Es ist der Sommer 1990, Heuwendezeit. Noch nicht Westen, nicht mehr Osten. Höfe müssen umstrukturiert, neue Kleider gekauft werden.
Maria wird bald 17 und lebt auf dem Brenner-Hof. Henner ist 40, ein Säufer, der pöbelt, ein Einsiedler, der noch wirkt bei Frauen. Sie sehen sich, berühren sich kurz und „nichts verwehrt sie diesem Mann“. Er soll mit ihr machen, was er will. „Komm“, hinterlässt er auf einem Zettel. Maria folgt ihm. Es ist die Geschichte einer Obsession, die zu Liebe wird.
Winter, 2011. Daniela Krien ist ins Brecht Literaturforum in der Berliner Chausseestraße gekommen, um aus Irgendwann werden wir uns alles erzählen zu lesen. Es ist ihr Debütroman, er ist vergangenen September erschienen, und wurde von den Medi
en, und wurde von den Medien hoch gelobt. Auf dem Umschlag des Buches sieht man ein Feld und eine idyllische Landstraße.Krien sitzt kerzengerade auf ihrem Stuhl, ihre Gesichtszüge sind fein, ihr Blick ernst. Sie trägt eine Perlenkette, die Haare sind hochgesteckt, sie wirkt fast ein wenig altmodisch für eine Mittdreißigerin. So wie manche Worte, die sie im Buch verwendet. Blümerant. Saumselig. Die Sprache der Dörfler.Wie im Rausch habe sie geschrieben, erzählt Krien, ohne Plan, drei Wochen lang, meist abends. „Wenn die Kinder laut waren, habe ich mir Kopfhörer aufgesetzt.“ Lacher im Publikum, das vor allem aus älteren Männern und Frauen besteht. Manche halten den Roman in den Händen, der seinen Namen von einem Zitat aus Dostojevskis Die Brüder Karamasov hat.Warum in der Wendezeit?Diese amour fou, die sie in ihrem Roman so schonungslos betrachtet, sie könnte eigentlich in jeder Epoche spielen. Warum spielt sie in der Wendezeit? Und es reißt einen ja schon manchmal heraus, wenn auf Details der so verstörenden wie seltsam heilsamen Affäre plötzlich Erinnerungen an die Pionierrepublik Wilhelm Pieck folgen, ein DDR-Ferienlager. Muss das sein? Krien wartet, überlegt. Für sie hänge beides zusammen, erklärt sie, mit sächsischem Dialekt.Im Dorf werde der Einzelne gewöhnlich stark beobachtet, es gebe wenig Freiräume, eine Liebesgeschichte zu beginnen. Aber dann, Anfang der Neunziger, war „alles ein bisschen flirrig, es herrschten teilweise anarchische Zustände“. Ihre Figuren seien durch diese Phase geprägt. „In einer Umbruchzeit ist das Augenmerk aller Beteiligten nicht so stark auf andere ausgerichtet, jeder hat mit sich zu tun.“ Der Umbruch sei auch ein Symbol für das Persönliche, wie die Beziehungen der Menschen zueinander sich veränderten. Wie greift das politische System ins private Leben ein, wie verändert es Biografien, hat Krien sich gefragt. Henner, der charismatische Bauer, sei auch wegen der DDR kaputt, nicht nur wegen des Triebs – als sie das sachlich in die Runde wirft, erntet sie wieder Lacher, aber sie redet ernsthaft weiter: Henner wurde von seiner Frau jahrelang bespitzelt und ist an diesem Verrat zerbrochen. Sie schwanken, er und die anderen in diesem Roman, zwischen Cremedosen, Zeitschriften, Alkohol, Stasi, Paprika, Stall ausmisten und den neuen Kleidern, die sie jetzt kaufen können.Nach der Lesung signiert Krien geduldig, hört sich Wendegeschichten an. Sie selbst wurde in einem kleinen mecklenburgischen Dorf geboren, die Familie zog später ins Vogtland. Sie erinnert sich, wie sie nach der Wende das Begrüßungsgeld abgeholt hat, da war sie 14. Mit dem Trabi sind sie in eine fränkische Kleinstadt gefahren: „Ich empfand es als demütigend, stundenlang für dieses Geld anzustehen, in der Kälte, im Schneeregen“, niemand im Dorf sei gleich losgestürmt, es ging allmählich, fast lethargisch in dieses neue Land.Krien machte eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin, holte das Abitur am Abendgymnasium nach, studierte Kultur- und Medienwissenschaften, jobbte und hat nebenher immer geschrieben: Tagebuch, Gedichte, Reime, Kurzgeschichten. Meist hat sie die Texte sofort vernichtet.