aufgeht. Zwischen 1965 und 1970 gab es in den USA schätzungsweise 2000 politisch motivierte Anschläge auf staatliche Einrichtungen oder gegen Konzerne. Die linksradikale Zeitschrift Scanlans Monthly veröffentlichte 1971 sogar eine Karte der Vereinigten Staaten, auf der tausende von gewalttätigen Aktionen für besagten Zeitraum aufgeführt sind. Gleichzeitig werden bei Aufständen in Ghettos und bei Räumungen von Universitätsgeländen durch die Nationalgarde und die Polizei immer wieder Studenten und Protestierende erschossen.Das Trauma wirkt nachEine viel subtilere Lesart staatlicher Gewalt als Folge von Protesten bietet ein tschechischer Roman von 1970: Die Meerschweinchen von Ludvic Vakulic. Der Autor hatte sich 1968 mit seinem Manifest der 2000 Worte, einem der zentralen Texte des Prager Frühlings, den Zorn der regierenden Kommunisten zugezogen. Die Meerschweinchen ist das erste von einigen hundert Büchern, die Vakulic schließlich in seinem Samisdat-Verlag Petlice herausbrachte. Die kafkaesk anmutende Geschichte erzählt von einem Prager Bankangestellten, der wie alle seine Kollegen am Arbeitsplatz fleißig Geldnoten stiehlt und damit einen Schattenwirtschaftskreislauf am Leben hält, den alle in ihrer Naivität für ganz normal halten. Zuhause begeistert sich die sozialistisch-kleinbürgerliche Banker-Familie derweil über die neuen Haustiere: zwei Meerschweinchen.Plötzlich verändert sich aber einiges. Es gibt Sicherheitskontrollen in der Bank, Mitarbeiter verschwinden auf mysteriöse Weise, die Meerschweinchen vermehren sich munter und immer wieder ist die Rede von einer alles in Frage stellenden Krise. Die beschreibt Vakulic in seiner einfachen und genialen Prosa so: „Eine Krise ist ein Strudel, der als harmlose Delle auf glattem Wasser anfängt, an Tiefe und Umfang gewinnt, immer schneller kreist, Luft und schwimmende Gegenstände einsaugt, dabei zischt, dann braust und schließlich brüllt.“ Vakulics Roman ist eine Allegorie auf den Zustand nach der Revolte und der militärischen Repression – nach dem großen „Brüllen“.Repression in Mexiko-CityDie 68er-Bewegung wurde aber nicht nur in Prag militärisch niedergeschlagen. Die Studentenrevolte in Mexiko, wo es zu wochenlangen Universitätsstreiks, zahlreichen Großdemonstrationen und Instituts- und Schulbesetzungen kam, fand ein äußerst blutiges Ende. Die mexikanische Diktatur ließ am 2. Oktober 1968 auf dem Platz der drei Kulturen im Stadtteil Tlatelolco von Mexiko-City das Feuer auf 10.000 Demonstranten eröffnen. Mehr als 300 Menschen wurden ermordet, hunderte verletzt, tausende verhaftet. Die Ereignisse im Herbst 1968 fungieren als Rahmenhandlung in Roberto Bolanos Roman Amuleto, der jetzt erstmals als Taschenbuch vorliegt. Die Unruhen und die Repression in Mexiko-City nehmen dabei eine prismatische Funktion für die lateinamerikanische Geschichte und Literatur ein. Genau zehn Tage nach dem Massaker von Tlatelolco wurden in Mexiko-City die Olympischen Spiele eröffnet.Das Trauma wirkt bis heute nach. Erst vor wenigen Wochen wurde der 2. Oktober in Mexiko zum nationalen Trauertag erklärt. Auch in der mexikanischen Literatur ist das Thema 1968 präsent. Einer der zentralen narrativen Texte dazu ist der bislang nicht ins Deutsche übersetzte Roman Regina – den 2. Oktober vergisst man nicht von Antonio Velasco Pina, der seit fast 25 Jahren bereits für mehrere Generationen von Mexikanern ein Bestseller ist. In dem 700-Seiten-Schmöker wird das Schicksal einer der damals wenigen namentlich bekannten Ermordeten des Massakers beschrieben, ein esoterischer Abenteuerroman zwischen Tibet und der aztekischen Pyramidenstadt Tenochtitlan, der auf die Protestereignisse im Herbst 1968 zuläuft und dort seinen Höhepunkt findet. Auch wenn das Buch sicher keine stringente kritische Analyse der politischen Ereignisse bietet und auch nicht zum Kanon anspruchsvoller mexikanischer Literatur gehört, zeigt es doch auf verblüffende Weise, wie zentral sich dieses Thema in eine mexikanische Erinnerungskultur eingeschrieben hat. In der aktuellen Taschenbuchausgabe findet sich denn auch ein kämpferisches Vorwort des Herausgebers, das darauf verweist, dass in Argentinien und Peru sehr wohl eine Aufarbeitung der diktatorischen Verbrechen stattgefunden habe, nicht aber in Mexiko.Biss in den HinternAber welche Rolle spielt Gewalt in der Erinnerung an 68 hierzulande? Mit der Radikalisierung der Studenten und der Entstehung des Terrorismus wird auch das Ende der Bewegung eingeläutet, so die inoffiziell-offizielle Lesart. Gleichzeitig wird 68 auch gerne zur Lifestyle-Revolte verharmlost. Diese Auffassung dominierte die Fernsehdokumentationen