Der Hamburger Schriftsteller Frank Schulz ist ein Phänomen. Unendlich scheint sein Vorrat an originellen und witzigen Vergleichen, Metaphern und Wortneuschöpfungen zu sein. In der Hagener Trilogie hat er das gezeigt, aber auch in seinem zuletzt erschienen Band mit Erzählungen Mehr Liebe. Heikle Geschichten. Ganz zentral für seine Kunst ist dabei der Sinn fürs Mündliche. Alles, was vor allem im Norden Deutschlands gerade an Slang, Neusprech oder sonstigen sprachlichen Blüten im Umlauf ist, wird von ihm aufgenommen und verarbeitet. Seine Liebe zum Mündlichen geht so weit, dass er in seinem neuen Roman Onno Viets und der Irre vom Kiez zum vollen akustischen Genuss einiger Wörter und Sätze sogar die Lautschrift des Duden einsetzt. Allerdings nu
Kultur : Tröstende Sinnfreiheit
Im neuen Roman von Frank Schulz lässt sich ein Hartz-IV-Empfänger von nichts irritieren – auch nicht von einer St.-Pauli-Unterweltsgröße
Von
Fokke Joel
Duden einsetzt. Allerdings nur selten, sodass die Lesefreundlichkeit des Buches nicht darunter leidet.Aus dem Ruder gelaufenWeil Schulz’ erzählerische Qualität vor allem in seiner Schreibweise besteht, reicht für Onno Viets und der Irre vom Kiez der einfache Plot eines Krimis. So einfach, dass man die Geschichte des Buches in einem einzigen Satz zusammenfassen könnte: „Liebenswürdiger Hartz-IV-Möchtegern-Detektiv gerät bei seiner ersten Observation an eine gewaltbereite St.-Pauli-Größe und in Schwierigkeiten.“ Held seines sprachlichen Feuerwerks ist der Hartz-IV-Empfänger Onno Viets, der zusammen mit seiner Frau Edda in einer Altbauwohnung auf Sparflamme lebt und ein Faible für die lokale TV-Trash-Kultur hegt, die gleichzeitig das zweite wichtige Standbein für Schulzes grotesken Humor bildet. Viets’ Leben ist, wie bei vielen Hartzern, an einigen Stellen aus dem Ruder gelaufen.Er hat mehrere Ausbildungen abgebrochen und ist als Kleinunterehmer pleitegegangen. Letztlich aber hat er sich von all dem nicht irritieren lassen. Inzwischen Anfang fünfzig, will er es noch einmal wissen und eine Karriere als Detektiv beginnen. Als er diese Absicht seinen drei Tischtennisfreunden mitteilt, mit denen er sich jede Woche in der Turnhalle des „Günther-Jauch-Gymnasiums“ trifft, sind die erst mal skeptisch.Doch dann besorgt ihm Freund Christoph Dannewitz, Rechtsanwalt und gleichzeitig der Erzähler des Romans, seinen ersten Job. Dannewitz’ Mandant, der Popstar Nick Nolan, der im wirklichen Leben eigentlich Harald Herbert Queckenborn heißt, hat seine dreißig Jahre jüngere Freundin Fiona Popo in Verdacht, ihn zu betrügen. Kennengelernt haben sich die beiden in der Casting-Show „V-GIRLS“, ein Akronym für „Vote Germany’s International Red Ligth Stars“, deren Juryvorsitzender Nolan ist. Viets soll sie beschatten und das Beweisfoto für ihre Untreue liefern.Schnell findet er heraus, dass Fionas Liebhaber die rechte Hand eines Kiez-Oligarchen ist, der als äußerst aggressiv geltende Tibor Tretopov. An dieser Stelle wäre es eigentlich für Onno Viets an der Zeit gewesen, den Auftrag als eine Nummer zu groß abzubrechen. Doch seine Massenträgheit und der Druck des Finanzamtes, das ihm mit einer Strafanzeige wegen Steuerhinterziehung droht, wenn er seine Steuern nicht rechtzeitig zahlt, lassen ihn in die unberechenbare Geschichte schlittern.Trashige Hartz-IV-IdylleZunächst einmal erfährt der Leser jedoch das Ende der Geschichte. In einer Rahmenhandlung beschreibt Erzähler Christoph Dannewitz die vier Teile eines Videos, das im Internet unter den Titeln Alstermonster, Amok Huene oder Real Splatter kursiert. Ein Film, der auf dem Alsterdampfer Saselbek von der hessischen Touristin Dagmar zufällig mit ihrem neuen Camcorder aufgenommen wurde. Er zeigt, wie ein nackter ganzkörpertätowierter Riese die Saselbek kapert und die Fahrgäste samt einem kompletten Shanty-Chor als Geisel nimmt.Frank Schulz’ Idee, ein Video in Sprache zu übersetzen, ist genial. Denn hier wird einmal mehr die Überschätzung des Internets mit seiner Bilderflut gegenüber dem abstrakten Text deutlich. Obwohl das Video zum Vergleich nicht existiert, hat man den Eindruck, dass die Schilderung und Interpretation von Schulzes Erzähler Dannewitz die Qualität des eigentlichen Films weit hinter sich lässt. Wobei die Verlangsamung des Dargestellten durch die Vertextlichung gleichzeitig dem Geist von Schulzes Helden entspricht, der sich mit seiner „onnomatischen“ Langsamkeit dem modernen Leben zwar nicht völlig verweigert, den letzten Schrei der technischen Entwicklung jedoch mit Witz und Ironie infrage stellt.Witz und Ironie sowie die mit der Rahmenhandlung aufgebaute Spannung lassen dann auch schnell eine erzählerische Schwäche des Buches vergessen, nämlich den Erzähler Christoph Dennewitz, von dem man sich fragt, woher er all die Details der Geschichte kennt, war er doch selbst nicht dabei. Irgendwann erwähnt er zwar, dass Onno Viets ihm alles erzählt hat, aber die Intensität, mit der er Details schildert, lassen eher an einen allwissenden Erzähler denken, den Schulz auch gleich hätte einsetzen können.Ein bisschen auf den Senkel geht einem auch die trashige Hartz-IV-Idylle, in der sich Viets mit seiner Liebsten eingerichtet hat. Die mag ja ironisch gemeint sein, aber der Erzähler ist schließlich ein Freund des Helden, der die nötige Distanz für Ironie verständlicherweise nicht immer hat. Das alles aber überliest man gerne zugunsten der vielen schönen Formulierungen, deren tieferer Sinn nicht immer erkennbar ist, die aber oft gerade wegen der Sinnfreiheit treffend sind und einen mit ihrer erheiternden Wirkung über den Wahnsinn medialer und sonstiger Blödheit in der Welt hinwegtrösten.