„Diese beiden sind gefährlich“In ihrer Familie hat man sich erst viele Jahre später mit der versunkenen Welt auseinandergesetzt, dem verschwundenen Land. „Man braucht Abstand, um die Dinge zu betrachten, nicht nur die politischen, sondern auch die persönlichen. Man versteht auch das Scheitern einer Beziehung oft erst Jahre später“, sagt Krien.Womöglich ist das ein Grund, dass gerade mehrere Bücher erscheinen, die sich mit der DDR beschäftigen, mit ihren Individuen. Weil jetzt die Zeit reif ist. Das Dorf Görschnitz in Thüringen, in dem Krien groß geworden ist, existiert noch. Ihre Mutter lebt dort, auch ihr Bruder ist vor Kurzem zurückgezogen. Es habe aber nichts mehr mit dem Dorf von früher zu tun, in dem es eine intakte Struktur gab: Kindergarten, Gemeindeamt, Post, Kneipe, Konsum, ein Dorfleben. „Jetzt ist es nur noch eine Wohnsiedlung, man sieht niemanden auf der Straße, es gibt keine Gemeinschaft. Es ist nicht mehr der Ort, der mal meine Heimat war“, sagt Krien, die mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern seit mehr als zehn Jahren in Leipzig lebt.Seit ihr Buch erschienen ist, war sie erst einmal im Dorf zu Besuch. Jeder dort weiß, dass sie jetzt Schriftstellerin ist, und alle wollen ihr Werk kaufen, auch wenn sie es nicht lesen. Aber es steht im Regal: „Die kenn ich.“ Ein Mann allerdings zürnte: Das Buch gehöre auf die Abschussliste, es sei zu obszön. Ein anderer, aus Esslingen, schrieb in einem Brief: „Diese beiden Menschen machen mir Angst, weil die ihre Vernunft ausschalten.“ Das sei gefährlich. Krien schüttelt den Kopf. „Ich empfinde es umgekehrt: Wenn man es unterdrückt, wird es gefährlich.“Ein archaisches GefühlSie sieht sich in der Tradition erotischer Literatur, der von Marguerite Duras, Anais Nin, Benoîte Groult oder Henry Miller. „Schon diese eine Bewegung, die Sicherheit des klaren Verlangens macht mir einen alles auslöschenden Schwindel im Kopf, der jetzt vollkommen leer ist. Ich bin nun ein reines Gefühl“, monologisiert Maria im Roman. Entrückt, doch irdisch. Nach der Liebe kocht sie Henner eine Suppe. Die Liebe hat ihn weich gemacht.Für Krien gibt es zu wenige solcher Geschichten, und sie weiß auch, woran das liegt: „Man darf nicht mehr über Trieb schreiben“, sagt sie, „der Großteil der jungen Literatur vermeidet es ganz oder windet sich mühevoll drumherum. Und wenn darüber geschrieben wird, dann mit dieser extrem kühlen, kritischen Distanz.“ Ironisch über leidenschaftliche Liebe zu schreiben sei „in unserer Gesellschaft fast zu einer philosophischen Haltung geworden“, aber diese Ironie entwerte die Liebe.Oder es werde als Kitsch gedeutet, dabei sei Leidenschaft ein „archaisches Urgefühl“. Nur noch in wenigen Lebensbereichen könne man sich komplett fallen lassen, einer davon sei das Sexuelle. Krien klingt nun vehementer, lässt sich kaum unterbrechen. Sie wünsche sich keine pseudo-pornografischen Romane à la Charlotte Roche. Das Überraschende, das Mutige an ihrem Buch ist die Stille, mit der sie vom Brachialen im Begehren erzählen kann. Natürlich kann es nicht gut gehen, mit Maria und Henner. Sie scheinen auch nicht so richtig in unsere Zeit der Coolness zu gehören – diese Liaison, die Autorin, und ihr Buch. Oder doch? Offenbar berührt diese Geschichte eine Sehnsucht: Der Roman wurde mittlerweile in 14 Sprachen übersetzt.Es ist fast Mitternacht. Daniela Krien sitzt nach der Lesung mit Verlagsleuten, ihrer Tante, ihrem Cousin und einem Glas Chianti beim Italiener. Sie reden von alten Dorfzeiten, verschrobenen Typen. Ein geheimnisvoller Mann um die 40 sei das Vorbild für Henner gewesen, sie habe ihn oft von Weitem gesehen, gesteht Krien. Sie selbst habe eine solche Liebesgeschichte aber nicht erlebt, schiebt sie gleich hinterher. Trotzdem sei ihr so ein Sog nicht fremd: „Da war offensichtlich etwas, das sich herausgeschrieben hat.“ Das erste Mal fand sie einen ihrer Texte gelungen.Sie hatte Exposés an zehn große Verlage verschickt, zehnmal bekam sie eine Absage. Dann lernte ein Freund die Schwägerin ihrer jetzigen Verlegerin Tanja Graf kennen. Die war hingerissen von dem Stoff.