zum 40. Jahrestag 2008. Vor allem die Interviews mit gut gelaunten Senioren in luxussanierten Altbauten, die sich gerne an famose Demo-Nachmittage aus ihrer „wilden Jugend“ erinnern, bildeten den 68er-Elitenzirkus exemplarisch ab: vom Erklimmen der Lehrstühle bis zum Ankommen im alternativen Parlamentarismusprojekt der Grünen. Die Ecken und Kanten politischer Gewalt werden gerne ausgeblendet. Dabei war die Schlacht am Tegeler Weg im November 1968 kein Ringelpiez mit Anfassen.Carl Weissner kommentiert aus der New Yorker Perspektive die Ereignisse 1968 in Berlin recht übermütig: „Diese Hinterbänklergermanistenkniefickerbrigade, die in Zwölferreihen untergehakt den Ku’damm langtrabt – ein Exzess von Peinlichkeit.“ Sonst definiert er seine geografisch wie ideell weit entfernte Heimat vor allem über jede Menge alter Nazis, die fleißig in der Parteipolitik mitmischen. Im Großen und Ganzen herrscht aber provinzielle Langweile. Während in New York die Luft brennt, scheint es in Europa eher gemütlich zuzugehen. Aber stimmt das wirklich?„Nie zuvor hatte das Überlebensniveau einen solchen Grad an Bequemlichkeit und konventionellem Glück erreicht, und gerade in dem Moment hat das Projekt einer Revolution des alltäglichen Lebens Gestalt angenommen.“, schreibt die ehemalige Ikone der „Situationistischen Internationale“ Raoul Vaneigem in seinen gerade auf Deutsch erschienenen Lebenserinnerungen Zwischen der Trauer um die Welt und der Lust am Leben. Das Jahr 1968 steht zwar nicht im Zentrum seiner manchmal etwas theatralischen Memoiren, aber die Pariser Ereignisse im Mai 1968 dienen als immer wiederkehrender Referenzpunkt.Meistegestohlene Buch der WeltgeschichteDer Fordismus der sechziger Jahre ist auf seinem Höhepunkt das Gegenteil von dem, was wir heute im Zuge von Finanzmarktkrise, Massenentlassungen, Billiglohnpolitik und exorbitant steigenden Mietpreisen erleben. Die Argumentation, Krisenproteste würden nicht verfangen, weil es den Leuten zu gut ginge, setzt voraus, dass erst massiver wirtschaftlicher Druck eine politische Bewegung erzeugen kann. 1968 ist es umgekehrt. Vaneigem sieht das „Unbehagen an der Warenzivilisation“ als Auslöser der Proteste, eine Verweigerung gegenüber der „lukrativen Ausbeutung des schöpferischen Potenzials des Menschen“. Für den Situationisten, der gegen das kapitalistische Spektakel zu Felde zieht, wird die Warenzivilisation sogar zum „Höllenkreis“.Insofern erscheint 1968 als provozierte Krise. Vaneigem war auch Verfasser des Handbuchs der Lebenskunst für die jungen Generationen, von 1967, das in seiner Wirkung am ehesten mit Der kommende Aufstand zu vergleichen ist. Krise und Aufstand sind entsprechend wiederkehrende Begriffe in Vaneigems Handbuch, das angeblich das meistgestohlene Buch der Weltgeschichte ist. Hier beißt sich der „Kampf gegen das Spektakel“ sozusagen selbst in den Hintern, denn ein Werbeplakat rief dazu auf, das Buch zu stehlen. Nach der Veröffentlichung 1967 nahm es der französische Gallimard-Verlag später wieder aus dem Programm. „Herr Gallimard (…) hätte gerne gewusst, wer Sie sind, wie alt Sie sind, welche Projekte Sie haben und in welcher Atmosphäre Sie diesen reichen Essay geschrieben haben, der hinter einem unscheinbaren Titel eine gewaltige Wut verbirgt“, heißt es in einem Brief des Verlags, ehe das Manifest vom Markt kommt, weshalb auch eine deutsche Übersetzung erst Ende der Siebziger erscheint. Die Wut, die dem Buch innewohnt, fand dennoch problemlos ihren Weg auf die Straße.Der Gewalt von 1968 gilt es, kritisch gegenüberzustehen. Denn 68 war auch eine jugendlich-machistische, männlich dominierte Revolte. Diesen Aspekt bildet nicht zuletzt Carl Weissners deftige Prosa paradigmatisch ab. Einen Blick auf die Geschlechterverhältnisse und ihre Bedeutung für die Revolte in progress wird man hier vergebens suchen. Gleichwohl sollte man eine Kulturalisierung der 68er Revolte als maskulines Sich-Austoben vermeiden. In seiner Komplexität entzieht sich das Phänomen 68 jeder einfachen Interpretation.Wie sich die zivilgesellschaftlichen Bewegungen „Occupy“ und „Echte Demokratie jetzt!“ entwickeln, ist offen. Ihr bisher im Großen und Ganzen friedlicher Charakter führte zu einer breiten Mobilisierung in den USA, in Spanien, aber auch in Israel und in homöopathischer Dosierung hierzulande. Das hat aber seinen Preis. In Barcelona und in New York ließen sich die Besetzer der wohl exponiertesten Protestcamps bei exakt null Gegenwehr brachial von der Polizei räumen und die Köpfe blutig schlagen. Von einem Szenario wie 1968, als sich die Protestierenden radikal behaupteten, sind wir meilenweit entfernt.