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Kultur : Wie man eine Debatte los wird

„Der Name Wulff muss nun völlig vergessen werden": Kant und seine Vergessenskunst können uns helfen, die wichtigen und richtigen Dinge zu tun

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Es gibt vermutlich nur wenige Menschen, die immer genau das tun, was ihren Überzeugungen entspricht, und die dabei auch noch einen zufriedenen Eindruck machen. Für die meisten gilt leider, dass sie öfter mal anderes tun, und dabei noch unglücklich sind. Die Wulff-Debatte liefert einen eindringlichen Beweis für diese Weisheit aus dem Nähkästchen. Ich jedenfalls kenne niemanden mehr, der dieser Debatte nicht überdrüssig ist. Mehr noch: Ich kannte schon vor zwei Tagen kaum noch einen, der ihrer nicht überdrüssig war. Und dennoch hat man in der ARD Plasbergs hart aber fair bis zu Ende geschaut, obschon dort nichts Neues über den Bundespräsidenten und seine Wahrheiten gesagt wurde.

Warum fällt es einem so schwer, sich um die Sache erstmal nicht weiter zu kümmern? Sozialpsychologen würden von Konformitätsdruck sprechen. Das ist bestimmt nicht falsch, es ist nun einmal nicht leicht, gegen den Strom zu schwimmen, zumal im Medienzeitalter, in dem man Angst haben muss, dann nicht mehr mitreden zu können. Aber vielleicht lässt sich das Problem noch etwas anders, nämlich medientechnisch, fassen. Wir können uns dabei an Überlegungen des großen Romanisten Harald Weinrich klammern, die dieser vor einiger Zeit in seinem Aufsatz Warum will Kant seinen Diener Lampe vergessen? entwickelt hat (Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster, Heft 74).

Worum geht es? Im hohen Alter hatte der Philosoph Immanuel Kant seinen treuen Diener Lampe entlassen. Nach Kants Tod fand man die handschriftliche Notiz: „Der Name Lampe muss nun völlig vergessen werden.“ Die Ungereimtheit fiel schnell ins Auge: Das Aufschreiben dient doch gerade dazu, etwas besonders gut im Gedächnis zu bewahren! Dass Kant das Gedächtnis bemühte, um etwas zu vergessen, schien eine üble contradictio in adiecto zu sein, ein Widerspruch in sich selbst, der einem Professor der Logik im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte nicht zuzutrauen ist. Zumal Kant ein hervorragendes Gedächnis hatte.

Wegschreiben

Vielleicht war Kant aber doch nicht senil, meint Weinrich. Denn vielleicht übte er neben seiner Gedächntiskunst, der ars memoriae, auch eine ars oblivionis aus, eine Vergessenskunst. Dass für einen Selbstdenker wie Kant das Vergessen tausender Kommentare zu philosophischen Problemen existenziell ist, erscheint ja klar. Wer viel vergisst, kann auch kein „Nachbeter“ und „blinder Nachäffer“ werden, sagte Kant. Was bedeutet nun also ein solcher Erinnerungszettel im Dienste des Vergessens? Nichts weniger als die positive Wendung einer pessimistischen These aus Platons Phaidros, wonach „die Kunst zu schreiben... das Gedächtnis zugrunde gerichtet hat“; gemeint ist das mündlich gebildete, „natürliche“ Gedächtnis.

Um den Zusammenhang klar zu machen, müssen wir in die Sowjetunion des Jahres 1968 springen. Dort versucht der Arzt Alexander Romanovitsch Lurija einem armen Teufel zu helfen, der daran litt, buchstäblich nichts vergessen konnte. Man kann nicht leben, wenn man an alles denken muss, man kann nicht einmal schlafen. Lurija empfahl seinem Patienten alles, was er vergessen wollte, auf einen Zettel zu schreiben. Wer etwas aufschreibt, rückt es auch von sich weg, so seine Erkenntnis, die sich im großen Stil auf unsere Lage übertragen lässt.

Wir wollen diese Wulff-Debatte nicht mehr? Dann müssen wir sie uns eben wegschreiben. Und genau das geschieht ja in den Kommentaren und Blogs zur Debatte, diesen Merkzetteln des 21. Jahrhunderts, auch auf Freitag.de, die alle dem einen, heimlichen Zwecke dienen: zu vergessen, was man nicht länger aushält.

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